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2title: "1828"
3sidebar_label: "Teil 11 – 1828"
4sidebar_position: 11
5description: "Familienschicksale – Rahel Simson, Nathan Schay-Neuberg und ihre Kinder Rahel Simson und Nathan Schay-Neuberg werden Stammeltern einer jüdischen Familie, die üb"
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8## Familienschicksale – Rahel Simson, Nathan Schay-Neuberg und ihre Kinder
9
10Rahel
11Simson und Nathan Schay-Neuberg werden Stammeltern einer jüdischen
12Familie, die über vier Generationen bis ca. 1930 in Rössing
13ansässig ist.
14
15Nathan
16Schay-Neuberg bezahlt jährlich 4 Reichstaler für den Schutzbrief
17für sich und seine Familie und gehört somit zu den „reputierlichen“
18Juden. Er ist recht wohlhabend und handelt mit Tuch- und Ellenwaren,
19außerdem betreibt er einen Hoken- oder Kleinhandel.
20
21Eine
22amtliche Beurteilung über ihn lautet im Jahre 1816:
23
24*---ist
25ein rechtlicher Mann, führt sich recht gut und besitzt hier eine
26kleine Köthnerey.*
27
28Zwischen
291807 und 1815 bekommt das Ehepaar fünf Kinder:
30
31Nathan 1807
32
33Ester 1809
34
35Simon 1811
36
37Lina 1813
38
39Sara 1815
40
41Conrad
42Geburtsjahr unbekannt
43
44Außerdem
45gehören zum Haushalt der Schullehrer Daniel Rufen, der Handelsknecht
46Wolf Walbaum und die Magd Eva Moses.
47
48**1828**
49verfügt die Regierung**,**
50daß die Juden wieder
51unveränderliche Nachnamen annehmen müssen. Nathan Schay nimmt
52wieder seinen alten Namen aus der Franzosenzeit an: *Neuberg.*
53
54# Bildung von Synagogengemeinden
55
56Mit
57Schreiben vom 18. Juli 1843 fordert die Landdrostei die Juden in
58Rössing auf, Synagogengemeinden zu bilden. Der Vorsteher dieser
59Synagogengemeinde wird verpflichtet, Trauungs-, Geburts- und
60Sterbelisten zu führen. Dies sind die einzigen Quellen für die
61Lebensdaten der hiesigen jüdischen Einwohner. Von diesen Listen sind
62aber nur sehr wenige, dazu lückenhaft geführte Exemplare erhalten.
63Standesämter gab es noch nicht und jüdische Geburten oder
64Eheschließungen wurden in die christlichen Kirchenbücher nicht
65eingetragen.
66
67Der
68erste Synagogenvorsteher wird Nathan Neuberg.
69
70**Eine
71schöne Mitgift**
72
73Im
74Jahr 1854 taucht noch eine Julie Neuberg auf, die wir nicht ohne
75weiteres einordnen können. Es kann sich um eine spät geborene
76Tochter von Rachel und Nathan Neuberg oder um eine schon
77heiratsfähige Tochter des noch recht jungen Simon Neuberg handeln.
78
79Von
80ihr erfahren wir erst im Jahre 1854 etwas, als der 30jährige
81Handelsmann Levi Wolff aus Hildesheim sie heiraten will.
82
83Der
84Hildesheimer Magistrat hat Bedenken wegen der wirtschaftlichen Lage
85des Bräutigams. Aus diesem Grunde richtet er am 11. März 1854 eine
86Anfrage an die Gemeinde Rössing, ob die Angaben des Wolff zutreffen,
87dass der „Fabrikant“ Neuberg seine Tochter mit einem Brautschatz
88von 400 Reichsthalern ausstatten kann,
89
90und
91außerdem erkundigt er sich nach dem guten Ruf der Braut.
92
93Beide
94Fragen werden wohlwollend beantwortet.
95
96„*Der
97Fabrikant Neuberg ist sehr wohl des Vermögens, seiner Tochter eine
98Aussteuer von 400 Reichsthalern zu geben.*
99
100*Seine
101Tochter Julie Neuberg hat bis jetzt ein sittlich unbescholtenes Leben
102geführt*.“
103
104# Und so steht einer Heirat wohl nichts mehr im Wege. Allerdings erfahren wir in dem Schreiben auch nicht, ob es sich bei dem Brautvater, dem „Fabrikanten Neuberg, um den Vater Nathan oder seinen Sohn Simon Neuberg handelt.
105
106Kurze
107Zeit später, noch in demselben Jahre 1854 stirbt Nathan Neuberg.
108
109#
110
111# Das Erbe wird geteilt
112
113Nach
114dem Tode des Vaters wird der zweitälteste Sohn von Nathan, der 1811
115geborene Simon Neuberg im Jahr 1855 Synagogenvorsteher.
