Skip to content

admin/dorfarchiv

PublicMirror

Mirror of https://forge.levinkeller.de/levin/dorfarchiv.git

feat: Inhalte des Fredebold-Blogs als Berichte importiert

Übernahme aller 31 Beiträge von https://fredebold.blogspot.com (Helga
Fredebold, Heimatforscherin Rössings) in den Berichte-Bereich:

- "Rössing - Aus der Geschichte eines alten Dorfes" (Einleitung)
- "Die Herren von Rössing" (3-teilige Reihe)
- "Das Meierding in Rössing" (4-teilige Reihe)
- "Unfreie Bauern auf kirchlichem Grundbesitz"
- "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing" (21-teilige Reihe)
- Eine historische Aufnahme

Bilder lokal eingebunden, Frontmatter mit Autor, Datum, Tags und
Quell-URL ergänzt. Autor "helga_fredebold" in authors.yml aufgenommen
sowie passende Tags (historie, ortsgeschichte, juedische-geschichte,
meierding, herren-von-roessing, kirchengeschichte) in tags.yml ergänzt.

https://claude.ai/code/session_019LmaXdyVUBTz4eYjPv8fmG
Claude authored 1 parent b01dcd4commit 6b83fb2a60d74f2dbca3c0b90e306d5d3a19c62bBrowse files

Showing 38 changed files with 3389 additions and 0 deletions.

Addedberichte/2012-01-13/roessing-geschichte-eines-alten-dorfes-bild-1.jpg

Binary file not shown.

