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2title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (21)"
3date: 2012-06-24
4authors:
5 - helga_fredebold
6tags: [juedische-geschichte, historie]
7description: "Der jüdische Friedhof Über den Ursprung des jüdischen Friedhofs an der alten Hildesheimer Straße, am Kirschenbrink, ist nichts bekannt. Aber er ist mit Sicherhe"
8source: https://fredebold.blogspot.com/2012/06/200-jahre-judische-geschichte-in_5009.html
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10
11**Der jüdische
12Friedhof**
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14Über den Ursprung des jüdischen
15Friedhofs an der alten Hildesheimer Straße, am Kirschenbrink, ist nichts
16bekannt. Aber er ist mit Sicherheit schon über 200 Jahre alt. Die jüdischen
17Friedhöfe auf den Dörfern wurden immer weitab vom Dorfmittelpunkt angelegt,
18häufig mitten in der Feldmark. Der hiesige Friedhof lag damals auch weitab.
19Durch die Ausdehnung des Dorfes liegt er heute schon am Rande des bebauten
20Gebietes. Aktenkundig wurde der Friedhof am 10. Februar 1813.
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23
24Damals war der 56-jährige *Adam Oppenheimer* aus Gronau infolge eines Unglücksfalles beim
25Überschreiten der zugefrorenen und mit Schnee bedeckten Leine ertrunken. Bei
26Rössing war er gefunden und zu einem Hause im Eikenhof gebracht worden. Dort
27wurde er von zwei Gronauer Glaubensgenossen, dem Kaufmann Heine Dannenberg, 23
28Jahre alt, und Isaac Meier, 20 Jahre alt, im Beisein des Rössinger
29Bürgermeisters Georg Opitz, (Rössing Nr. 22) identifiziert und dann auf dem
30Rössinger Judenfriedhof beigesetzt.
31
321992 forschte ein Dr. *Arnold
33Oppenheimer* aus London nach den Gräbern seiner Vorfahren auf dem Rössinger
34Judenfriedhof, zu denen auch der ertrunkene Adam Oppenheimer gehörte. Er teilte
35mit, dass viele seiner Gronauer Vorfahren auf dem Rössinger Friedhof beerdigt
36seien, weil Rössing ein *Sammelfriedhof* gewesen
37sei*.* Darüber waren aber hier bisher
38noch keine Unterlagen aufgefunden worden. Doch es wäre einleuchtend, weil der
39Rössinger Friedhof für die kleine Rössinger Synagogengemeinde allein sehr groß
40gewesen wäre. Dr. Oppenheimer konnte es gar nicht fassen, dass die alten
41Grabsteine seiner Familie nicht mehr erhalten sind, denn die Gräber der Juden
42hatten eine ewige Liegezeit und wurden normalerweise nicht eingeebnet.
43
44Die Zeitspanne zwischen der Feststellung des Todes und der
45Bestattung war bei den Juden immer sehr kurz. Innerhalb von 24 Stunden mussten
46sie beerdigt werden, zumindest durften sie nicht mehr im Hause sein. Erst ca.
4725 Jahre später nach diesem Todesfall, etwa 1840, wurde diese Frist auf 48
48Stunden verlängert, um zu verhindern, dass Scheintote oder im Koma Liegende bei
49lebendigem Leibe begraben wurden.