116
117Das
118Grundstück der Köthnerstelle Nr. 15 wird mit dem Garten der Länge
119nach geteilt. Zu jedem Teil gehört ein Wohnhaus und ein
120langgestreckter Garten. Das linke Haus erbt Simon, es behält die
121Nummer 15 (heute Lange Straße Nr. 7), das rechte Haus erhält der
122jüngste Sohn Conrad. Dies steht mit dem Giebel direkt an der Straße
123und bekommt die neue Hausnummer 71 (heute Lange Straße Nr. 9).
124
125Über
126Nathan, den ältesten Sohn des Ehepaares und die drei Töchter
127erfahren wir nichts. Ob sie verheiratet und fortgezogen oder
128verstorben sind, geht aus den Unterlagen nicht hervor.
129
130**Die
131nächste Generation**
132
133Simon
134Neuberg ist verheiratet mit Friederike Oppenheimer und hat zwei
135Kinder.
136
137Die
138Tochter Regine heiratet 1866 den 30jährigen Hermann Leidensdorf aus
139Neuhaus an der Elbe und verläßt Rössing.
140
141Der
142Sohn David ist Kaufmann und heiratet am 13. Februar 1872 Johanne
143Kaiser aus Eschwege, wo auch die Hochzeit stattfindet, und am 29.
144November desselben Jahres wird er Vater eines Sohnes Paul.
145
146Dieser
147Paul Neuberg taucht später als Inhaber eines Schuhgeschäftes in
148Walsrode auf. Seine Familie fällt später dem Holocaust zum Opfer.
149
150Wahrscheinlich
151ist Simon Neuberg 1873 schon verstorben, denn der Schlachter Israel
152Levi Blumenthal hat zu diesem Zeitpunkt das Amt des
153Synagogenvorstehers inne.
154
155Simon
156Neubergs Wohnhaus wird um die Jahrhundertwende 1899/1900 an
157Schneidermeister Wilhelm Haase verkauft, der es seiner Tochter
158vererbt und seit 1982 ist es im Besitz von Klaus Peinemann.
159
160Die
161Witwe von David Neuberg, Johanne Kaiser, lebt nachdem Wegzug ihres
162Sohnes und dem Verkauf des Hauses noch bis ca. 1930 allein in Rössing
163im Eikenhof Nr. 4 (etwa 2004 abgerissen). In der Nachbarschaft war
164sie als „Tante Nit“ bekannt. Sie hütete oft die Kinder der
165Bauern und ging mit ihnen spazieren, wenn diese keine Zeit hatten.
166Eine stereotype Redewendung von ihr war: „Nit woahr?“, und so kam
167sie zu ihrem Spitznamen. Sie starb etwa 1930 und hat die Zeit der
168Nationalsozialisten nicht mehr erlebt.
169
170Über
171die Familie von Conrad Neuberg oder seine Nachfahren ist nichts
172bekannt. Das Haus Nr 71 wird schon vor der Jahrhundertwende verkauft.
173Es wechselt mehrfach den Besitzer; Kregel, Sindram und bis in die
17450er Jahre Familie Siede. Der letzte Siede war ein besonderes
175Original, er war der letzte Rössinger Bader, gleichzeitig Friseur,
176Apotheker, Arzt, Zahnarzt und Kohlenhändler.
177
178Heute
179hat das Haus einen Sarstedter Besitzer.
180
181Damit
182war die Familie Neuberg in Rössing ausgestorben. Auf dem jüdischen
183Friedhof finden sich auch keine Grabsteine der Familie Neuberg mehr.
184Als 1940 der jüdische Friedhof zwangsweise verkauft wurde, entfernte
185man die umgefallenen und zerbrochenen Grabmale. Es blieben nur Steine
186der Familie Blumenthal erhalten, die bis 1942 in Rössing lebte.
187
188# Weitere Familiennachrichten
189
190Der
191Rössinger Stammvater der Neubergs, Nathan Schay, stammte aus
192Sarstedt. Die Sarstedter Neubergs waren eine angesehene und
193wohlhabende Familie und betrieben Textil- und Schuhhandel auf der
194Hauptstraße. Unter anderem gehörte ihnen das Haus Steinstraße 13,
195die heutige Begegnungsstätte der Gemeinde, bis sie in der NS-Zeit
196dem Holocaust zum Opfer fielen
197
198Quellen:
199NHSA Sign: Hann 74 Cal Nr. 423, 424, 425, 427, 428, 431
200
201---
202
203*Aus der Reihe von Helga Fredebold, ursprünglich veröffentlicht am 2012-04-26 auf [fredebold.blogspot.com](https://fredebold.blogspot.com/2012/04/200-jahre-judische-geschichte-in_7943.html).*