Addedberichte/2012-01-13/roessing-geschichte-eines-alten-dorfes.md+27 -0
@@ -0,0 +1,27 @@
1added: ---
2added: title: "Rössing"
3added: date: 2012-01-13
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [historie, ortsgeschichte]
7added: description: "Aus der Geschichte eines alten Dorfes Viele Dörfer in den Altsiedellandschaften des Calenberger Landes feierten um die Jahrtausendwende ihr 900- , 1000- oder ga"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/01/rossing-aus-der-geschichte-eines-alten.html
9added: ---
10added:
11added: **Aus der Geschichte eines alten Dorfes**
12added:
13added: Viele Dörfer in den Altsiedellandschaften des Calenberger Landes feierten um die Jahrtausendwende ihr 900- , 1000- oder gar 1111jähriges Bestehen. Auch die Rössinger haben das ganze Jahr 2000 hindurch mit vielen Veranstaltungen den 1150sten 'Geburtstag' ihres Dorfes gebührend gefeiert.
14added:
15added: <!--truncate-->
16added:
17added: Das Alter einer Ortschaft rechnet man vom Zeitpunkt ihrer ersten urkundlichen Erwähnung an. Natürlich war der Ort Rössing, bevor die Ansiedling aktenkundig wurde, bereits bewohnt. Die älteste schriftliche Überlieferung finden wir in der älteren Reihe der *Corveyer Traditionen*, die zwischen 822, dem Gründungsjahr der Benediktinerabtei in Corvey an der Weser, und 877 entstanden sind. Diese Schriften enthalten einfache, undatierte Verzeichnisse der dem Kloster übereigneten Grundstücke und Ländereien in lateinischer Schrift. Der Geber und seine Gaben werden genannt, Personen, in deren Interesse die Schenkung erfolgte, und eine Reihe Zeugen. Die Schenkung selber fand als symbolischer Akt statt - durch die Übergabe eines Zweiges oder eines Rasenstücks.
18added:
19added: Doch diese *Corveyer Traditionen* sind im Original nicht mehr erhalten. Sie zerfielen und vermoderten im Laufe von über tausend Jahren. So ist die älteste Überlieferung des Namens Rössing 'nur' in einer Abschrift enthalten, die der Priester und Kreuzherr Johannes von Falkenhagen im Jahre 1479 angefertigt hat. Dieses mit großer Sorgfalt ausgeführte Dokument stellt die wertvollste Unterlage der derzeitigen historischen Untersuchungen dar.
20added:
21added: Rössing ist darin in unterschiedlicher Schreibweise zweimal verzeichnet. Denn der Schreiber hat die abgeschriebenen alten Ortsnamen zusätzlich in der Schreibweise des 15. Jahrhunderts am Rande des Dokuments ausgeworfen. So steht für das alte rotthingun am Rande rotthingen. Und bei der zweiten Eintragung heißt es im Text hrottingun und am Rande rottingen - was sich exakt mit der Schreibweise für Rössing in damaliger Zeit deckt.
22added:
23added: Unter Berücksichtigung dieser Tatsachen kann man das Jahr 850 – also die Mitte zwischen 822 und 877 - als den Zeitpunkt annehmen, an dem Rössing urkundlich gegründet sein muss. Die Feiern zum 1150 jährigen Bestehen von Rössing im Jahr 2000 fanden also auf quellensicherem geschichtlichem Boden statt.
24added:
25added: Quelle: Staatsarchiv Münster, Corvey-Akten Nr. 1419
26added:
27added: ![](./roessing-geschichte-eines-alten-dorfes-bild-1.jpg)
Addedberichte/2012-01-23/herren-von-roessing-01.md+43 -0
@@ -0,0 +1,43 @@
1added: ---
2added: title: "Die Herren von Rössing ( 1)"
3added: date: 2012-01-23
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [herren-von-roessing, historie]
7added: description: "Nach Familienüberlieferung leben sie seit 1039 in Rössing, urkundlich bezeugt seit 1132 und heute noch, nach bald 1000 Jahren, ist die Familie an dem Ort ansäss"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/01/die-herren-von-rossing-von-helga.html
9added: ---
10added:
11added: Nach Familienüberlieferung leben sie seit 1039 in Rössing, urkundlich bezeugt seit 1132 und heute noch, nach bald 1000 Jahren, ist die Familie an dem Ort ansässig, nach dem sie sich nennt.
12added:
13added: <!--truncate-->
14added:
15added: Hier hatte die Familie ihren Rittersitz mit Ländereien und gutspflichtigen Leuten. Die Männer standen als Ministeriale in Diensten der Hildesheimer Bischöfe und erhielten von diesen umfangreichen Lehnsbesitz mit zahlreichen zehnt- und dienstpflichtigen Bauern in Rössing und anderen Teilen des Bistums. Die Lehnsgüter wurden im Mittelalter adeligen „Lehnsmannen“ verliehen gegen persönliche, nicht bäuerliche Leistungen, z.B. ritterliche Gefolgschaftsdienste. Sie sollten der Familie ein standesgemäßes Auskommen sichern. Die Herren von Rössing besaßen die Patrimonialgerichtsbarkeit, also die niedere Gerichtsbarkeit „über Haut und Haar", sie hatten das Mühlen-, das licentfreie Braurecht und das Kirchenpatronat, denn nach Überlieferung hatten sie die Kirche St. Peter und Paul auf eigenem Grund und Boden um 1290 gestiftet.
16added:
17added: **Ein Dorf** **zwischen zwei Rivalen**
18added:
19added: Die Geschichte Rössings ist geprägt von seiner Lage an der westlichen Grenze des Fürstbistums Hildesheim. An der Leine saßen die welfischen Herzöge, die noch nie zimperlich waren, wenn es darum ging, ihre Machtposition auszubauen, auf ihrer 1290 dort provokativ errichteten Feste Calenberg. Bei ihren ständigen Versuchen, ihren Machtbereich gegen die Hildesheimer Bischöfe nach Osten hin zu erweitern und ihre Grenznachbarn, die Herren von Rössing, aus ihren Besitzungen auszukaufen und zu verdrängen, setzt ihnen das selbstbewußte Rittergeschlecht erheblichen Widerstand entgegen, nach dem Wahlspruch:
20added:
21added: *Wer Gott vertraut, brav um sich haut,*
22added:
23added: *der hat auf keinen Sand gebaut.*
24added:
25added: **Ritter Lippold III Longus von Rössing**
26added:
27added: Eine besonders hervorstechende Persönlichkeit in der Geschichte dieser adeligen Familie war Ritter Lippold III Longus von Rössing. Er war ein Mann seiner Zeit, der Zeit der mittelalterlichen Fehden. Die Fehde galt als legitimes Mittel, sein Recht, oder auch nur sein vermeintliches Recht, nach schriftlichem Fehdebrief durchzusetzen.
28added:
29added: 1331 verpflichtet sich Lippold III schriftlich für fünf Jahre dem Rat der Stadt Hildesheim zum Kriegsdienst mit Knechten und Pferden, mit Rüstungen und Waffen. Dafür muß ihm die Stadt jährlich 100 lötige Mark zahlen. Sollte er gefangen werden, muß die Stadt für ihn das Lösegeld aufbringen.
30added:
31added: Am 11. November 1333 fordert Lippold III Longus in einem Beschwerdebrief seinen Anteil an der im Krieg gemachten Beute. Dazu gehört, was Bürger und Ritter bei dem Überfall auf die Dammstadt in der Weihnachtsnacht 1332 erbeutet haben, dem schwärzesten Blatt der Hildesheimer Stadtgeschichte: Erwachsene wie Kinder, und auch der Priester waren in der Kirche niedergemetzelt worden.
32added:
33added: Lippold  und sein Sohn Geverd errichten 1342 eine Burg, ein festes Haus (Kemenate und Wohnung) in Rössing, wie sie schriftlich versichern müssen: „zum Schutz der Herzöge“. Dem welfischen Herzog Heinrich wird die Burg aber lästig, er zerstört sie 1431 und verbietet den Wiederaufbau. Gestattet werden nur Gebäude für Wohn- und Wirtschaftszwecke.
34added:
35added: Lippold III war dreimal verheiratet und gelangte durch eine seiner Heiraten an die „Herrschaft Hohenbüchen“ bei Alfeld, die später veräußert wird. Er war zweifellos ein mächtiger Mann, und um ihn rankt sich die Sage vom Räuber Lippold.
36added:
37added: **Ehrenvolle Ämter**
38added:
39added: Die Herren von Rössing sind aber nicht nur Ritter, die Kriegsdienste leisten, sondern. mehrere Familienmitglieder erwerben das hoch angesehene Amt des Domscholasters und werden Leiter der berühmten Hildesheimer Domschule. Andere sind Domherren, und im Jahre 1398 erhalten Siverd und Dietrich von Rössing das erbliche Marschallamt im Bistum Halberstadt, zugleich mit Gütern in Berssel und Suderode. Der Titel Erbmarschall für den Senior der Familie war bis ins 19. Jahrhundert gebräuchlich.
40added:
41added: Siverd steigt 1415 zum Kaiserlichen Reichsvoigt der Silberstadt Goslar auf, was sein Ansehen noch erheblich stärkt.
42added:
43added: Wenn Herzog Erich d.Ä. den Herren von Rössing 1506 auch das ehrenvolle, erbliche Hofamt des Erbkokenmeisters (Erbküchenmeisters) mit all seinen Einkünften verleiht, so sind die von Rössing doch selten in hannoverschen Diensten zu finden, sondern engagieren sich lieber in Kurbrandenburg und Preußen, wo sie Offiziere werden oder in hohe Staatsstellungen aufsteigen.
Addedberichte/2012-01-30/herren-von-roessing-02.md+85 -0
@@ -0,0 +1,85 @@
1added: ---
2added: title: "Die Herren von Rössing (2)"
3added: date: 2012-01-30
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [herren-von-roessing, historie]
7added: description: "Machtausdehnung der Welfen 1519 bricht die Hildesheimer Stiftsfehde aus, zunächst ein Konflikt zwischen Fürstbischof Johann IV. und dem Stiftsadel. Etwa 20 adli"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/01/machtausdehnung-der-welfen.html
9added: ---
10added:
11added: **Machtausdehnung der Welfen**
12added:
13added: 1519 bricht die Hildesheimer Stiftsfehde aus, zunächst ein Konflikt zwischen Fürstbischof Johann IV. und dem Stiftsadel. Etwa 20 adlige Ritter um die von Saldern, zu denen auch die Herren von Rössing gehören, verbünden sich und verweigern die Rückgabe der vom Bischof an Adel und Ritterschaft verpfändeten Güter und Ländereien, die dieser wegen seiner schlechten finanziellen Lage einlösen will. Die anfangs lokale Auseinandersetzung entwickelt sich zu einem offenen Krieg der niedersächsischen Territorialfürsten. In der großen Schlacht bei Soltau am 28. Juli1519 bleibt das Hochstift militärischer Sieger.
14added:
15added: <!--truncate-->
16added:
17added: Aber der neugewählte Kaiser Karl V. in Wien fällt eine völlig andere Entscheidung.
18added:
19added: Über Bischof Johann wird 1522 die Reichsacht verhängt und 1523, beim Friedensschluß im Quedlinburger Rezeß, wird das Fürstbistum Hildesheim bis auf die drei Ämter Peine, Steuerwald, Marienburg und die Domprobstei völllig zerschlagen und auf die angrenzenden welfischen Fürstentümer aufgeteilt.
20added:
21added:
22added:
23added: Rössing wird dem Fürstentum Calenberg zugeordnet. Es wird auch bei der Restitution des Stiftes 1643 nicht wieder zurückgegeben.
24added:
25added: Herzog Erich der Ältere läßt  nicht nach, seinen persönlichen Machtbereich, sein „Hausgut“ durch Grunderwerb am Calenberg zu erweitern. 1527 und 1532 kauft er den Herren von Rössing große Teile ihres erblichen Eigenbesitzes ab. Er übt ziemlichen Druck auf seine Nachbarn aus, obwohl er die erforderlichen  Summen nicht aufbringen kann. Immer wieder werden Zinszahlungen angemahnt, bis ein Teil der gekauften und nicht bezahlten Ländereien wieder zurückgegeben werden muß.(1)
26added:
27added:
28added:
29added: **Die Herzogliche Vogtei und das Patrimonialgericht der Herren von Rössing**
30added:
31added:
32added:
33added: Herzog Erich d. Ältere erwirbt 1537 die Pfandschaft über das bisher vom Kloster Helmarshausen an das Godehardikloster verpfändete Meierding in Rössing mit Vogtei und Gericht. So wird ihm die Hälfte der Rössinger Bauern zehnt- und dienstpflichtig und untersteht seiner Gerichtsbarkeit.