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51Quelle:  NHSA  Hannover, Sign. Hann 74, Gronau 1660/1665
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53# Schliessung der jüdischen Friedhöfe
54
55Am 31. Juli 1938 beantwortete die Gemeinde Rössing
56eine Anfrage der NS-Behörden, den jüdischen Friedhof betreffend:
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58*„Der
59jüdische Friedhof ist 4,37 ar groß, Eigentümer ist die jüdische Gemeinde in
60Rössing. Die letzte Beerdigung war hier am 5. Juni 1938. Es sind noch etwa 25
61freie Begräbnisplätze vorhanden. Zur Zeit wohnt noch eine jüdische Familie
62Blumenthal mit vier Personen in Rössing.“*
63
64Karl Blumenthal hatte sich schon mit Wilhelm
65Freimann, dem Grenznachbarn des jüdischen Friedhofes, in Anbetracht der sich
66zuspitzenden Judenverfolgungen in Verbindung gesetzt. Wilhelm Freimann grenzte
67mit seinem Hausgrundstück Nr 132, heute als Nr. 45 der Kirchstraße zugeordnet,
68an den Judenfriedhof. Am 2. Juli 1940 wurde in Hannover zwischen dem
69Rechtsanwalt Dr. Hans Israel Ries als alleinigem Vorstand der jüdischen
70Kultusgemeinde, welche die Nachfolgerin der jüdischen Gemeinde in Rössing war,
71und Wilhelm Freimann ein Kaufvertrag mit folgendem Inhalt geschlossen:
72
73*Die Schlosser Wilhelm Freimann kauft den ganzen jüdischen Friedhof von*
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75*4 ar 37m² für 218,50 RM. Der Käufer verpflichtet sich, während einer
76Liegefrist*
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78*von 30 Jahren den mit Gräbern belegten Teil des Friedhofs unangetastet
79zu*
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81*lassen und während der Liegefrist eine Grabpflege in angemessener Weise*
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83*vorzunehmen, den Angehörigen während der Liegefrist Zutritt zum
84Friedhof zu*
85
86*geben, auch wenn sie nicht mehr in Rössing ansässig sind, ggf.die
87Beerdigung der z. Zt. in Rössing ansässigen Juden auf dem Friedhof zu gestatten
88und unter allen Umständen die Pietät in erforderlicher Weise zu wahren.*
89
90*Der Käufer hinterlegt den Kaufpreis beim Notar. Dieser übermittelt es
91an die Reichsvereinigung der Juden in Berlin, die zugunsten des (jüdischen)
92Gemeindevermögensfonds Rössing überweist.*
93
94*Wilhelm Freimann ist Arier im Sinne des Gesetzes.*
95
96*Unterschrift                           Unterschrift*
97
98Offenbar hatte man die Liegefristen für die
99jüdischen Gräber schon auf 30 Jahre beschränkt.
100
101Bei dieser Art Verträge war folgendes üblich:
102
103Als am 6. September 1940 das Synagogengrundstück in
104Eldagsen verkauft wurde, wurde der Vertrag ebenfalls vor Dr. Ries in Hannover
105abgeschlossen. Als sich die Synagogengmeinde über den geringen Verkaufspreis
106von 2.000 RM beschwerte, wurde ihr mitgeteilt, daß die Synagogengemeinde als
107Verkäuferin sowieso nur 500 RM davon bekäme, 1.500 RM gingen an das Reich als
108Ausgleichszahlung. Außerdem muß der Käufer noch 200 RM an den Makler bezahlen.
109So ähnlich wird es auch beim Verkauf des Rössinger Friedhofs zugegangen sein.
110
111Familie Freimann räumte den Friedhof auf und
112entfernte die umgefallenen und zerbrochenen Grabsteine. Im übrigen hielt sie
113ihn die ganzen Jahre in Ordnung, bis sie ihn nach dem Krieg entschädigungslos
114wieder an die jüdische Gemeinde in Hannover (Haeckelstraße 13) übereignen
115mußte, so war das Gesetz. Bis 1979 pflegte Familie Hachmeister-Freimann, nun
116gegen ein geringes Entgelt, den Friedhof weiter.
117
118Danach wurde eine Gärtnerei mit der Pflege
119beauftragt, die mehrmals im Jahr den Rasen mäht. Die Gräber sind mit Efeu
120bepflanzt, der auch geschnitten wird, und die Grabsteine wurden gereinigt.
121
122Der Friedhof wurde neu eingezäunt, er erhielt
123verschließbare Pforten, und ein holzgeschnitztes Schild „Judenfriedhof“ macht
124auf den etwas versteckten Standort. aufmerksam.
