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2title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (8)"
3sidebar_label: "Teil 8"
4sidebar_position: 8
5description: "Familienschicksale - Samuel Hirsch und seine Frau Jette Die folgenden Kapitel drehen sich vor allem um die Erlangung der für die Juden überlebenswichtige Schutz"
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8Familienschicksale - Samuel Hirsch und seine Frau
9Jette
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11Die folgenden Kapitel drehen sich vor allem um die
12Erlangung der für die Juden überlebenswichtige
13Schutzbrieferteilung.
14
15Im
16Jahre 1806 stellt der „Judenknecht“ Samuel Hirsch aus Barnten
17wiederholt einen Antrag auf einen Schutzbrief auf Rössing. Als
18„Judenknechte“ wurden alle nicht selbstständig arbeitenden
19männlichen Juden im „Amtsdeutsch“ bezeichnet. Dieser Schutzbrief
20wird ihm mehrmals abgeschlagen.
21
22Der
23gutachterliche Bericht des Rössinger Gemeindevogts war sehr
24ungünstig ausgefallen. Samuel Hirsch stammte aus Barnten, das zum
25Hildesheimer Amt Steuerwald gehörte.
26
27„*Nachdem
28sein in Armut geratener Vater sich zu seinem in Copenhagen
29etablierten Sohne begeben, hat er sich bald im Hildesheimischen, bald
30im Hannöverschen umhergetrieben. Mehr denn ein Schutzjude darf nach
31unserm unterthänigst pflichtmäßigen Dafürhalten im Dorfe Rössing
32nie vergleitet werden, wenn er sich auf ehrliche Art nähren und
33seinen Glaubensgenossen nicht als Bettler zur Last fallen soll. Es
34erscheint der hiesigen Amts- und Gerichtsgemeinde von keinem großen
35Gewicht, ob es gleich bei dem geführten umherschweifenden
36Lebenswandel des Supplikanten uns unthunlich gewesen, von dessen
37bisherigem Wandel zuverlässige Erkundigung einzuziehen.“*
38
39In diesem Schreiben vom 18. Dezember 1805 an das
40Regierungs-Collegium des Amtes Calenberg legt der Amtsvogt aus
41Rössing seiner vorgesetzten Behörde nahe, die Schutzbriefanträge
42des Samuel Hirsch ein für allemal abzulehnen.
43
44Samuel
45Hirsch hält sich die nächsten Jahre trotzdem vorwiegend in Rössing
46unter dem Adeligen Gericht als unvergleiteter Jude auf. Er lebt vom
47Trödelhandel mehr schlecht als recht. Als während der Franzosenzeit
48das westfälische Namensedikt 1808 verlangte, daß die hannöverschen
49Juden unveränderliche Familiennamen annehmen sollten, nennt er sich
50
51*Samuel
52Hirsch-Neuhaus*
53
54Er
55heiratet während dieser Zeit eine *Jette
56Behrens*
57aus Bernburg, mit welcher er jedoch eine „unzufriedene Ehe“
58führt.
59
60Bürgermeister
61(maire) Georg Opitz beschreibt die Verhältnisse des Ehepaares
62Hirsch-Neuhaus:
63
64„*Samuel Hirsch-Neuhaus, 39 Jahre,
65lebt vom Trödelhandel, seine Vermögensumstände sind schlecht. Er
66lebt unter dem Adeligen Gericht und hat eine Frau.“*
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68Bei
69der Frage nach der Schutzwürdigkeit heißt es einmal:
70
71„*Er
72führt nicht die beste Lebensart, mißhandelt seine Frau und überläßt
73sie der*
74
75*Wohltätigkeit
76anderer Leute. Er verdient den Schutz nicht.“*
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78Ein
79anderes Mal lautet seine Beurteilung ähnlich:
80
81„*Er
82stehet nicht in bestem Rufe, soll jedem schuldig sein und behandelt
83seine Frau äußerst schlecht, hat sich von ihr separiert, gibt ihr
84nichts zu leben und muß Leute um Almosen anbetteln. Meines
85Dafürhaltens soll ihnen der Schutz nicht gewährt werden. Ein Haus
86oder Grundstück besitzt das Paar nicht in Rössing*.“
87
88Nachdem das Paar schon einige Zeit getrennt gelebt
89hatte, ließ es sich im Jahre 1817 förmlich scheiden, und die Ehe
90wurde den jüdischen Gesetzen gemäß aufgehoben. Für ihr
91eingebrachtes Heiratsgut erhielt Jette Behrens von ihrem geschiedenen
92Ehemann 50 Reichstaler zurück.
93
941818 hat Samuel Hirsch-Neuhaus dann doch seinen
95Schutzbrief erhalten und der Rössinger Gemeindevogt Opitz steckt
96sich hinter die Verwaltung auf dem Calenberg, um Jette Behrens, die
97sich „*hier immer noch herumtreibt* *und mit allerlei
98Trödeleien abgibt,“* nach Bernburg, in ihre Heimat und zu ihren
99wohlhabenden Verwandten abzuschieben.
100
101„*Obwohl sie hier
102doch gar keine Veranlassung zu längerem Aufenthalt mehr hat, hält
103sie sich doch noch am Ort und in der Umgebung auf und hat auch immer
104noch ein Unterkommen gefunden. Da inzwischen zu befürchten ist, daß
105besagte Person, wenn sie einst alt und hilfsbedürftig ist, dem
106Publico zur Last fällt und um Unterstützung bittet, halte ich es
107für meine Pflicht, die Verhältnisse dem königlichen Amte
108anzuzeigen. Der Jette Behrens sei bitte zu bedeuten, daß sie sich
109binnen einiger Monate von hier wegzubegeben habe.“*
110
111Auf dies Schreiben vom Gemeindevogt Opitz vom
112Dezember 1819 erhält Jette Behrens vom Königlichen Amt Calenberg
113die Aufforderung, sich bis Ostern 1820 aus Rössing und dem hiesigen
114Amte zu entfernen. Offenbar hat sie dieser Aufforderung Folge
115geleistet, denn sie taucht in den Rössinger Akten nicht wieder auf.
116
117Das fiscalische Schutzgeld für Samuel
118Hirsch-Neuhaus war 1818 bei Erteilung des Schutzbriefes zunächst auf
1194 Reichstaler festgesetzt worden. Aber da das Geld nicht beizutreiben
120war, wird es 1822 auf 2 Reichstaler ermäßigt und danach *„wegen
121seiner Dürftigkeit“* ganz erlassen. Bis 1840 wird Samuel
122Hirsch-Neuhaus in den Listen der jüdische Einwohner noch geführt.
123Wahrscheinlich ist er dann gestorben und auf dem jüdischen Friedhof
124in Rössing beigesetzt.
125
126Quelle: NHSA Hannover, Sign. Hann 74, Cal. Nr. 425
127
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129
130*Aus der Reihe von Helga Fredebold, ursprünglich veröffentlicht am 2012-04-26 auf [fredebold.blogspot.com](https://fredebold.blogspot.com/2012/04/200-jahre-judische-geschichte-in_1630.html).*