34added:
35added:
36added:
37added: Schon als das Godehardikloster das Meierding im Pfandbesitz hatte, gab es ständig Streit mit den Herren von Rössing um die Gerichtsbarkeit, die diese sich im Dorf nicht nehmen lassen wollten. Das ging so weit, daß Siegfried und Friedrich von Rössing im Jahr 1516 wegen Nichterscheinen zu Gerichtsterminen mit dem Godehardikloster vom Gericht der Benediktinerklöster in Erfurt exkommuniziert wurden.
38added:
39added:
40added:
41added: Das Amt Calenberg setzt für seinen Gerichtsbezirk in Rössing einen Untervogt, später einen Amtmann ein. Dieser ist auch Steuereinnehmer und versieht Verwaltungsaufgaben und Registratur.
42added:
43added:
44added:
45added: **Konflikte vorprogrammiert.**
46added:
47added:
48added:
49added: Die Herren von Rössing verbleibt die andere Hälfte des Dorfgerichts als „geschlossenes Adeliges Untergericht“ mit patrimonialem Charakter. Aber daß adelige Gerichtssassen und herzogliche Amtsuntertanen neben- und durcheinander wohnen, gibt es einzig in Rössing und da sind Konflikte natürlich vorprogrammiert. Prozesse sind an der Tagesordnung und die Akten darüber füllen Bände. (2)
50added:
51added: Denn die Gerichtshoheit ist nicht nur ein wichtiges Herrschaftsindiz der Territorialstaaten, sondern sie hat auch handfeste materielle Hintergründe, weil die Strafgelder dem Gerichtsherrn zufallen.
52added:
53added: Die Dorfsassen des geschlossenen Untergerichts werden im Gegensatz zu denen eines ungeschlossenen in keinen Amtslagerbüchern, Registern und Katastern des Amtes geführt, sondern nur beim Adeligen Gut. Die Herren von Rössing empfangen ihre Anweisungen wie zum Beispiel über Kriegssteuern oder sonstige Anordnungen direkt von der Regierungskanzlei, ohne die Zwischenschaltung subalterner Beamter.
54added:
55added:
56added:
57added: **Zwei Gerichtshoheiten in Rössing**
58added:
59added:
60added:
61added: Differenzen durch die doppelte Gerichtsbarkeit im Dorf bleiben nicht aus. So beschwert sich Ludolph von Rössing 1654 in einem Schreiben an den Amtmann von Calenberg, weil zwei seiner Leute wegen etlicher Feldbrüche auf dem Calenberger Landgericht erscheinen sollen. Da von jeher: die gesamten Rössingschen Herrenleute niemals zum Calenbergischen Landgericht gezogen, sondern alles, was an dieser Seite der Zollbrücke (an einem alten Leinearm bei Calenberg) verwirket, auf das Rössingsche Gericht gehöre, und weil den Herren von Rössing die Hälfte des Strafgeldes zustehe, wahre er seine Rechte, um aller Neuerung vorzubauen und in seinem Rechte unbetrübt zu bleiben.
62added:
63added:
64added:
65added: Die Jurisdiktion auf den Straßen von Rössing ist ein weiterer Streitpunkt. Höchstens auf des Herzogs Hildesheimer Heerstraße erkennen die Herren von Rössing sie an. Die Gäßchen in Rössing verdienten den Namen Straße nicht, sie führten nur zu einigen Bauernhäusern und so jagt man sich dort gegenseitig die Verbrecher ab.
66added:
67added:
68added:
69added: Wie dem von Rössingschen Schäfer Steinwehe einmal ein Hammel gestohlen wird, ertappt man den Täter und verfolgt ihn. Die Gutsleute greifen ihn samt dem corpus delicti im Dorf und setzen ihn im Haus des Schäfers auf gutseigenem Hofe fest. Bevor der Täter, wie es der Rechtsbrauch ist, für drei Tage auf dem adeligen Hof ins Gefängnis gesetzt werden kann, holt ihn der Vogt mit Gewalt auf den Calenberg. Eigentlich müßte er nach drei Tagen Gutskarzer und Meldung beim Amt auf Verlangen desselben ordnungsgemäß zwischen den beiden Brücken (der Rössingbachbrücke und der Schloßgrabenbrücke) übergeben werden. Wieder ist ein Protestschreiben fällig.
70added:
71added:
72added:
73added: Oft trifft es auch die kleinen Leute. Wie der Gutsuntertan Wintel 1768 heiraten will, wird beim Gut der Manntaler fällig. Auch der Ehedispens wird dort kostenlos ausgestelt. Trotzdem verlangt der Amtsvogt Rothard noch 2 Taler und 31 Mariengroschen, weil sich die Braut bei der Verlobung im Hause eines Amtsuntertanen aufgehaltenhat. Der Ehedispens sei ganz mit Fett oder Tran vollgeschmiert und er erkenne ihn nicht an. Von Rössing beschwert sich bei der Königlichen Justizkanzlei, daß die Landesgesetze ausdrücklich verordnet haben, die Armut nicht über Billigkeit zu beschweren und daß für eine Ehestiftung nicht mehr als 1 Reichstaler genommen werden soll. Außerdem versuche der Vogt Rothard „überall Geld zu erhaschen.“
74added:
75added: Aber er wird abgewiesen.
76added:
77added: Diese Zweiteilung der Dorfschaft dauert bis zum Jahr 1821, als die hannoversche Regierung die Auflösung des Adeligen Gerichts verfügt und beide Gemeindeteile 1829 unter calenbergischer Verwaltung vereinigt werden. Die Herren von Rössing werden wiederholt aufgefordert, die Akten und Registratur des Adeligen Gutes, bzw. seiner Untertanen an das Amt Calenberg abzuliefern; diese wurden dort und nicht beim Amt geführt. Aber allem Anschein nach ist das nicht geschehen, denn wiederholt werden die Deposita angefordert. Die Aktenlage über die gutspflichtigen Bauern ist, wohl auch deshalb, sehr schlecht.
78added:
79added:
80added:
81added: Quellen:
82added:
83added: (1) NHSA Sign. Cal Or Des 24 neu Nr 45 ff.
84added:
85added: (2) NHSA Hann. 74 Cal Nr 293 - 298
Addedberichte/2012-01-30/herren-von-roessing-03.md+37 -0
@@ -0,0 +1,37 @@
1added: ---
2added: title: "Die Herren von Rössing (3)"
3added: date: 2012-01-30
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [herren-von-roessing, historie]
7added: description: "Der Bau des Schlosses 1579-89 Bei einer Erbteilung im Jahre 1577 erhält Ludolph von Rössing als der jüngere von zwei Brüdern den Rittersitz Rössing mit Kirchenp"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/01/die-herren-von-rossing-3.html
9added: ---
10added:
11added: **Der Bau des Schlosses 1579-89**
12added:
13added: <!--truncate-->
14added:
15added: Bei einer Erbteilung im Jahre 1577 erhält Ludolph von Rössing als der jüngere von zwei Brüdern den Rittersitz Rössing mit Kirchenpatronat, Gericht und sonstigen Zubehörungen und die Hälfte der auswärtigen, zu Rössing gehörenden Einkünfte. Er heiratet 1579 Anna von Stöckheim und beginnt mit dem Bau des Wasserschlosses. Daran erinnert noch das Allianzwappen am steinernen Portal des östlichen Flügels. Er hatte namhafte Geldmittel in Kriegsdiensten für den spanischen sowie für den französischen König erworben, die ihm die Errichtung des Schlosses in Rössing ermöglichen.
16added: Gleichzeitig mit Rössing baut Ludolph nach fast demselben Plan, nur aufwendiger mit einem großen Rittersaal, den dreigeschossigen Bunten Hof in Osterwieck, eine der von Rössingschen Besitzungen.
17added: Die beiden rechtwinklig zueinander stehenden Gebäude der zweiflügeligen Rössinger Anlage sind erbaut im Stil der Weserrenaissance, allerdings wesentlich einfacher als die bekannteren Bauten dieser Epoche. Sie sind verbunden durch einen Fachwerkturm mit einer glockenförmigen, welschen Haube. Der westliche Flügel ist mehrfach umgebaut und vergrößert worden und erhält ca. 1910 eine sandsteinerne, historistische Westfassade. Der besondere Reiz der Anlage liegt in den umlaufenden Gräften, von denen die eine vollständig und die andere noch als Teich vorhanden ist. Die Zugbrücke über den recht breiten Schloßgraben wird 1821 durch eine steinerne Bogenbrücke ersetzt.
18added:
19added:
20added: **Die weitere Entwicklung des Adeligen Gutes**
21added:
22added: Im 18. Jahrhundert verfügt die Familie von Rössing noch über einen sehr umfangreichen Lehnsbesitz. Aber sämtliche Lehnsvettern geraten wegen Verschuldung in Prozesse, die 1713 sogar eine kaiserliche Kommission beizulegen versucht. Als Folge dieser Erbstreitigkeiten gehen die Halberstädtischen Besitzungen Berssel, Suderode und Osterwieck der Familie verloren. Als sich die Anzahl der Lehnsvettern 1724 verringert hat, werden die Nutzungsrechte des Rittersitzes in Elftel aufgeteilt.
23added:
24added: Louis von Rössing (1790 – 1856) war der Ur-Ur-Großvater des jetzigen Seniors der Familie, Gerhard Freiherr von Rössing und von Hugo. Er war Offizier in der Königlich-Deutschen-Legion, in der Georg III die Reste der durch die Franzosen 1806 aufgelösten hannoverschen Armee gesammelt hatte. Er war bei der Schlacht von Waterloo 1815 dabei und verläßt 1833 als Oberstleutnant den aktiven Dienst, um die Bewirtschaftung des Gutes in Rössing selbst zu übernehmen. Er bringt es fertig, diesen zersplitterten, verschuldeten Rittersitz in eins der ansehnlichsten Güter der Region umzuwandeln. Zu Hilfe kommt ihm, daß er durch die Agrarreform die Ablösungsgelder der Bauern erhält.
25added: Er wirtschaftet sehr erfolgreich, unterstützt von seiner Frau, der legendären Ahnfrau Levine, geb. Freiin von Dincklage. Sie steigt im Sommer und Winter morgens in den Schloßgraben, um sich abzuhärten, auch wenn ihr der Kutscher das Eis vorher aufhacken muß, offenbar mit Erfolg, denn sie bringt 13 gesunde Kinder zur Welt. Reste ihres Badehäuschens hat man 1993 bei der Entschlammung des Schloßgrabens noch gefunden. Sie kümmert sich um die Alten und Kranken im Dorf und unterstützt die Einrichtung einer Spinnschule für Mädchen und verschafft ihnen Aufträge.
26added: Der älteste Sohn des Ehepaares Alexander war Jurist und erlangte vom König von Preußen 1872 den Freiherrentitel für die Familie, nachdem 1866 das Königreich Hannover zu einer preußischen Provinz geworden war.
27added:
28added: Als der Vater des jetzigen Betriebsinhabers Gerhard von Rössing und von Hugo 1954 den Betrieb übernahm, arbeiteten noch 18 Männer und 25 Frauen ständig auf dem Hof.
29added: Seit 1995 führt der Sohn, Kurt-Alexander, die Tradition fort und bewirtschaftet den Hof weiter. Die ökonomischen Verhältnisse und Betriebsformen haben sich entscheidend geändert und die weitaus größte Arbeitslast liegt auf den Schultern des Betriebsinhabers. Die enge Zusammenarbeit mit den Bauern im Ort und die gemeinsame Nutzung und Auslastung der teuren Maschinen soll das Überleben der wenigen Landwirte gewährleisten.
30added:
31added: Das Schloß wird derzeit von drei Generationen der Familie von Rössing bewohnt.
32added: Es steht unter Denkmalsschutz und seine Erhaltung erfordert viel Einsatz von der traditionsbewußten Familie. Aber sie fühlt sich nicht nur der Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart verpflichtet. Die Mutter des jetzigen Gutsherrn, Madeleine Frfr. von Rössing arbeitet schon viele Jahrzehnte ehrenamtlich für das Deutsche Rote Kreuz. Ihr Sohn, Alexander Frh. von Rössing, ist im Rat der Samtgemeinde Nordstemmen vertreten und seine Ehefrau Tita ist schon mehr als fünf Jahre sehr engagierte Ortsbürgermeisterin in Rössing.
33added:
34added: Quellen:
35added: August Freiherr von Rössing: “Die Stammtafeln des Geschlechts derer von Rössing“, . Gerstenberg, Hildesheim 1900
36added:
37added: Armgard von Reden Dohna: „Die Rittersitze des vormaligen Fürstentums Hildesheim“ Barton`sche Verlagsbuchhandlung Göttingen 1995
Addedberichte/2012-02-11/roessing-historische-aufnahme-bild-1.jpg

Binary file not shown.

