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2title: "Familienschicksale: Der letzte Teil der Tragödie beginnt"
3sidebar_label: "Teil 18 – Der letzte Teil der Tragödie"
4sidebar_position: 18
5description: "Familienschicksale: Der letzte Teil der Tragödie beginnt Eine Reihe von „streng vertraulichen“ Schriftstücken der Gestapo (Geheimen Staatspolizei) an den Landra"
6---
7
8**Familienschicksale:
9Der letzte Teil der Tragödie beginnt**
10
11Eine Reihe von „streng vertraulichen“ Schriftstücken der
12Gestapo (Geheimen Staatspolizei) an den Landrat in Springe, die sich damit
13befassten, wie  mit den Juden verfahren
14werden sollte, wurden nur den obersten Spitzen der Behörden zugestellt. Die
15untergeordneten Instanzen bekamen immer nur Teilaufträge, so daß die Wenigsten
16den  schaurigen Weg, den die Juden gehen
17mußten, vollständig übersehen konnten.
18
19Am 25. März 1942 
20werden der Familie Blumenthal vier Verfügungen zugestellt, für jedes
21Familienmitglied eine. Sie hätten sich drei Tage später, am 28. März 1942, zum
22Abtransport mit einem LKW bereitzuhalten. Es handelt sich um Karl (47), seine
23Frau (43), Tochter Hanna (14) und Sohn Hans-Jürgen (11).
24
25*Jeder
26zu evakuierende Jude muß mitbringen*
27
28*1.)
291 Koffer oder Rucksack mit Ausrüstungsstücken*
30
31*(kein
32sperrendes Gut) bis 50 kg*
33
34*2.)
35Vollständige Bekleidung (ordentliches Schuhwerk)*
36
37*Bettzeug
38mit Decken (keine Matratzen)*
39
40*3.)
41Transportverpflegung für etwa 3 Tage,*
42
43*Essgeschirr
44(Teller oder Topf mit Löffel)*
45
46Offiziell hieß es, es ginge zum Arbeitseinsatz nach Polen.
47Ein LKW mit Anhänger sammelte die Juden aus dem Landkreis Springe auf
48vorgeschriebener Route am 28. März 1942 im Laufe des Vormittags ein. Die
49zweiköpfige Begleitmannschaft musste von der Gendarmerie gestellt werden, nicht
50von einer uniformierten NS-Organisation. Der Abtransport wäre sonst wohl
51weniger problemlos verlaufen. Der Transport ging zunächst zur Israelitischen
52Gartenbauschule nach Hannover-Ahlem. Dort war ein Sammellager
53eingerichtet,  und am 31.März 1942, also
54drei Tage später, ging ein Transportzug vom Bahnhof Fischerhof nach Trawniki
55bei Lublin ab.
56
57Die nüchterne Sprache der aufgefundenen Aktenstücke ist
58erschreckend, wenn man weiß, daß es sich um eine Reise ohne Wiederkehr
59handelte.
60
61Das vierseitige „vertrauliche“ Schreiben der Gestapo vom 19.
62März 1942 an den Landrat betr. der „Abwanderung" der Juden nach Trawniki
63bei Lublin in Polen, der die Einzelheiten der Abschiebung regelt, ist im
64Original erhalten. Da die Originalschriftstücke auf sehr schlechtem, vergilbtem
65Kriegspapier geschrieben  sind, werden
66hier nur einige Auszüge zitiert:
67
68Seite 1
69
70*Der
71Transportzug D a 6 (sogenannter Koppelzug) wird fahrplanmäßig*
72
73*am
7431.März 1942 um 12,12 Uhr in Gelsenkirchen eingesetzt und trifft mit 400 Juden
75der Staatspolizeileitstelle Münster um 18,15 Uhr in Hannover, Bahnhof
76Fischerhof, ein. Hier erfolgt die Zuladung der für Hannover (bzw. Hildesheim) abzuschiebenden
77500 Juden und die Einrangierung der benötigten Güterwagen und des B-Wagens für
78das Begleitkommando der Schutzpolizei. Um 18,36 Uhr fährt der Transportzug nach
79Braunschweig weiter und trifft dort um 20,05 Uhr ein. Die
80Staatspolizeileitstelle Braunschweig ladet die von ihr vorgesehen Juden (116)
81und das zugehörige Gepäck zu, so daß die endgültige Weiterfahrt des D a
826-Transportzuges nach Trawniki bei Lublin um 20.16 Uhr erfolgen kann.*
83
84*Die
85Auswahl der von der Maßnahme betroffenen Juden für die Regierungsbezirke