125
126.
127
128Quellen: NHSA Hannover, Sign: Hann 174, Springe Nr.
129163 und Nr. 167
130
131Sechs alte Gräber und Grabsteine stehen noch auf dem
132Friedhof. Vier davon sind aus schon sehr verwittertem Sandstein. Neben den
133Namen und Daten auf der Vorderseite tragen sie auf der Rückseite umfangreiche
134hebräische Inschriften.
135
136**Lewi Blumenthal**                       **Meier Blumenthal**
137
138geb. 1813, gest. 1881                geb. 1819, gest. ---
139
140Sie waren die beiden Söhne des ersten Blumenthal
141Israel Lewi I in Rössing
142
143**Line Blumenthal**                                        **Johanne Blumenthal**
144
145geb. 1819, gest 1884                                 geb. 1855,
146gest. 1926
147
148die Frau von Meier Blumenthal
149              die Schwester von Moritz
150Blumenthal
151
152Der Grabstein von Moritz Blumenthal ist aus
153schwarzem Marmor, der von seiner Frau dagegen schon recht klein und bescheiden.
154
155Hier
156ruht in Gott                                          Hier
157ruht
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159mein
160unvergesslicher Gatte                     unsere
161liebe Mutter
162
163und
164meiner Kinder                                     **Sophie Blumenthal**
165
166treusorgender Vater                                   geb.
16718.4.1866
168
169**Moritz Blumenthal** gest. 4.5.1938
170
171geb. 7.12.1858
172
173gest. 17.11.1930
174
175Von den fünf Söhnen von Moritz und Sophie Blumenthal
176fand keiner mit seiner Familie die letzte Ruhestätte auf dem Jüdischen Friedhof
177seines Heimatdorfes. Hermann und Gustav mit seiner Frau sind in den USA
178geblieben und dort beerdigt, ebenso Willi.
179
180Robert wurde als erster am 15. Dezember 1941 mit
181Frau und Kindern nach Riga ins Ghetto transportiert, als Todesdatum wurde
182angegeben 26.März 1942. Karl und Familie wurden am 28. März nach Trawniki in
183Polen deportiert. Niemand weiß, wo sie geblieben sind und wie sie den Tod
184fanden.Und von Willis Frau und Kindern haben wir gar keine Daten. Nur der Name
185Blumenthal auf den sechs Grabsteinen erinnert noch an diese jüdische Familie,
186die fast 140 Jahre in Rössing gelebt hat.
187
188**Vier
189Stolpersteine**
190
191Die Gemeinde hat vor dem Hause der Blumenthals in
192der Maschstraße Nr. 22 zum Gedenken an ihre jüdischen Mitbürger am 19. November
1932009 vier „*Stolpersteine“* durch
194Gunter Demnig verlegen lassen: In einer sehr würdevollen Feier in Anwesenheit
195von mehreren Mitgliedern der Familie Blumenthal wurden vier Messingplatten mit
196den Namen der einzelnen Familienmitglieder ins Pflaster vor dem Hause eingelassen.
197Es sind keine wirklichen Stolpersteine, sie sollen nur auffordern einen
198Augenblick des  Gedenkens innezuhalten.
199
200Trotz ihrer schrecklichen Schicksale sind die beiden
201Kinder von Gustav Blumenthal, Werner und Lore, wieder nach Deutschland
202zurückgekommen, um hier zu leben. Werner ist nach der Internierung in Kanada
203nach Herne gegangen, hat 1947 dort geheiratet und seine fünf Kinder leben alle
204in Deutschland – in Berlin, Hamburg und Herne. Von dort sind sie gekommen, um
205an der Feier teilzunehmen.
206
207Lore ist nach dem Tode der Mutter - mit ihrem
208amerikanischen Mann und dessen Mutter - ihrem Bruder nach Herne gefolgt. 1999 ,
209mit 73 Jahren, ist sie in Herne gestorben.