Addedberichte/2012-02-11/roessing-historische-aufnahme.md+13 -0
@@ -0,0 +1,13 @@
1added: ---
2added: title: "Rössing - historische Aufnahme"
3added: date: 2012-02-11
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [historie, ortsgeschichte]
7added: description: "Historische Aufnahme von Rössing"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/02/blog-post.html
9added: ---
10added:
11added: ![Historische Aufnahme von Rössing](./roessing-historische-aufnahme-bild-1.jpg)
12added:
13added: <!--truncate-->
Addedberichte/2012-03-01/meierding-01.md+45 -0
@@ -0,0 +1,45 @@
1added: ---
2added: title: "Das Meierding in Rössing (1)"
3added: date: 2012-03-01
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [meierding, historie]
7added: description: "Unfreie Bauern auf kirchlichem Grundbesitz und ein Abt mit Gefolge Neben den Herren von Rössing gab es im Mittelalter einen zweiten großen Grundherren in Rössin"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/03/das-meierding-in-rossing-1.html
9added: ---
10added:
11added: **Unfreie Bauern auf kirchlichem Grundbesitz und ein Abt mit Gefolge**
12added:
13added: <!--truncate-->
14added:
15added: Neben den Herren von Rössing gab es im Mittelalter einen zweiten großen Grundherren in Rössing, das war das Kloster Helmarshausen an der Diemel, – heute Stadt Karlshafen, Landkreis Kassel, das hier eine bedeutende Villikation besaß, auch Fronhofswirtschaft oder Meierding genannt.
16added:
17added: Ein Meierding ist, wie die Fronhofwirtschaft insgesamt, eine Betriebsform, durch die der feudale Grundherr - in diesem Fall das Kloster Helmarshausen – bestimmte, vertraglich festgeschriebene Einkünfte und Dienstleistungen erzielt, wenn unfreie Bauern, die sogenannten Hörigen, die man auch Liten oder Laten nennt, sein Land bearbeiten.
18added:
19added: Ein frühes, wahrscheinlich das früheste schriftliche Zeugnis, das Auskunft gibt über die materiellen Lebensbedingungen dieser Bauern im mittelalterlichen Rössing findet sich in einer in Latein verfaßten Heberolle des Klosters Helmarshausen. In dieser zwischen 1118 und 1125 verfertigten Heberolle, in der die Steuerlasten und Abgaben verzeichnet sind, die das Kloster als Großgrundbesitzer denen abverlangt, die das Land bestellen, erfahren wir zum ersten Mal von dem Meierding in Rössing und damit indirekt von den Bauern „in dem Dorfe und uppe dem Velde bei Rotsingen.“
20added:
21added: Zu Beginn des 12. Jahrhunderts sind es 22 Hörige, die mit dem Land, das ihnen  nicht gehört, den Hufen, und mit 22 Höfen das Rössinger Meierding bilden. Die Bauern sind in jeder Hinsicht unfrei, sie müssen nicht nur einen Teil ihrer Ernte abgeben, sie dürfen nicht einmal das Land, das sie bearbeiten, 'ihre' Hufe, ohne Einwilligung des Grundherrn verlassen. Eine Hufe Ackerland bildet zu dieser Zeit die Lebensgrundlage für eine Hörigenfamilie, wobei wir nicht genau wissen, wie groß diese Hufe war, wahrscheinlich 30 Morgen. Davon waren 1/3 Sommergetreide, 1/3 Wintergetreide, 1/3 Brache (Dreifelderwirtschaft). Der Morgen war eine Ackerfläche, die mit einem Gespann an einem Morgen, d.h. im Laufe eines Vormittags gepflügt werden konnte. Aber die Größe der Hufe war gebietsweise unterschiedlich. Erst um 1650 wurde die Hufe hier einheitlich zu einem Flächenmaß von 30 Morgen – 7,5 ha festgelegt. (1)
22added:
23added: **Liefertermine und Höhe der Abgaben**
24added:
25added: Kloster Helmarshausen bewirtschaftet das Meierding in Rössing selbst. Ein von ihm eingesetzter Beamter oder „Meier“ verwaltet den dazugehörigen Amtshof, auf dem die hörigen Bauern Dienste leisten. Hier müssen die dem Kloster zustehenden Naturalabgaben vertragsgemäß abgeliefert werden. Der Abt des Klosters erscheint dreimal jährlich mit 12 Knechten und Pferden in Rössing, um die Abgaben abzuholen. Das sind Eier, Hühner, Käse, viele Malter Getreide, Öl- und Hülsenfrüchte. Zu Weihnachten sind fette Schweine und Gänse ins 80 Kilometer entfernte Kloster zu liefern, dazu Lämmer und Magerschweine für die Tafel des Abtes und zur Fastenzeit gesalzene Fische. Das erklärt auch, warum bei den meisten klostereigenen Villikationen  Teiche angelegt und Fischwirtschaft betrieben wurde.
26added:
27added: Zum Fest Apostelorum Petri und Paul sind ebenfalls Käse, Hühner, Eier und andere Abgaben zu erbringen und es ist sicher kein Zufall, daß die um 1290 erbaute Kirche in Rössing den Namen St. Peter und Paul trägt. Weitere Zwangsabgaben bzw. Dienstleistungen: viermal pro Jahr Hufbeschlag, die Häute vom Rinderstall und sechs Wochen Weidegang für das Pferd des Abtes. Die Beamten und Bediensteten des Klosters, die die  Früchte der kleinbäuerlichen Arbeit abtransportieren, müssen in Rössing drei Tage beherbergt, beköstigt und mit Met und Bier versorgt werden. Auf kleineren Betriebseinheiten, Ämtern, lastet nur eine Herbergspflicht von ein bis zwei Tagen, was die Bedeutung Rössings für das Kloster indirekt unterstreicht. (2)
28added:
29added: **Schwierige Lebensumstände der Bauern**
30added:
31added: Über die näheren Lebensumstände der Menschen, der Bauern und Bäuerinnen und ihrer Kinder, die in „Rotsingen“ leben und die kirchlichen Feudalherren mit einem Teil ihrer Arbeit ernähren, erfahren wir nichts. Entsprechend ihrer ökonomischen Rechtlosigkeit gibt es von ihnen so gut wie keine Zeugnisse. Die Bauern werden wie Besitz-Gegenstände behandelt, buchstäblich gehandelt. Bei Grundstücksgeschäften werden sie von ihrer Herrschaft mitverkauft, verpfändet oder vertauscht.
32added:
33added: In den zahlreichen mittelalterlichen Fehden sind sie die Opfer, wenn die Menschen erschlagen, - ihre Häuser und Höfe geplündert und verbrannt, die reifen Felder zerstampft und angezündet werden und das Vieh als Beute fortgetrieben wird. Es gilt die Devise: schlägst du den Bauern, triffst du den Herren.
34added:
35added: Seit 1481 streitet sich der Bischof mit dem Rat der Stadt Hildesheim im sogenannten Bierkrieg. Um seine zerrütteten Finanzen zu sanieren, verlangt der Bischof eine neue Steuer, die Bierzyse. Diese soll der Rat durch eine Erhöhung des Bierpreises für das in Hildesheim gebraute Bier aufbringen, für das die Stadt das Monopol besitzt. Der Rat weigert sich, und um die Wirtschaftskraft des Fürstbischofs noch mehr zu schädigen, überfallen die Söldner des Rates 1486 die stifftschen Dörfer. Im Diarium des Bürgermeisters Henning Brandis heißt es inhaltlich: - Am Abend des heiligen Laurentius (9.August) verbrannten die Unsern Mahlerten, Rössing, Giften, Barnten und Giesen.
36added:
37added: Eine ähnliche Katastrophe ereignet sich zu Beginn der Stiftsfehde 1519. Da heißt es: In der Zeit von Ostern bis Pfingsten sind von den Feinden angezündet worden Rös -sing und Giesen.
38added:
39added: Quellen
40added:
41added: (1) Heinz Georg Röhrbein, Quellenbegriffe des 16. bis 19 Jahrhunderts
42added:
43added: Verlag August Lax Hildesheim 1991
44added:
45added: (2) Wenck, Helfrich Bernhard: Hess. Landesgesch. Bd. 2, Urkundenbuch: Heberolle u. Gefälle des Klosters  Helmarshausen, Frankfurt, Leipzig 1789 (in Latein)
Addedberichte/2012-03-02/meierding-02.md+55 -0
@@ -0,0 +1,55 @@
1added: ---
2added: title: "Das Meierding in Rössing (2)"
3added: date: 2012-03-02
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [meierding, historie]
7added: description: "Wechsel der Besitzer 1348 gibt das Kloster die Eigenbewirtschaftung des Meierdings auf und verkauft es auf Lebenszeit an Bodo von Saldern - wahrscheinlich war d"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/03/das-meierding-in-rossing-2.html
9added: ---
10added:
11added: **Wechsel der Besitzer**
12added:
13added: 1348 gibt das Kloster die Eigenbewirtschaftung des Meierdings auf und verkauft es auf Lebenszeit an Bodo von Saldern - wahrscheinlich war die Bewirtschaftung wegen der Entfernung zu Helmarshausen zu aufwendig geworden. Nach dem Tod Salderns, als das Meierding wieder an das Kloster Helmarshausen zurückfällt, wird es offenbar an die Familie von Rössing verpfändet. (1)
14added:
15added: <!--truncate-->
16added:
17added: Über diese Verpfändung selbst sind keine sicheren Unterlagen aufzufinden. Aus einer Urkunde vom Jahre 1417 geht aber zweifelsfrei hervor, daß die Brüder Siverd und Diederich von Rössing Pfandinhaber des Meierdings gewesen sein müssen. Denn das Kloster Helmarshausen kauft es ihnen im Jahr 1417 für 1000 Gulden wieder ab. Das ist das einzige Mal, daß das Meierding in den „Stammtafeln“ der Herren von Rössing genannt wird.(2) Gleichzeitig verpfändet Diderik, der Abt von Helmarshausen, das halbe Meierding für 10 Jahre an Hilmar von Otze, den Probst im Kloster am Moritzberg. Das Godehardikloster Hildesheim zahlt dessen Erben dann nach 10 Jahren die Pfandsumme zurück, und so gelangt eine Hälfte des Amtes oder Meierdings in den Besitz des Godehardiklosters. (3)
18added:
19added: In diesem Kaufvertrag wird das Meierding sehr genau beschrieben. Verkauft werden immer noch 22 Hufe, aber nur noch 21 Höfe - 1375 war ein Höriger von seiner Hofstelle entflohen und nicht wieder eingefangen worden; die Hofstelle blieb unbesetzt. Dazu kommt der Amtshof mit 6 Hufen, eine „Kammerhufe“ genannte Hufe und 15 Morgen, das sogenannte Berner Gut. Pauschal aufgeführt werden Wiesen, Weiden und Holzung, die Vogtei und die Gerichtsbarkeit, außerdem 2 Hufe in Bevelte und 5 Hufe in Werbeke, Acker- und Weideland also, das zu zwei, heute untergegangenen Ortschaften in der Nähe von Rössing gehörte und immer schon vom Kloster Helmarshausen zusammen mit dem Rössinger Meierding verpfändet worden war. Durch geschickte Geldgeschäfte erlangt das Hildesheimische Godehardikloster in der folgenden Zeit den Pfandbesitz über das gesamte Meierding. (4)
20added:
21added: **Das Meierding, ein begehrter Besitz**
22added:
23added: Nach der Hildesheimer Stiftsfehde, 1519 bis 1523, wird das Stift zerschlagen und unter die angrenzenden welfischen Fürstentümer aufgeteilt. Es bleibt nur das sogenannte „kleine Stift“ übrig, das aus den drei Ämtern Steuerwald, Marienburg, Peine und der Domprobstei besteht. Das Dorf Rössing, an der Westgrenze des Bistums gelegen, wird dem welfischen Amt Calenberg zugeordnet. Herzog Erich d.Ä. nutzt 1526 die Gunst der Stunde und behauptet, seine Vorfahren hätten das Kloster Helmarshausen gestiftet und der Reichsabtei das Rössinger Meierding geschenkt.
24added:
25added: Jetzt, wo die Abtei durch die Reformation in Auflösung begriffen ist, macht er durch tätliches Vorgehen Ansprüche an St. Godehard geltend. Der Abt des Godehardiklosters beschwert sich darüber bei Bischof Balthasar - vergebens. Aber er gibt nicht auf und klagt nun beim Kammergericht gegen Herzog Erich d.Ä. wegen gewaltsamer „Absetzung von jenem Amte und Abziehung der zugehörigen Leute vom Godehardikloster in calenbergischen Dienst“. Jetzt kommt sogar Karl V., der Kaiser in Wien, ins Spiel. Am 7. Oktober 1530 erläßt er ein Restitutionsmandat an Herzog Erich d.Ä., der damit gezwungen ist sich zurückziehen bzw. wieder herauszugeben, was er ohne rechtliche Grundlage gewaltsam vereinnahmt hat. (5)
26added:
27added: Die Behauptung, daß die Welfen Kloster Helmarshausen gestiftet hätten, ist nachweislich nicht richtig - es war im Jahre 998 von dem Helmarshäuser Grafen Eckhard und seiner Frau Mathilde gegründet worden. Allerdings hatte Heinrich der Löwe eine besondere Beziehung zu diesem Benediktinerkloster, das durch seine Buchmalerei und Goldschmiedekunst berühmt war. Das kostbare Evangeliar Heinrichs des Löwen, das 1983 in der Öffentlichkeit soviel Aufmerksamkeit erregte, weil es wie eine x-beliebige Antiquität von einem Auktionshaus zum Kauf angeboten worden war, es war von dem Mönch Herimann in Helmarshausen hergestellt worden. Heinrich der Löwe war zwar bis zu seiner Verbannung im Jahre 1180 Schutzvogt des Klosters Helmarshausen und seiner Besitzungen gewesen, aber eben nicht sein Stifter. (6)
28added:
29added: **Herzog Erich d. Ä. erwirbt 1537/38 das Meierding Rössing**
30added:
31added: 1537/38 macht Herzog Erich d.Ä. einen erneuten Vorstoß, um sich das Meierding in Rössing einzuverleiben. Er schaltet sich geschickt ein in einen Streit zwischen dem Godehardikloster und dem durch die Reformation in Auflösung begriffenen Kloster Helmarshausen um das verpfändete Meierding Rössing und erwirbt es für sich selbst. Der Pfandvertrag ist auf 60 Jahre angelegt und enthält eine bezeichnende Einschränkung: nur wenn das Kloster die Bewirtschaftung wieder selbst übernähme, sollte es die Möglichkeit haben, die Pfandschaft nach sechs Jahrzehnten wieder einzulösen. Das aber war aussichtslos, der Pfandvertrag bedeutet also eine Abtretung auf Dauer. (7)
32added:
33added: Das Meierding wird nun als Vogtei Rössing dem Amt Calenberg unterstellt und Landesherren sind nicht mehr die Bischöfe von Hildesheim, sondern die Welfenherzöge; auch die Herren von Rössing müssen sie als Lehnsherren anerkennen. Zwar gehörte Rössing zum Amt Steuerwald, das Bestandteil des „Kleinen Stiftes“ gewesen war, aber es wird nach der Wiederherstellung des „Großen Stiftes“, 1643, nicht wieder zurückgegeben. Von nun an gelten die Calenberger Gesetze.
34added:
35added: Quellen
36added:
37added: 1. Overham VIII, 134.
38added:
39added: (2) August Frh. von Rössing: Die Stammtafeln des Geschlechts derer von Rössing
40added:
41added: Gebr. Gerstenberg in Hildesheim 1900
42added:
43added: (3) NHSA Hannover Sign:Cal Or Des 24 neu Nr. 14 vom Jahr 1417
44added:
45added: (4) NHSA Hannover Sign:Cal Or Des 24 neu Nr.17 von 1427
46added:
47added: (5) Lit. Bistumsgeschichte Bertram II von 1916, S. 56, Cod. Bev. 313, 50, 51. Cod
48added:
49added: Bev.221, 427, Wien Judicialia miscell. H. fasc. 2, und Hildesheim 191.
50added:
51added: (6) Hermann Schmidt: Beiträge zur Geschichte der Stadt, der Reichsabtei
52added:
53added: und der Kunstwerkstätten Helmarshausen, Lippoldsberg 1981
54added:
55added: (7) NHSA Hannover: Sign. Cal Or Des 24 neu Nr.54
Addedberichte/2012-03-02/meierding-03-bild-1.jpg

Binary file not shown.