86Hannover und Hildesheim trifft die Staatspolizeileitstelle Hannover.*
87
88***Nicht abgeschoben werden******zunächst:***
89
901.    In deutsch-jüdischer Mischehe lebende
91Juden
92
932.    Juden ausländischer einschließlich
94sowjetrussischer Staatsangehörigkeit-----
95
963.    In geschlossenen kriegswichtigen
97Arbeitseinsatz befindliche Juden------
98
99Seite 2 / 3
100
101*Ehetrennung,
102sowie Trennung von Kindern bis zu 14 Jahren von den Eltern ist zu vermeiden.*
103
104***Jeder abzuschiebende Jude hat sein
105Bargeld, seine Wertpapiere, Sparkassenbücher, sonstige Wertgegenstände, wie
106Schmucksachen, Ringe, Halsketten, Armbänder usw. bei seiner Festnahme bei sich
107zu führen. Alle diese Gegenstände werden ihm bei der Durchsuchung der Koffer
108und der Leibesvisitation im Sammellager Ahlem abgenommen. Keinesfalls dürfen Juden
109Bargeld oder Wertgegenstände auf dem Transport mitnehmen. Nur Eheringe dürfen
110den Juden belassen werden.***
111
112*Für
113die aus dem Regierungsbezirk Hildesheim abzuschiebenden Juden werden vorstehend
114bezeichnete Sachen von der Außenstelle Hildesheim bereits in eigener
115Zuständigkeit abgenommen.*
116
117*Alles
118bewegliche und unbewegliche Vermögen der abzuschiebenden Juden wird mit
119Rückwirkung vom 1.3.1942 staatspolizeilich beschlagnahmt und eingezogen. Die
120Verwertung des eingezogenen Judenvermögens wird der Oberfinanz-präsident
121durchführen.*
122
123*Über
124die Kosten des LKW-Transportes wird der Gestapo vom Landkreis eine Rechnung
125zugestellt.*
126
127Der Befehl für diesen LKW-Transport wurde nicht schriftlich
128erteilt, sondern bezog sich auf eine mündliche Anweisung vom 10. Januar 1942,
129die die Gestapo dem Landrat übermittelt hatte.
130
131Quelle: NHSA Hann 174 Springe 162
132
133In der Einwohnerliste der Juden in Rössing wurden die Namen
134dann einfach durchgestrichen. Unter “Bemerkungen“ steht bei jedem Einzelnen:     „*evakuiert
135am 28. März.1942“*
136
137Der Gendarmerieeinzelposten Rössing vermeldet ganz lapidar
138dem Landrat am 29. März.1942 Vollzug mit dem Bericht, daß die Familie
139Blumenthal in Rössing am 28. März.1942 nach dem Osten abtransportiert worden
140ist.
141
142Quelle: NHSA  Hann 174
143Nr. 162
144
145**Nachtrag**
146
147Bei ihrem Abtransport ahnte Familie Blumenthal noch nicht,
148was ihr bevorstand. Sie glaubten an einen Arbeitseinsatz in Polen und daß man
149sie dort in Polen zusammen ansiedeln würde. Frau Blumenthal hatte ihre
150Nähmaschine in die Gepäckaufbewahrung zum Bahnhof Barnten gebracht, eine
151Nachbarin sollte sie ihr nachschicken, wenn sie ihre neue Adresse hätte, damit
152sie sich durch Nähen etwas dazuverdienen könnte. Was wirklich geschah, hätte
153sich niemand vorstellen können.
154
155Karl Algermissen aus Rössing hat als Soldat in Polen Karl
156Blumenthal noch einmal in der Nähe von Warschau bei Gleisarbeiten in einem
157erbärmlichen Zustand getroffen: „Karl, was machst Du denn hier?“ fragte er ihn
158ganz entsetzt. „Geh weiter, geh weiter“ sagte dieser nur. Am nächsten Tag
159wollte Algermissen ihm etwas zu Essen bringen, aber er hat Karl Blumenthal
160nicht wieder getroffen. Das war das letzte Lebenszeichen von der Familie
161Blumenthal. Wie sie alle gestorben sind, wissen wir nicht.
162
163Der Hausrat der Familie Blumenthal wurde auf dem Hof ihres
164Hauses versteigert und der Erlös dem Finanzamt zugeführt.
165
166---
167
168*Aus der Reihe von Helga Fredebold, ursprünglich veröffentlicht am 2012-06-24 auf [fredebold.blogspot.com](https://fredebold.blogspot.com/2012/06/200-jahre-judische-geschichte-in_1400.html).*