Addedberichte/2012-03-02/meierding-03.md+72 -0
@@ -0,0 +1,72 @@
1added: ---
2added: title: "Das Meierding in Rössing (3)"
3added: date: 2012-03-02
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [meierding, historie]
7added: description: "Foto: Erhard Wolpert Am Pastorenthie In vielen niedersächsischen Dörfern erinnern noch heute Ortsbezeichnungen mit der Silbe Thie, Thing oder auch Ding an Geric"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/03/das-meierding-in-rossing-3.html
9added: ---
10added:
11added: ![](./meierding-03-bild-1.jpg)
12added:
13added: Foto: Erhard Wolpert
14added:
15added:
16added: **Am Pastorenthie**
17added:
18added: In vielen niedersächsischen Dörfern erinnern noch heute Ortsbezeichnungen mit der Silbe Thie, Thing oder auch Ding an Gerichtsstätten und Versammlungsplätze aus früheren Jahrhunderten.
19added:
20added: <!--truncate-->
21added:
22added: Auch in Rössing gab und gibt es einen solchen Platz. In der Ortsmitte am Fuße des kleinen Hügels mit dem Pfarrhaus stehen zwei Linden und davor ein geschnitztes Straßenschild: „Am Pastorenthie“, das die Erinnerung an einen Gerichtsplatz wachhält.
23added:
24added: Durch vor einiger Zeit aufgefundene alte Prozeßakten erhält dieser Platz eine ganz besondere Bedeutung. Die teilweise über 400 Jahre alten Gerichtsprotokolle befassen sich mit den hier regelmäßig abgehaltenen Meierdingsgerichten. Der Ort, an dem diese stattfanden, war mit Sicherheit der durch Linden gekennzeichnete Platz vor dem Pfarrhaus, der „Pastorenthie.“ Denn Rössing war der Sitz eines Meierdings und auch Bauern, die in Giesen Land beackerten, das zu diesem Meierding gehörte, mußten zum Meierdingsgericht nach Rössing.
25added:
26added: An anderen Ortschaften gab es auch andere Gerichte oder Thingstätten, wie z.B.das „Freiding“ in Giesen für die freien Bauern des „Güldenen Winkels“, zu dem die Ortschaften Himmelsthür, Emmerke, Sorsum, Escherde, Barnten, Rössing, Beelte und Giesen zählten. Die Besitzer von Freidingsland durften nur dieses beackern, um als freie Bauern zu gelten. Sie hatten ihren Gerichtsplatz mit dem Thiestein in Giesen. Dort wurde ihre Grundstücksangelegenheiten – und nur diese – behandelt.
27added:
28added: Das „Goding“ befaßte sich mit Kriminalfällen und Landesjustiz, dessen Aufgaben Ende des 16. Jahrhunderts teilweise die Landgerichte der Ämterverwaltungen übernahmen und das „Holtding“ war zuständig für Holz- und Waldangelegenheiten.
29added:
30added: Aber Rössing hatte ein Meierding und ein Meierdingsgericht. (1)
31added:
32added: **Das Meierdingsland und das Meierdingsgericht**
33added:
34added: Das Meierdingsgericht verhandelt und entscheidet Angelegenheiten, die das Meierdingsland betreffen. Alle Bauern, die Meierdingsland besitzen, auch wenn es nur ein ganz kleines Stück ist – gehören zu den Erben. Das Land, das von dem altfeudalen Meierding herstammt, hat bis ins 19. Jahrhundert immer einen besonderen rechtlichen Status behalten. Es ist Erbland und daher besonders begehrt und wertvoll.
35added:
36added: Die rechtliche Stellung der Hörigen, der Laten, hat sich gegenüber der frühmittelalterlichen Situation verändert. Eine neue gesellschaftliche Ordnung hat sich zum Ende des 16. Jahrhunderts durchgesetzt. Die Bauern werden persönlich frei. Die Strukturen des alten Meierdings verändern sich und es zerfällt in Einzelhöfe.
37added:
38added: Die Besitzer von Meierdingsland können frei über dies Land verfügen, sie können es vererben, verpfänden oder auch verschenken, denn es gehört ihnen. Verpfändungen und Veräußerungen von Meierdingsland, Verschreibungen als Altenteil usw. werden sorgfältig hier verhandelt und genau im „Meierdingsbuche“ festgehalten, wie heute in den Grundbüchern.
39added:
40added: Für die Zeit ab 1589 sind sehr ausführliche Aktenprotokolle über die in Rössing abgehaltenen Meierdingsgerichte erhalten: 1589, vier Protokolle in 1604, 1608, 1615, 1616, 1618, 1620, 1621, 1630, 1650, 1659, 1662. Sie enthalten Kauf- und Pfandbriefe sowie Prozeßakten. Das Papier ist vergilbt, die Tinte, mit dem Federkiel zu Papier gebracht, ist nach 400 Jahren verblaßt, die Schrift kaum zu entziffern. Und der Sand, der damals die Tintenschrift löschte – trocknete, rieselt z.T. noch heute aus den Seiten des Dokuments. (2)
41added:
42added: Später wird die Aktenlage über das Meierding dünn.
43added:
44added: Die alten Meierdingsgerichte folgen festen Verfahrensregeln und Ritualen, die heute schwer verständlich sind. Zuerst fragt der Meierdingsvogt die alten Rechtsgrundsätze ab, die immer auf die gleiche Weise von zwei gewählten *Vorsprechern* beantwortet werden müssen. Niemand darf im Verfahren seine Streitfragen selbst vortragen oder ungefragt sprechen, auch dies ist Aufgabe der *Vorsprecher.*
45added:
46added: Als 1538 das Meierding Rössing in den Besitz der Calenberger Herzöge übergeht,
47added:
48added: treten die Calenbergischen Beamten, also Amtmann und Amtsschreiber als Gerichts- und Meierdingsherr in Vertretung ihres Landesherrn auf, der hier als *lllustrissimo* bezeichnet wird. Von jedem Landverkauf, der hier getätigt wird, stehen ihm 2,5% des Erlöses zu. Alle Umsatzgebühren werden genau registriert.
49added:
50added: Die typischen Abgaben der Meierdingsleute an den Grundherrn, der hier auch der Landesherrn ist, sind bei Heirat *Bedemund* (Betterlaubnis) und im Erbfall *Baulebung* Und jedes Jahr ist ein Hals- oder Rauchhuhn abzuliefern – eine Überlieferung aus der Zeit, als die Hörigen noch als *Halseigene* bezeichnet wurden. Rauchhühner sind keine geräucherten Hühner, sondern der Zins für einen Hof, bzw. für ein Haus, aus dem Rauch aufsteigt, das also eine Feuerstätte hat.
51added:
52added: **Das Meierrecht**
53added:
54added: Als die Fronhofsverbände zerfallen, bilden sich Vorformen des Meierrechtes.
55added:
56added: Durch Hofzusammenlegungen entstehen aus den ehemaligen Ein-Hufe-Höfen sogenannte Vollmeierhöfe mit 3 - 4 Hufen Land oder Halbmeierhöfe durch die Teilung von Vollmeierhöfen. Die kleinsten sind die Köthnerstellen mit 30 und weniger Morgen. Die Bauern können nun Land auf Zeit von anderen Grundherren pachten. Dafür müssen sie Meierzins zahlen. Schon das Wort *Meier* kennzeichnet nicht die genaue Art des Besitzrechtes. Ursprünglich war der *Meier* der Verwalter eines Meierdings oder eines Amtes, später geht der Name auf diejenigen Meierdingsleute über, die wenigstens 2 Hufen beackern.
57added:
58added: Die wichtigsten Gesetzessammlungen, die das Meierrecht für den hiesigen Raum regeln, sind der Gandersheimer Landtagsabschied von 1601, eine Verordnung über die Besetzung der Bauernhöfe von 1691 und die Calenberger Meierordnung von 1772.
59added:
60added: In Meierbriefen werden die Bedingungen über den Meierzins, den Fleisch- und Getreidezehnten und die Hand- und Spanndienste gegenüber dem Grundherren festgelegt. Bei Mißwirtschaft oder unpünktlicher Zahlung konnte der Hof entzogen werden. (Abmeierung).
61added:
62added: In hiesiger Gegend betrieb die welfische Landesherrschaft allerdings schon früh eine bewußte Bauernschutzpolitik, denn ein gesunder Bauernstand bildete eine sichere Steuerquelle. Um den Bauern gegen die Willkür der Grundherren mehr Sicherheit zu geben, wurden die Höfe um 1600 erblich und das Abmeiern erschwert.
63added:
64added: Die Hofgröße – Vollmeier – Halbmeier – Köthner - definiert nicht nur den sozialen Rang, sondern auch bestimmte Wirtschaftsmöglichkeiten des Hofbesitzers. Eingereiht in die Gruppe der *Reiheleute* hat er eine bestimmte *Allmendeberechtigung*, d.h. ein anteilmäßiges Nutzungsrecht an der nicht aufgeteilten kommunalen Gemarkung Rössing. Er kann auf der *Allmende* – wann und wie lange ist genau geregelt – sein Vieh grasen lassen oder Holz schlagen. Sogenannte Anbauer und Brinksitzer, die kein kein eigenes Land, höchstens einen Garten haben, sind entsprechend nicht allmendeberechtigt.
65added:
66added: Quellen:
67added:
68added: (1) Katharina Schrader. Die Bauern von Giesen
69added:
70added: Druck: kcs & ddh GmbH, Hildesheim 1997
71added:
72added: 2. NHSA Hann 74 Cal. Nr. 347, 350, 351, 352, 353, 354, 944,
Addedberichte/2012-03-02/meierding-04.md+59 -0
@@ -0,0 +1,59 @@
1added: ---
2added: title: "Das Meierding in Rössing (4)"
3added: date: 2012-03-02
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [meierding, historie]
7added: description: "Der Niedergang des Meierdings Franz Schwerdtfeger aus Giesen hat sich sehr intensiv mit der Auflösung des Meierdings Rössing beschäftigt. Er schreibt in dem Buc"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/03/das-meierding-in-rossing-4.html
9added: ---
10added:
11added: **Der Niedergang des Meierdings**
12added:
13added: Franz Schwerdtfeger aus Giesen hat sich sehr intensiv mit der Auflösung des Meierdings Rössing beschäftigt. Er schreibt in dem Buch: Giesen und seine Beelter Männer, daß Archivmaterial für die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts deutlich macht, daß Meierdingsgüter in Besitz von Beamten gekommen waren und Meierdingsunterlagen (Meierdingsbücher):
14added:
15added: <!--truncate-->
16added:
17added: „in gantz ohnverantwortlicher weise supprimiert (unterdrückt) seyn, solches  aber aus keiner anderen uhrsache geschehen, denn daß wegen derer gar vielen von dem sehl. Oberambtmann Osterwaldt an sich gebrachter Erbländereyn niemand die eigentliche Beschaffenheit wißen soll“. (1)
18added:
19added: Christoph Heinrich Osterwaldt ist mindestens seit 1673 Amtsschreiber, dann Amtmann und von 1702 bis 1717 Oberamtmann der großen Vogtei Calenberg. Seitdem wohnt er in Rössing, denn auf der alten Feste Calenberg gibt es keine standesgemäße Bleibe für ihn. Er baut in der Langen Straße Nr.17/19 Wohn- und Wirtschaftsgebäude und den schönen Brunnen mit der Jahreszahl 1685,der heute noch Wasser führt. Überall zieht er die Ländereien an sich und bewirtschaftet u.a. den Klunzhof, den ehemaligen Haupt- und Meierhof, als Herrschaftlichen Amtshof sowie die drei Vollmeierhöfe, deren Besitzer in den Türkenkriegen sind. Diese müssen klagen, daß er sie hinterher wieder herausgibt. Außerdem ist er Pächter des herzoglichen Domanialgutes, des heutigen Hausgutes Calenberg und steht dem Landgericht Calenberg vor. Es heißt, daß er von den 32.114 Talern, welche die 12.000 Einwohner des Amtes Calenberg im Jahr 1711 aufbringen müssen, allein 6.010 Taler zahlt. (2)
20added:
21added: Es liegt nahe, daß das nicht mit rechten Dingen zugehen konnte.
22added:
23added: **Verfall des alten Brauchtums**
24added:
25added: Nach einem Bericht von 1719 war schon über 40 Jahre kein Meierding mehr abgehalten worden. So tritt ein Verfall des alten Brauchtums ein. In einer recht ausführlichen Beschreibung der Meierdingsgerichte im Amte Calenberg von 1752 gibt es nur noch zwei, eins in Alferde und eins in Sorsum zu Wittenburg. Das Rössinger Meierding wird gar nicht mehr erwähnt.
26added:
27added: Im Jahre 1832, also kurz vor der Agrarreform, wird in Rössing eine Tabelle über die Verteilung des Grundeigentums erstellt. Darin werden die durch das Meierrecht gebundenen Ländereien aufgelistet, über die die Besitzer nicht frei verfügen konnten, und der frei veräußerliche Grundbesitz. Das an die Höfe gebundene Meierland beträgt 1050 Morgen und das freie Erbland 644 Morgen, davon sind noch 435 Morgen Meierdingsland. In diesen Angaben ist das Adelige Gut mit seinem Grundbesitz nicht enthalten. Dieses freie, erbliche, mittelalterliche Meierdingsland hat sich also bis ins 19. Jahrhundert erhalten. (3)
28added:
29added: **Die Agrarreform**
30added:
31added: 1833 setzt in Hannover die Agrarreform ein, die sogenannte Bauernbefreiung, obwohl die Bauern als Person schon lange frei waren. Sie war ein gewaltiges verwaltungstechnisches Werk. Die Reform wurde nur durchsetzbar, weil sie auf eine entschädigungslose Enteignung des Adels und der anderen Grundbesitzer verzichtete. Die Bauern sollten endlich Eigentum an dem Land erhalten, das sie bewirtschafteten.
32added:
33added: Zuerst erfolgt die Befreiung der Bauern von den Feudalabgaben wie Grundzinsen, Zehnte, Hand- und Spanndienste durch Zahlung des 25-fachen Jahresbetrages, der als abtragbare Hypothek eingetragen und im Laufe von Jahrzehnten getilgt wird. Dafür wird extra eine Bank gegründet, die Hannoversche Landeskreditanstalt.
34added:
35added: Der hannoversche Minister Carl Bertram Stüve, der die Gesetze für die Landwirtschaftsreform in Hannover schuf, wiederholte aber nicht die Fehler, die in  Preußen 20 Jahre vorher gemacht wurden. Dort konnte ein großer Teil der Ablösegelder 1/3  - ½ , in Land bezahlt werden, die Güter der Grundbesitzer wuchsen, die Bauern verarmten und das Land entvölkerte sich. In Hannover kann nur 1/6 der Ablösungssumme des Zehnten in Land abgegolten werden, alles andere wird langfristig durch Kredite finanziert. Aber nicht alle verkraften die Kosten und müssen aufgeben und verkaufen.
36added:
37added: Dann erfolgt die Gemeinheitsteilung, d.h. die von der Allgemeinheit genossenschaftlich genutzten Flächen werden unter die bisherigen Nutznießer aufgeteilt. Dann wird ein Flurbereinigungsverfahren durchgeführt, Zusammenlegung der verstreut liegenden Ländereien zu größeren Stücken. Das war dringend notwendig.
38added:
39added: Zum Beispiel ergab eine Aufnahme der Flurstücke des Meierhofes Nr. 1 Windel/später Kroos aus dem Jahr 1778: 123,75 Morgen in 84 Stücken!  (4)
40added:
41added: Außerdem muß ein neues Wege- und Grabennetz angelegt werden.
42added:
43added: Im Zuge des großen Flurbereinigungsverfahrens wird auch der neue Friedhof am Rande des Dorfes eingerichtet. Jeder Landbesitzer erhält einige Quadratmeter Grund und Boden für ein ewiges Erbbegräbnis auf dem Friedhof und dafür entsprechend weniger Ackerland.
44added:
45added: „Im Holze“, das ist das Gebiet zwischen der Eisenbahnlinie nach Göttingen und der Leine, das im 19. Jahrhundert noch teilweise bewaldet war, wird  die Flurbereinigung erst nach dem Zweiten Weltkrieg vorgenommen.
46added:
47added: Zwischen 1980 und1990 mußte erneut ein Flurbereinigungsverfahren durchgeführt werden, als die neue ICE -Eisenbahnstrecke angelegt wurde, die die Rössinger Feldmark durchschnitt und neue Straßen- und Brückenbauten erforderte.
48added:
49added: Quellen
50added:
51added: (1).Franz Schwerdtfeger: Giesen und seine Beelter Männer
52added:
53added: 1991 Verlag Lax Hildesheim , S. 60/61
54added:
55added: (2).Archiv Rittergut II
56added:
57added: (3).NHSA Hann 74 Cal Nr. 1054, 1056
58added:
59added: (4).NHSA Hann 74 Cal Nr. 474
Addedberichte/2012-03-02/unfreie-bauern-kirchlicher-grundbesitz.md+45 -0
@@ -0,0 +1,45 @@
1added: ---
2added: title: "Unfreie Bauern auf kirchlichem Grundbesitz und ein Abt mit Gefolge"
3added: date: 2012-03-02
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [historie, kirchengeschichte]
7added: description: "Neben den Herren von Rössing gab es im Mittelalter einen zweiten großen Grundherren in Rössing, das war das Kloster Helmarshausen an der Diemel, – heute Stadt K"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/03/unfreie-bauern-auf-kirchlichem.html
9added: ---
10added:
11added: Neben den Herren von Rössing gab es im Mittelalter einen zweiten großen Grundherren in Rössing, das war das Kloster Helmarshausen an der Diemel, – heute Stadt Karlshafen, Landkreis Kassel, das hier eine bedeutende Villikation besaß, auch Fronhofswirtschaft oder Meierding genannt.
12added:
13added: <!--truncate-->
14added:
15added: Ein Meierding ist, wie die Fronhofwirtschaft insgesamt, eine Betriebsform, durch die der feudale Grundherr - in diesem Fall das Kloster Helmarshausen – bestimmte, vertraglich festgeschriebene Einkünfte und Dienstleistungen erzielt, wenn unfreie Bauern, die sogenannten Hörigen, die man auch Liten oder Laten nennt, sein Land bearbeiten.
16added:
17added: Ein frühes, wahrscheinlich das früheste schriftliche Zeugnis, das Auskunft gibt über die materiellen Lebensbedingungen dieser Bauern im mittelalterlichen Rössing findet sich in einer in Latein verfaßten Heberolle des Klosters Helmarshausen. In dieser zwischen 1118 und 1125 verfertigten Heberolle, in der die Steuerlasten und Abgaben verzeichnet sind, die das Kloster als Großgrundbesitzer denen abverlangt, die das Land bestellen, erfahren wir zum ersten Mal von dem Meierding in Rössing und damit indirekt von den Bauern „in dem Dorfe und uppe dem Velde bei Rotsingen.“
18added:
19added: Zu Beginn des 12. Jahrhunderts sind es 22 Hörige, die mit dem Land, das ihnen nicht gehört, den Hufen, und mit 22 Höfen das Rössinger Meierding bilden. Die Bauern sind in jeder Hinsicht unfrei, sie müssen nicht nur einen Teil ihrer Ernte abgeben, sie dürfen nicht einmal das Land, das sie bearbeiten, 'ihre' Hufe, ohne Einwilligung des Grundherrn verlassen. Eine Hufe Ackerland bildet zu dieser Zeit die Lebensgrundlage für eine Hörigenfamilie, wobei wir nicht genau wissen, wie groß diese Hufe war, wahrscheinlich 30 Morgen. Davon waren 1/3 Sommergetreide, 1/3 Wintergetreide, 1/3 Brache (Dreifelderwirtschaft). Der Morgen war eine Ackerfläche, die mit einem Gespann an einem Morgen, d.h. im Laufe eines Vormittags gepflügt werden konnte. Aber die Größe der Hufe war gebietsweise unterschiedlich. Erst um 1650 wurde die Hufe hier einheitlich zu einem Flächenmaß von 30 Morgen – 7,5 ha festgelegt. (1)
20added:
21added: **Liefertermine und Höhe der Abgaben**
22added:
23added: Kloster Helmarshausen bewirtschaftet das Meierding in Rössing selbst. Ein von ihm eingesetzter Beamter oder „Meier“ verwaltet den dazugehörigen Amtshof, auf dem die hörigen Bauern Dienste leisten. Hier müssen die dem Kloster zustehenden Naturalabgaben vertragsgemäß abgeliefert werden. Der Abt des Klosters erscheint dreimal jährlich mit 12 Knechten und Pferden in Rössing, um die Abgaben abzuholen. Das sind Eier, Hühner, Käse, viele Malter Getreide, Öl- und Hülsenfrüchte. Zu Weihnachten sind fette Schweine und Gänse ins 80 Kilometer entfernte Kloster zu liefern, dazu Lämmer und Magerschweine für die Tafel des Abtes und zur Fastenzeit gesalzene Fische. Das erklärt auch, warum bei den meisten klostereigenen Villikationen Teiche angelegt und Fischwirtschaft betrieben wurde.
24added:
25added: Zum Fest *Apostelorum Petri und Paul* sind ebenfalls Käse, Hühner, Eier und andere Abgaben zu erbringen und es ist sicher kein Zufall, daß die um 1290 erbaute Kirche in Rössing den Namen St. Peter und Paul trägt. Weitere Zwangsabgaben bzw. Dienstleistungen: viermal pro Jahr Hufbeschlag, die Häute vom Rinderstall und sechs Wochen Weidegang für das Pferd des Abtes. Die Beamten und Bediensteten des Klosters, die die Früchte der kleinbäuerlichen Arbeit abtransportieren, müssen in Rössing drei Tage beherbergt, beköstigt und mit Met und Bier versorgt werden. Auf kleineren Betriebseinheiten, Ämtern, lastet nur eine Herbergspflicht von ein bis zwei Tagen, was die Bedeutung Rössings für das Kloster indirekt unterstreicht. (2)
26added:
27added: **Schwierige Lebensumstände der Bauern**
28added:
29added: Über die näheren Lebensumstände der Menschen, der Bauern und Bäuerinnen und ihrer Kinder, die in „Rotsingen“ leben und die kirchlichen Feudalherren mit einem Teil ihrer Arbeit ernähren, erfahren wir nichts. Entsprechend ihrer ökonomischen Rechtlosigkeit gibt es von ihnen so gut wie keine Zeugnisse. Die Bauern werden wie Besitz-Gegenstände behandelt, buchstäblich gehandelt. Bei Grundstücksgeschäften werden sie von ihrer Herrschaft mitverkauft, verpfändet oder vertauscht.
30added:
31added: In den zahlreichen mittelalterlichen Fehden sind sie die Opfer, wenn die Menschen erschlagen, - ihre Häuser und Höfe geplündert und verbrannt, die reifen Felder zerstampft und angezündet werden und das Vieh als Beute fortgetrieben wird. Es gilt die Devise: schlägst du den Bauern, triffst du den Herren.
32added:
33added: Seit 1481 streitet sich der Bischof mit dem Rat der Stadt Hildesheim im sogenannten Bierkrieg. Um seine zerrütteten Finanzen zu sanieren, verlangt der Bischof eine neue Steuer, die Bierzyse. Diese soll der Rat durch eine Erhöhung des Bierpreises für das in Hildesheim gebraute Bier aufbringen, für das die Stadt das Monopol besitzt. Der Rat weigert sich, und um die Wirtschaftskraft des Fürstbischofs noch mehr zu schädigen, überfallen die Söldner des Rates 1486 die stifftschen Dörfer. Im Diarium des Bürgermeisters Henning Brandis heißt es inhaltlich: - *Am Abend des heiligen Laurentius (9.August) verbrannten die Unsern Mahlerten, Rössing, Giften, Barnten und Giesen.*
34added:
35added: Eine ähnliche Katastrophe ereignet sich zu Beginn der Stiftsfehde 1519. Da heißt es: *In der Zeit von Ostern bis Pfingsten sind von den Feinden angezündet worden*
36added:
37added: *Rössing und Giesen.*
38added:
39added: Quellen
40added:
41added: (1) Heinz Georg Röhrbein, Quellenbegriffe des 16. bis 19 Jahrhunderts
42added:
43added: Verlag August Lax Hildesheim 1991
44added:
45added: (2) Wenck, Helfrich Bernhard: Hess. Landesgesch. Bd. 2, Urkundenbuch: Heberolle u. Gefälle des Klosters Helmarshausen, Frankfurt, Leipzig 1789 (in Latein)
Addedberichte/2012-03-08/juedische-geschichte-roessing-01.md+39 -0
@@ -0,0 +1,39 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (1)"
3added: date: 2012-03-08
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Der kleine jüdische Friedhof am Rande des Dorfes, am Kirschenbrink, der alten Hildesheimer Straße, erinnert daran, daß es auch in Rössing früher jüdische Einwoh"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/03/200-jahre-judische-geschichte-in.html
9added: ---
10added:
11added: Der kleine jüdische Friedhof am Rande des Dorfes, am Kirschenbrink, der alten Hildesheimer Straße, erinnert daran, daß es auch in Rössing früher jüdische Einwohner gegeben hat. Zwar steht auf den sechs Grabsteinen, die dort noch vorhanden sind, nur der Name Blumenthal, aber aus alten Akten geht hervor, daß hier vor etwa 2OO Jahren noch andere jüdische Familien im Ort gelebt haben. Es war nur eine kleine Gruppe, aber es ist sehr interessant, einmal dem Schicksal dieser Menschen nachzugehen.
12added:
13added: <!--truncate-->
14added:
15added: # Allgemeiner historischer Rückblick
16added:
17added: Die Juden in Deutschland lebten von jeher in einer verminderten rechtlichen Stellung. Im Mittelalter unterstanden sie dem kaiserlichen Judenregal (dem Recht, Juden aufzunehmen). Das bedeutete, daß sie dem Kaiser und König einen *goldenen Opferpfennig* für ihren Aufenthalt im Reich zahlen mußten. Dieses Judenregal ging in vielen Fällen als kaiserliches Privileg an die Kurfürsten und sonstigen Territorialfürsten über. Aber diese Tatsache besserte keineswegs den rechtlichen Status der Juden. Bald fiel es dem einen kleinen Landesherren ein die Juden zuzulassen, bald ließ er sie wieder vertreiben, der Willkür waren Tür und Tor geöffnet.
18added:
19added: Auch der Bischof von Hildesheim besaß das Judenregal, das er **1428** an den Rat der Altstadt verpfändete. Durch hohe Sondersteuern verschlechterte sich die Lage der Juden derart drastisch, daß diese nach Braunschweig flüchteten, wo die Judengesetze zu dieser Zeit liberaler waren. Seit **1457** gab es für ca. 5O Jahre praktisch keine jüdische Gemeinde mehr in Hildesheim.
20added:
21added: # Die rechtliche Stellung der Juden in den welfischen Fürstentümern
22added:
23added: **1345**  Herzog Magnus hatte die Juden in seinen Schutz genommen. Einige Jahre später,   als die Pest hier wütete, verfolgte man sie hart und verwies sie des Landes, weil man sie für den *Schwarzen Tod*“ verantwortlich machte
24added:
25added: **1375**   sie wurden von den Herzögen Wenzeslaus und Albrecht wieder in Hannover zugelassen, wo ihnen der Aufenthalt vorher verboten war
26added:
27added: **1553** Herzog Erich II vertrieb sie, weil sie „Gott, Jesus und alle gläubigen Christen in ihren Synagogen verflucht und geschmäht hätten". Ein paar Jahre später wurden sie wieder zugelassen
28added:
29added: **1614**   als die Landstände von Herzog Friedrich Ulrich erneut die Vertreibung der Juden verlangten, entdeckte dieser die Juden als geschätzte Einnahmequelle. Gegen hohe Geldzahlungen gewährte er einer ganzen Anzahl von ihnen Schutz- und Aufenthaltsrecht in Hannover. Da sie keine vollen bürgerlichen Rechte hatten, waren sie praktisch unbegrenzt besteuerbar und auch sonst einer ganzen Reihe von Beschränkungen unterworfen. Beim Überschreiten von Stadt- und Landesgrenzen mußten sie im Gegensatz zu den christlichen Einwohnern Leibzoll bezahlen
30added:
31added: Es wurden auch Versuche unternommen, die in Sitte und Art so fremdartig erscheinenden Juden zu Christen zu machen. Aber dem setzten die Juden nach wie vor die Unabänderlichkeit ihres Religionsgesetzes und ihrer religiösen Formen entgegen
32added:
33added: **1622**   im Calenbergischen wurde ihnen der Besuch von Synagogen untersagt und sie wurden zeitweilig gezwungen, christliche Kirchen zu besuchen, weil sie andernfalls mit hohen Strafen belegt wurden
34added:
35added: **1673**   in Hannover ereignete sich zum wiederholten Male eine Freveltat, bei der von dem jüdischen Friedhof auf dem Sandberge vor dem Steintore widerrechtlich Sand abgefahren und Gräber und Grabsteine beschädigt wurden. Der hochgeachtete und später zum Hof- und Kammeragenten ernannte Hofjude Leffmann Behrens beklagte sich bitter bei den Herzögen. Den Missetätern wurden strenge Strafen angedroht und den Juden erneut das Recht auf die Unversehrtheit ihres Friedhofes bestätigt
36added:
37added: 1)     Dr. jur. Abraham Löb, Frankfurt 19O8: Rechtsverhältnisse der Juden im ehemaligen Königreiche und der jetzigen Provinz Hannover
38added:
39added: 2)   M. Zuckermann, Hannover 1912 Kollektanea zur Geschichte der Juden im Hannoverland
Addedberichte/2012-03-08/juedische-geschichte-roessing-02-bild-1.jpg

Binary file not shown.

Addedberichte/2012-03-08/juedische-geschichte-roessing-02-bild-2.jpg

Binary file not shown.

Addedberichte/2012-03-08/juedische-geschichte-roessing-02.md+61 -0
@@ -0,0 +1,61 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (2)"
3added: date: 2012-03-08
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Der Schutzbrief Schon Jahrhunderte lang waren den Juden Schutz- oder Geleitbriefe ausgestellt worden, manchmal vom Landesherrn, manchmal von den Städten oder au"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/03/200-jahre-judische-geschichte-in_08.html
9added: ---
10added:
11added: ![](./juedische-geschichte-roessing-02-bild-1.jpg)
12added:
13added: **Der Schutzbrief**
14added:
15added: Schon Jahrhunderte lang waren den Juden Schutz- oder Geleitbriefe ausgestellt worden, manchmal vom Landesherrn, manchmal von den Städten oder auch von den Gerichtsherren der Adeligen Patrimonialgerichte.
16added:
17added: <!--truncate-->
18added:
19added: 1687 regelte  Herzog Ernst August für seine welfischen Lande, das spätere Kurfürstentum Hannover, die Schutzverleihung, die er für sich allein in Anspruch nahm. Den Städten und  adligen Gerichten sprach er alles Recht der Ausstellung von Schutzbriefen ab. Die nicht unbeträchtlichen Geldsummen, die die Juden für die Schutzbriefe bezahlen mußten, sollten allein in die landesherrliche  Schatulle fließen. Sein Sohn, der Kurfürst Georg Ludwig, der 1714 als König Georg I den englischen Thron bestieg, bestätigte während seiner Regierungszeit dieses Schutzgeld-Edikt und erließ außerdem noch eine ganze Reihe anderer Judenordnungen.
20added:
21added: Der Schutz erstreckte sich auf die Person des Juden, seine Ehefrau, seine unverheirateten Kinder, so lange sie in seinem Haus wohnten, und auf diejenige Anzahl von Dienstboten, die den Juden erlaubt war. Wollten sich die Kinder von Schutzjuden verheiraten, oder von ihren Eltern separieren, so bedurften sie eines besonderen Schutzbriefes. (Heiratserlaubnis erhielt von den Söhnen meistens nur der älteste). Der Schutzbrief gewährte das Recht ungestörten Aufenthaltes im Lande auf begrenzte Zeit, zunächst 6 Jahre, Schutz für Leben , Freiheit und Eigentum, ungestörte Ausübung der jüdischen Religion und sicherte den Inhaber davor, nach Willkür der Behörden außer Landes verwiesen zu werden. Er gestattete, nach Maßgabe der Beschränkungen durch die Landesgesetze, Handel- und Wechselgeschäfte zu treiben. Dagegen gewährte der Schutzbrief weder Bürger- noch Heimatrecht.
22added:
23added: Ganz andere Vorschriften galten dagegen für die unvergleiteten Juden: Sie waren häufig vor Pogromen geflüchtete Osteuropäer. Sie zählten zu den „Armen" und man versuchte, sie sich durch Kontingentierung vom Halse zu halten.
24added:
25added: So hieß es:
26added:
27added: Sie werden als Fremde behandelt. Sie dürfen sich an einem Ort nur 3 Tage, in Hannover 8 Tage, bei andern Juden aufhalten und müssen einen Leibzoll erlegen. Wer länger verweilt, wird „allsofort weggeschafft" und muß nach Maßgabe seines Vermögens  1O - 15 Reichstaler Strafe an die Ortsarmenkasse zahlen. An den Denunzianten müssen außerdem noch 5 - 1O Reichstaler gezahlt werden.
28added:
29added: Dies alles gilt aber nur für die sog. „reputierlichen Juden" (Verordnung vom 9. Juni 1733).
30added:
31added: „Betteljuden" sollen dagegen gar nicht zugelassen werden.
32added:
33added: *Werden sie ertappt, so werden sie zum erstenmal mit 14täiger harter Gefängnisstrafe bei Wasser und Brot belegt und über die Grenze gebracht, beim zweitenmal erhalten sie ein Brandmal, und beim dritten Male werden sie einfach aufgehängt.*
34added:
35added: (Edikt vom 14. Aug. 1714). Diese Gesetzgebung zwang sie natürlich erst recht zum Vagabundieren.
36added:
37added: Die Judenordnungen waren aber in den verschiedenen deutschen Fürstentümern durchaus nicht überall gleich. Was den Juden in dem einen Land verboten war, war ihnen im Nachbarland vielleicht erlaubt. Es gab so gut wie nichts, was überall einheitlich geregelt war.
38added:
39added: Etwa 9O % der im Kurfürstentum Hannover lebenden Juden wohnten in den Städten oder in größeren Orten. Auf dem platten Lande gab es wenige, was mit dem Verbot von Grunderwerb und anderen Berufsbeschränkungen zusammenhing. Ackerbau war ihnen nach der Feudalverfassung verboten.
40added:
41added: Wenn ein Jude bei der Landdrostei einen Antrag auf einen Schutzbrief stellte oder ein Schutzbrief von einer Gemeinde wegen Umzugs auf eine andere Gemeinde transferiert werden sollte, so wurden genaue Erkundigungen über den betreffenden eingeholt. Der Schutzbrieferteilung wurde nur stattgegeben, wenn die Auskünfte ohne jegliche Beanstandung waren. Die Landdrosteien vertraten den Standpunkt, daß die Juden freiwillig ins Land gekommen seien zu den bekannten Konditionen, daß sie jederzeit des Landes verwiesen werden konnten. Die Anzahl der Juden sollte eine statische Größe bleiben. Es sei immer von dem Grundsatz auszugehen: „Das Kurfürstentum sei ein christliches Land und solle es bleiben.“
42added:
43added: ![](./juedische-geschichte-roessing-02-bild-2.jpg)
44added:
45added: 1) Dr. jur. Abraham Löb,  Frankfurt 19O8: Rechtsverhältnisse der Juden im ehemaligen Königreiche und der jetzigen Provinz Hannover
46added:
47added: 2) M. Zuckermann, Hannover 1912 Kollektanea zur Geschichte der Juden im Hannoverland
48added:
49added: #
50added:
51added: # 3) Niedersächsisches Jahrbuch 1992 Bd. 64, vom Historischen Verein f. Niedersachsen, Verlag Hahnsche Buchhndlg. Hannover 1992, Uwe Eissing S. 287 ff.
52added:
53added: #
54added:
55added: # 4) Chur-Braunschweig-Lüneburgische Landesordnungen und Gesetze IV Teil,
56added:
57added: # von Policey - Sachen
58added:
59added: # zum Gebrauch der Fürstenthümer Graf- und Herrschafften Calenbergischen Theils
60added:
61added: Göttingen 1740, in Verlag der Königl. privilegirten Universitäts Buchhandlung
Addedberichte/2012-04-26/juedische-geschichte-roessing-03.md+128 -0
@@ -0,0 +1,128 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (3)"
3added: date: 2012-04-26
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Berufsbeschränkungen der Juden Ein reguläres Handwerk durften die Juden weder erlernen noch ausüben, denn die Zünfte waren ihnen verschlossen. Die Handwerkergil"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/04/200-jahre-judische-geschichte-in.html
9added: ---
10added:
11added: Berufsbeschränkungen der Juden
12added:
13added: Ein
14added: reguläres Handwerk durften die Juden weder erlernen noch ausüben,
15added: denn die Zünfte waren ihnen verschlossen. Die Handwerkergilden, die
16added: Zünfte und Innungen basierten auf den christlichen Bruderschaften
17added: des Mittelalters, und ihr Brauchtum war stark christlich geprägt.
18added: Mit der Zunftverfassung konnte eine "*durch
19added: Religion und Sitte ganz verschiedene Sekte*"
20added: kaum in Übereinstimmung gebracht werden.
21added:
22added: <!--truncate-->
23added:
24added: **Schlachten**
25added:
26added: Das
27added: Schlachten war ihnen zum eigenen Verbrauch erlaubt, aber z.T. auch
28added: zum Verkauf an Christen. Ihr jüdischerGlaube gestattete ihnen, nur
29added: Fleisch von geschächteten Tieren zu essen.
30added:
31added: Dieses
32added: Schächten ist eine rituelle Schlachtung makelfreier (koscherer)
33added: Tiere. Nach den jüdischen Speisegesetzen sind dies wiederkäuende
34added: Paarhufer wie Rind, Schaf, Ziege oder Hirsch. Es wird von einem
35added: Schächter, einem Kultbeamten durchgeführt. Dieser führt mit einem
36added: langen, scharfen Messer einen raschen Querschnitt durch
37added: Halsschlagader, Speise- und Luftröhre des Tieres, wodurch eine volle
38added: Ausblutung erreicht werden soll. Eine vorherige Betäubung des
39added: Schlachttieres war religionsgesetzlich unzulässig.
40added:
41added: In
42added: Deutschland wurde das Schächten durch das Gesetz vom 21.4.1933
43added: verboten, weil es dem deutschen Tierschutzgesetz widerspricht. Durch
44added: Verordnung wurde es 1946 und 1947 von den Alliierten
45added: Militärregierungen wieder zugelassen. Eine einheitliche
46added: bundesgesetzliche Regelung steht auch heute noch aus und es wird in
47added: den verschiedenen Bundesländern unterschiedlich gehandhabt.
48added:
49added: **Handel
50added: und Geldgeschäfte**
51added:
52added: Die
53added: organisierten Kaufmannschaften waren ihnen verschlossen.
54added:
55added: Die
56added: Juden durften mit alten und einigen neuen Waren handeln, so weit
57added: nicht die Privilegien der Zünfte oder der Bürgerschaft dagegen
58added: standen. Als „*Trödeljuden*"
59added: hielten sich viele über Wasser. Der Hokenhandel, der Kleinhandel,
60added: war ihnen erlaubt. Gewohnheitsmäßig kamen auf dem Lande der Vieh-,
61added: Getreide- und Pferdehandel dazu, sowie Geld- und Wechselgeschäfte.
62added:
63added: Vor
64added: allem der Geldverleih lag in den Händen der Juden, den das
65added: kirchliche Zinsverbot den Christen untersagte. Sie hatten das
66added: Privileg, von Darlehen Zinsen zu nehmen und das Recht, verpfändete
67added: oder verkaufte Sachen bis zur Zahlung zurückzubehalten. Einige Juden
68added: kamen dadurch zu erheblichen Vermögen und wurden wegen ihrer
69added: Geschicklichkeit in Gelddingen von den stets finanzschwachen Fürsten
70added: an ihre Höfe gezogen.
71added:
72added: Einer
73added: von diesen war der bekannte Joseph Süß-Oppenheimer (1692-1738), der
74added: von Herzog Karl Alexander von Württemberg zum Geh. Finanz-und
75added: Staatsrat ernannt wurde. Durch Münzmanipulationen und Verkauf von
76added: Ämtern, Titeln und Privilegien erschloß er dem geldbedürftigen
77added: Herzog immer neue Geldquellen. Die Beamtenschaft und die Landstände
78added: zwangen dem Herzog kurz vor seinem Tode den Haftbefehl gegen
79added: Süß-Oppenheimer ab, der in einem anfechtbaren Verfahren zum Tode
80added: verurteilt wurde. Seine Lebensgeschichte diente als Vorlage für den
81added: im Dritten Reich gedrehten Film „*Jud
82added: Süß.“*
83added:
84added: # Geisteswissenschaften
85added:
86added: Öffentliche
87added: Ämter und Würden im Militär- und Zivilstand waren ihnen bis zur
88added: Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert nicht zugänglich, obwohl
89added: das in den verschiedenen deutschen Fürstentümern auch
90added: unterschiedlich gehandhabt. wurde. Die Universitäten standen ihnen
91added: offen und es gab jüdische Ärzte und Advokaten. Diese Gegebenheiten
92added: führten dann im 19. und 2O. Jahrhundert beinahe zwangsläufig in
93added: verschiedenen Berufsgruppen, vor allem geistigen und künstlerischen,
94added: zu einer Überrepräsentation der Juden im Verhältnis zur übrigen
95added: Bevölkerung.
96added:
97added: Ein
98added: klassisches Beispiel dafür ist die Nachkommenschaft des jüdischen
99added: Bankiers und Kammeragenten Leffmann Behrens im 17. Jahrhundert am
100added: Hannoverschen Hofe
101added:
102added: Er
103added: war verheiratet mit Jente Hameln. Diese hatte aus erster Ehe schon
104added: sechs Kinder. Aus ihrer zweiten Ehe mit Leffmann Behrens gingen noch
105added: einmal drei Kinder hervor.
106added:
107added: Diese
108added: Kinder hatten sehr berühmte Nachfahren, u.a. Siegmund Freud, die
109added: Dichter Heinrich Heine und Carl Sternheim und der Komponist Felix
110added: Mendelssohn Bartholdy
111added:
112added: Quellen:
113added:
114added: Dr.
115added: jur.Löb, Abraham:
116added:
117added: „Rechtsverhältnisse
118added: derJuden im ehemaligen Königreiche und der jetzigen Provinz
119added: Hannover“, Frankfurt 1908
120added:
121added: M:
122added: Zuckermann.
123added:
124added: „Kollekteana
125added: zur Geschichte der Juden im Hannoverland“, Hannover 1912
126added:
127added: Jahrbuch
128added: des Historischen Vereins 1992, Uwe Eissing S.320 ff
Addedberichte/2012-04-26/juedische-geschichte-roessing-04.md+159 -0
@@ -0,0 +1,159 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (4)"
3added: date: 2012-04-26
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Erwerb von Grund und Boden Der Besitz von Grund und Boden, Ackerland und Gärten, Wohnhäusern und sonstigen Immobilien war den Juden in den welfischen Ländern se"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/04/200-jahre-judische-geschichte-in_26.html
9added: ---
10added:
11added: Erwerb von Grund und Boden
12added:
13added: Der
14added: Besitz von Grund und Boden, Ackerland und Gärten, Wohnhäusern und
15added: sonstigen Immobilien war den Juden in den welfischen Ländern seit eh
16added: und je verboten. Aber da sie Geldverleih betrieben und dafür häufig
17added: Sicherheiten in Form von Grundbesitz nahmen, waren die
18added: diesbezüglichen landesherrlichen Anordnungen oft unterlaufen worden.
19added:
20added: <!--truncate-->
21added:
22added: Um den bestehenden Gesetzen erneut Nachdruck zu
23added: verleihen und einer weiteren Verbreitung dieses Brauchs Einhalt zu
24added: gebieten, wurde 1718 auf Befehl des hannoverschen Kurfürsten Georg
25added: Ludwig, der 1714 als Georg I den englischen Königsthron bestiegen
26added: hatte, ein Dekret mit folgendem Inhalt veröffentlicht:
27added:
28added: *"Es
29added: wird angeordnet, daß von nun an kein Jude in unseren Landen, den
30added: Fürstentümern Lüneburg, Calenberg, Göttingen und Grubenhagen
31added: u.s.w., die Stadt Harburg ausgenommen, weder in den Städten noch auf
32added: dem Land ein Wohnhaus oder andere Immobilien als Eigentum erwerben
33added: soll.*
34added:
35added: *Nachdem
36added: die Juden in der vergangenen Zeit durch Kauf viele Häuser und
37added: Immobilien an sich gebracht, wurde die Zahl der Juden vermehrt, die
38added: bürgerliche Nahrung dagegen vermindert und die Häuser im Preis
39added: unnötig gesteigert. Außerdem werden die Bürger durch
40added: Einquartierung von Soldaten über Gebühr belastet, da die
41added: Juden-Häuser wegen der Verfassung bisher nie mit Einquartierung
42added: belegt worden sind. Damit diese Anordnung nicht unterlaufen wird,
43added: wird der Abschluß solcher Contrakte verboten, die am Ende eine
44added: rechtmäßige Güterübertragung nach sich ziehen. Wo eine
45added: Veräußerung verboten ist, ist auch eine Verpfändung verboten. Im
46added: ersteren Fall fallen die Immobilien der Königlichen Kammer anheim,
47added: im zweiten Fall, also bei Verpfändung, soll der Schuldner nicht zur
48added: Zahlung verpflichtet sein und der Contrakt null und nichtig.*
49added:
50added: *Damit jedoch den Untertanen nicht jede
51added: Gelegenheit genommen wird, im Fall der Not auf ihre Immobilie Geld
52added: herzuleihen, so wird gestattet, daß ein Jude 6 Jahre lang Geld
53added: darauf leiht, dies darf aber nur vor dem Magistrate geschehen. Nach 6
54added: Jahren erlischt der Vertrag. Sollte nach diesen 6 Jahren der
55added: Schuldner zahlungsunfähig sein, und eine Verlängerung der Hypothek
56added: wünschen, so ist dies beim Rat anzumelden, der eine diesbezügliche
57added: Anordnung trifft. Damit sich aber kein Jude mit Unwissenheit
58added: entschuldigt, wird diese Anordnung öffentlich angeschlagen und jedem
59added: Juden mit dem Schutzbrief zusammen ausgehändigt."*
60added:
61added: 5.
62added: Januar 1718
63added:
64added: Ad
65added: Mandatum Regis
66added:
67added: F.W.Fr.
68added: von Goertz
69added:
70added: ## Quelle: NHSA Sign: Hann 74, Cal Nr. 43O
71added:
72added: Am
73added: **18.
74added: August 1731**
75added: wurde von der hannoverschen Regierung eine weitere Verordnung
76added: erlassen, die folgendes zum Inhalt hatte:
77added:
78added: *"Wir
79added: vernehmen mißfällig, daß unsere unterm 5. Januar 1718 erlassene
80added: Verordnung, kraft welcher wir verboten, daß die in unseren Landen
81added: vergeleiteten Juden einige unbewegliche Güter an sich bringen oder
82added: darauf anders als die vorgeschriebene Art Gelder herleihen, von
83added: vielen Magistratspersonen dahin gedeutet wird, daß den Juden erlaubt
84added: sei, bei Konkursen oder Zwangsversteigerungen Immobilien durch das
85added: höchste Gebot zu erstehen, oder auf Ländereien Geld zu leihen und
86added: in Besitz zu nehmen, den Pflug darauf zu schicken, oder Gärten und
87added: Wiesen selbst zu bestellen oder das Nutzungspfand an Liegenschaften
88added: zu genießen. Dies läuft unserer Absicht völlig zuwider. So
89added: bekräftigen wir unsere Willensmeinung dahingehend, daß es den Juden
90added: auf keine Art und Weise erlaubt sein soll, Immobilien an sich zu
91added: bringen. Auch bei Zwangsversteigerungen ist es nicht gestattet, daß
92added: sie selbst oder durch Bevollmächtigte vertreten, die Pfandnutzung an
93added: Ländereien, Gärten oder Wiesen*
94added: *erwerben."*
95added:
96added: Es
97added: folgt der Passus wie vorhergehend.
98added:
99added: *"Damit kein Jude sich mit
100added: Unwissenheit entschuldigen kann, wird dies sofort öffentlich bekannt
101added: gemacht und einem jeden Juden ein Exemplar zugestellt."*
102added:
103added: 18.
104added: Aug. 1731
105added:
106added: Ad
107added: Mandatum Regis
108added:
109added: L.
110added: U. v. Hardenberg
111added:
112added: ## Quelle: NHSA, Sign: Hann 74 Cal Nr. 43O
113added:
114added: Aber
115added: schon längst hatte die handelsübliche Praxis die fürstlichen
116added: Anordnungen überholt. Es war den Juden nicht mehr länger zu
117added: verbieten, für ihre Darlehen auch offiziell Sicherheiten zu nehmen
118added: und auf Immobilien Hypotheken eintragen zu lassen. Daher folgte dem
119added: Dekret vom 18. Aug. 1731 einige Monate später, **am
120added: 17. Dez**.
121added: desselben Jahres ein neues. Im Namen des Königs Georg verfügte die
122added: hannoversche Regierung nun folgendes:
123added:
124added: *"Es sind bei der
125added: in unsern Landen angesessenen Judenschaft Zweifel über die unterm
126added: 18. August 1731 ergangene Verordnung entstanden: Kann einer der
127added: vergeleiteten Schutzjuden, wenn er Gelder ausleiht, gültige Hypothek
128added: auf Immobilien eintragen lassen? Hat eine solche Hypothek nach dem
129added: Edikt Gültigkeit und wird sie nach vorfallenden Konkursen anerkannt?*
130added:
131added: *Unsere
132added: Willensmeinung wird hiermit kund getan: Weil den in unseren Landen
133added: vergeleiteten und mit richtigen Schutzbriefen versehenen Juden die
134added: Handelschaft nach Maßgabe der ergangenen Edikte gestattet ist, ist
135added: ihnen auch nicht verwehrt, bei allen ihnen erlaubten Verträgen die
136added: erlaubten Sicherheiten zu nehmen. Dazu gehört allerdings auch die
137added: Belastung von Immobilien und "liegenden Grund=Stücken" mit
138added: Hypotheken. Im übrigen behält das Edikt seine Gültigkeit. Wir
139added: erklären noch einmal ausdrücklich, daß alle vergeleiteten und mit
140added: gehörigen Schutzbriefen versehenen Juden bei allen und jeden ihnen
141added: erlaubten Handlungen, wo sie es zu ihrer Sicherheit nötig finden,
142added: sich von den Schuldnern auf Immobilien Hypotheken verschreiben lassen
143added: dürfen und bei entstehenden Konkursen und anderen ´Prozessen in
144added: Judicando´ den Rechten gemäß darauf zu reflektieren. Es soll nach
145added: rechtlicher Ordnung bei all unseren Gerichten danach verfahren werden
146added: ohne Ansehung der Tatsache, daß bei dieser Art Schulden Juden in den
147added: Besitz von Immobilien kommen.*
148added:
149added: 17.
150added: Dezember 1731
151added:
152added: Ad
153added: Mandatum Regis
154added:
155added: L.
156added: U. v. Hardenberg
157added:
158added: Quelle:
159added: NHSA Sign: Hann 74 Cal Nr. 43O
Addedberichte/2012-04-26/juedische-geschichte-roessing-05.md+85 -0
@@ -0,0 +1,85 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (5)"
3added: date: 2012-04-26
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Lockerung der Judengesetze in der Franzosenzeit und bleibende Familiennamen Während der französischen Revolution, schon 1789 auf der Nationalversammlung, wurde"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/04/200-jahre-judische-geschichte-in_8268.html
9added: ---
10added:
11added: **Lockerung der Judengesetze in der
12added: Franzosenzeit und bleibende Familiennamen**
13added:
14added: <!--truncate-->
15added:
16added: Während
17added: der französischen Revolution, schon 1789 auf der
18added: Nationalversammlung, wurde für die Juden als Staatsbürger die
19added: rechtliche Gleichstellung gefordert und durch die Emanzipationsakte
20added: in Frankreich auch gesetzlich verankert. Als während der
21added: französischen Okkupation große Teile des Kurfürstentums Hannover
22added: dem kurzlebigen Königreich Westfalen (18O7-1812) angegliedert
23added: wurden, erhielten auch die hannoverschen Juden die bürgerliche
24added: Gleichstellung. Die alten hannoverschen Judengesetze wurden
25added: aufgehoben, der Grunderwerb gestattet und die Schutzbriefe sowie der
26added: diskriminierende Leibzoll wurden abgeschafft.
27added:
28added: Obwohl
29added: durch das Dekret vom 27. Januar 1808 allen Juden dieselben Rechte wie
30added: den andern Bürgern eingeräumt wurden, mußten die Juden in Hannover
31added: das ihnen von der alten Landesregierung auferlegte Schutzgeld weiter
32added: zahlen. Ein diesbezügliches Protestschreiben wurde von der
33added: französischen königlich-westfälischen Präfektur in Kassel
34added: abgeschmettert.
35added:
36added: „Das Schutzgeld
37added: gehört zu den Dotationen, die dem Kaiser der Franzosen nach der
38added: Okkupation des Kurfürstentums Hannover zustehen und die dieser an
39added: König Jerôme von Westfalen abgetreten hat.“
40added:
41added: Am
42added: 31.März 1808 wurde außerdem verfügt, daß die Juden binnen 3
43added: Monaten *bleibende
44added: Familiennamen* annehmen
45added: sollten. Bis dahin führten sie in der Regel nur ihre
46added: *alttestamentarischen*Vornamen.
47added: Das *westfälische
48added: Namensedikt*
49added: wurde im Benehmen mit den Juden des Landes entwickelt, die sich
50added: einmütig für bleibende Familiennamen ausgesprochen hatten. Die
51added: Namenwahl war grundsätzlich freigestellt, anders als in Frankreich
52added: waren auch jüdische Namen und Vornamen erlaubt. (3)
53added:
54added: Aber
55added: als nach dem Ende der Fremdherrschaft Hannover 1814 Königreich
56added: wurde, setzte es sofort, noch vor dem Ende des Wiener Kongresses,
57added: seine aus dem 18. Jahrhundert stammenden kurfürstlichen Judengesetze
58added: - mit Ausnahme des Leibzolls - wieder in Kraft, erneuerte damit die
59added: Institution des Schutzjudentums und setzte seine restriktive
60added: Judenpolitik fort.
61added:
62added: Von
63added: 1828 bis 1833 sammelten die Landdrosteien statistisches Material über
64added: die Lage der jüdischen Bevölkerung. Ihr Anteil betrug 0,6% im
65added: Königreich. Außer ländlichen Handelsleuten, Schlachtern und
66added: kleinen Gewerbetreibenden gab es nur einen jüdischen Juristen, einen
67added: Arzt und einen Tierarzt, und die Altstadt von Hannover verfügte
68added: noch, wie die Stadt Osnabrück, über das Privileg des *non
69added: tolerandi Judaeos.*
70added: (4)
71added:
72added: Quellen
73added:
74added: 1. Dr.
75added: jur. Abraham Löb, Frankfurt 1908: Rechtsverhältnisse der Juden im
76added: ehemaligen Königreiche und der jetzigen Provinz Hannover
77added: 2. M.
78added: Zuckermann, Hannover 1912 Kollektanea zur Geschichte der Juden im
79added: Hannoverland
80added:
81added: 3) Niedersächsisches
82added: Jahrbuch 1993, Wolfgang Marienfeld, S. 275 ff
83added:
84added: 4) Niedersächsisches
85added: Jahrbuch 1992, Uwe Eissing S. 289
Addedberichte/2012-04-26/juedische-geschichte-roessing-06.md+110 -0
@@ -0,0 +1,110 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (6)"
3added: date: 2012-04-26
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Die Emancipation der Juden im Königreich Hannover Während In der Deutschen Bundesakte von 1815 die Gleichstellung der Juden formal beibehalten wurde, setzten di"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/04/200-jahre-judische-geschichte-in_5293.html
9added: ---
10added:
11added: Die *Emancipation*
12added: der Juden im Königreich Hannover
13added:
14added: Während
15added: In der *Deutschen
16added: Bundesakte von* ***1815***die
17added: Gleichstellung der Juden formal beibehalten wurde, setzten die
18added: einzelnen Deutschen Bundesländer, bis auf Preußen, sie wieder außer
19added: Kraft.
20added:
21added: <!--truncate-->
22added:
23added: Mit Fragebögen wurde die jüdische Bevölkerung
24added: wieder genau erfaßt. Es wurde nachgeforscht, wo jemand inzwischen
25added: Grundeigentum erworben hatte und die Institution des Schutzjudentums
26added: wurde erneuert. Die unveränderlichen Nachnamen blieben teilweise im
27added: Gebrauch, manchmal fielen sie weg.
28added:
29added: In
30added: Frankreich erfolgte die Gleichstellung der Juden **1790**durch
31added: eine einzige Akte, im Königreich Hannover dagegen war es ein
32added: langwieriger Prozeß, der sich schrittweise über Jahrzehnte
33added: erstreckte. 1828 wurden wieder bleibende Familiennamen eingeführt.
34added:
35added: Die
36added: drei Rössinger Judenfamilien mußten sich am **14.
37added: Mai 1828**
38added: auf dem Amt Calenberg einfinden und ihren Wahlnamen angeben. Sie
39added: entschieden sich für die Namen, die sie auch schon während der
40added: Franzosenzeit führten:
41added:
42added: Neuhaus,
43added: Neuberg und Blumenthal
44added:
45added: **1832**Der
46added: Gesetzentwurf zur Reform der bürgerlichen Verhältnisse der Juden,
47added: an den „nur noch letzte Hand anzulegen war," gelangte **1836**zur
48added: Beratung an die Stände und ging **1837**im
49added: Verfassungskonflikt unter.
50added:
51added: **30.
52added: September 1842: „*****Emancipationsgesetz“***
53added:
54added: Gesetz
55added: über die Rechtsverhältnisse der Juden
56added:
57added: Artikel
58added: 1, Abschnitt 1 stellte als Regel den *Grundsatz
59added: der Gleichheit*
60added: in Rechten und Pflichten mit den Christen auf.
61added:
62added: § 5
63added: enthielt die Bestimmung:
64added:
65added: "*Das
66added: Schutzverhältnis der Juden, so weit es noch*
67added: *besteht,
68added: wird aufgehoben. Die daraus folgenden Leistungen bleiben jedoch
69added: einstweilen und bis auf ein zu erlassendes Gesetz bestehen.*"
70added:
71added: Die
72added: Juden wurden zwar der allgemeinen Wehrpflicht unterworfen, aber der
73added: Regierung stand das Recht zu, die Juden bis auf weiteres nicht zum
74added: Militärdienst heranzuziehen.
75added:
76added: Viele Bestimmungen des neuen Gesetzes wurden durch
77added: Ausnahmeregelungen durchlöchert.
78added:
79added: **1847**
80added: folgten Ergänzungen zu dem Gesetz von 1842, unter anderem:
81added:
82added: **das
83added: Recht der**
84added: **Juden,
85added: ein Haus und 1 1/4 Morgen Acker zu erwerben.**
86added:
87added: **Am
88added: 5. September 1848**
89added: brachte das Gesetz die *völlige
90added: Gleichstellung der Juden im*
91added: Königreich Hannover durch den Passus, daß die Ausübung der
92added: bürgerlichen und politischen Rechte vom Religionsbekenntnis
93added: unabhängig sein sollte. Die Juden konnten damit auch öffentliche
94added: Ämter übernehmen und waren berechtigt zur Teilnahme an der
95added: Gemeinde- und Landesvertretung.
96added:
97added: **1869**sorgte
98added: der *Norddeutsche
99added: Bund* für
100added: die Aufhebung der letzten persönlichen Beschränkungen.
101added:
102added: Quelle:
103added:
104added: Niedersächsisches
105added: Jahrbuch 1992, Uwe Eissing S. 287 ff. (Rechtsverhältnisse der
106added: Juden)
107added:
108added: Niedersächsisches
109added: Jahrbuch 1993, Wolfgang Marienfeld S. 263 ff. (Familiennamen der
110added: Juden)
Addedberichte/2012-04-26/juedische-geschichte-roessing-07.md+78 -0
@@ -0,0 +1,78 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (7)"
3added: date: 2012-04-26
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Ein Diebstahl auf dem Schloß Die ältesten Judenakten in Rössing befassen sich mit einem Eigentumsdelikt. 1757 wurde ein namentlich nicht genannter Jude beim Die"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/04/200-jahre-judische-geschichte-in_7127.html
9added: ---
10added:
11added: # Ein Diebstahl auf dem Schloß
12added:
13added: Die
14added: ältesten Judenakten in Rössing befassen sich mit einem
15added: Eigentumsdelikt.
16added:
17added: <!--truncate-->
18added:
19added: **1757**
20added: wurde ein namentlich nicht genannter Jude beim Diebstahl von
21added: silbernen Tressen auf dem adeligen Gute ertappt. Er war geständig
22added: und gab die gestohlenen Tressen auch sogleich zurück. Es war die
23added: Zeit des Siebenjährigen Krieges, das Kurfürstentum Hannover war von
24added: den Franzosen besetzt und auch in Rössing lag Einquartierung.
25added:
26added: Bei
27added: dem Übeltäter handelte sich um einen hier angesessenen Juden und
28added: Herr F.L. von Rössing als Guts- und gleichzeitig Gerichtsherr
29added: sperrte den Übeltäter für drei Tage im Hundestall ein, der als
30added: Karzer diente. Danach ließ er ihn laufen und betrachtete die
31added: Angelegenheit damit als erledigt.
32added:
33added: Aber
34added: der Gerichtsvogt der Gemeinde, G.W. Rothard, erstattete über die
35added: Angelegenheit postwendend schriftlichen Bericht auf dem Calenberg.
36added: Offenbar stand er in persönlicher Feindschaft zu dem
37added: Patrimonialgerichtsherrn. Das zeigt die sehr aggressive Form, die in
38added: all seinen diesbezüglichen Schriftstücken hervorsticht. Er war der
39added: Meinung, Herr von Rössing hätte kein Recht gehabt, den Delinquenten
40added: eigenmächtig zu entlassen. Vielmehr hätte er ihn nach drei Tagen
41added: „zwischen den beiden Brücken" (Schloßgraben und
42added: Rössingbachbrücke) dem Calenberger Gericht übergeben müssen,
43added: damit dieser vom Amtsgericht ordentlich abgestraft würde.
44added:
45added: „*Allein
46added: die arglistigen Inhabers des Rössingschen*
47added: *Niedergerichts
48added:
49added: versuchen öfters bei ein und den anderen Veränderungen, ob sie
50added: durch
51added: dergleichen Einschleichung sich verbreiten können."*
52added:
53added: F.L
54added: von Rössing wurde vom Amt um Stellungnahme gebeten.
55added:
56added: Seine
57added: Antwort:
58added:
59added: „*Da
60added: der hier eingesessene Jude, als man ihn ertappte, die Silbertressen,
61added: die er in den Händen hielt*,
62added: *sogleich
63added: zurückgegeben hat*,
64added: *ist er
65added: nicht wegen Diebstahls, sondern nur wegen ungebührlicher Aufführung
66added: mit drei Tagen Hundezwinger bestraft. So habe ich mich auch nicht
67added: eines Eingriffs in die Königliche*
68added: *Jurisdiktion
69added: schuldig gemacht.“*
70added:
71added: Vereinzelt
72added: in den Dörfern lebende Juden hielten sich mit Vorliebe unter den
73added: „Adeligen Gerichtsherrn“ auf, weil sie dort meistens nicht die
74added: volle Härte der offiziellen restriktiven hannoverschen Judenpolitik
75added: traf.
76added:
77added: Quelle:
78added: NHSA, Sign. Hann 74, Cal Nr. 295
Addedberichte/2012-04-26/juedische-geschichte-roessing-08.md+131 -0
@@ -0,0 +1,131 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (8)"
3added: date: 2012-04-26
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Familienschicksale - Samuel Hirsch und seine Frau Jette Die folgenden Kapitel drehen sich vor allem um die Erlangung der für die Juden überlebenswichtige Schutz"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/04/200-jahre-judische-geschichte-in_1630.html
9added: ---
10added:
11added: Familienschicksale - Samuel Hirsch und seine Frau
12added: Jette
13added:
14added: Die folgenden Kapitel drehen sich vor allem um die
15added: Erlangung der für die Juden überlebenswichtige
16added: Schutzbrieferteilung.
17added:
18added: <!--truncate-->
19added:
20added: Im
21added: Jahre 1806 stellt der „Judenknecht“ Samuel Hirsch aus Barnten
22added: wiederholt einen Antrag auf einen Schutzbrief auf Rössing. Als
23added: „Judenknechte“ wurden alle nicht selbstständig arbeitenden
24added: männlichen Juden im „Amtsdeutsch“ bezeichnet. Dieser Schutzbrief
25added: wird ihm mehrmals abgeschlagen.
26added:
27added: Der
28added: gutachterliche Bericht des Rössinger Gemeindevogts war sehr
29added: ungünstig ausgefallen. Samuel Hirsch stammte aus Barnten, das zum
30added: Hildesheimer Amt Steuerwald gehörte.
31added:
32added: „*Nachdem
33added: sein in Armut geratener Vater sich zu seinem in Copenhagen
34added: etablierten Sohne begeben, hat er sich bald im Hildesheimischen, bald
35added: im Hannöverschen umhergetrieben. Mehr denn ein Schutzjude darf nach
36added: unserm unterthänigst pflichtmäßigen Dafürhalten im Dorfe Rössing
37added: nie vergleitet werden, wenn er sich auf ehrliche Art nähren und
38added: seinen Glaubensgenossen nicht als Bettler zur Last fallen soll. Es
39added: erscheint der hiesigen Amts- und Gerichtsgemeinde von keinem großen
40added: Gewicht, ob es gleich bei dem geführten umherschweifenden
41added: Lebenswandel des Supplikanten uns unthunlich gewesen, von dessen
42added: bisherigem Wandel zuverlässige Erkundigung einzuziehen.“*
43added:
44added: In diesem Schreiben vom 18. Dezember 1805 an das
45added: Regierungs-Collegium des Amtes Calenberg legt der Amtsvogt aus
46added: Rössing seiner vorgesetzten Behörde nahe, die Schutzbriefanträge
47added: des Samuel Hirsch ein für allemal abzulehnen.
48added:
49added: Samuel
50added: Hirsch hält sich die nächsten Jahre trotzdem vorwiegend in Rössing
51added: unter dem Adeligen Gericht als unvergleiteter Jude auf. Er lebt vom
52added: Trödelhandel mehr schlecht als recht. Als während der Franzosenzeit
53added: das westfälische Namensedikt 1808 verlangte, daß die hannöverschen
54added: Juden unveränderliche Familiennamen annehmen sollten, nennt er sich
55added:
56added: *Samuel
57added: Hirsch-Neuhaus*
58added:
59added: Er
60added: heiratet während dieser Zeit eine *Jette
61added: Behrens*
62added: aus Bernburg, mit welcher er jedoch eine „unzufriedene Ehe“
63added: führt.
64added:
65added: Bürgermeister
66added: (maire) Georg Opitz beschreibt die Verhältnisse des Ehepaares
67added: Hirsch-Neuhaus:
68added:
69added: „*Samuel Hirsch-Neuhaus, 39 Jahre,
70added: lebt vom Trödelhandel, seine Vermögensumstände sind schlecht. Er
71added: lebt unter dem Adeligen Gericht und hat eine Frau.“*
72added:
73added: Bei
74added: der Frage nach der Schutzwürdigkeit heißt es einmal:
75added:
76added: „*Er
77added: führt nicht die beste Lebensart, mißhandelt seine Frau und überläßt
78added: sie der*
79added:
80added: *Wohltätigkeit
81added: anderer Leute. Er verdient den Schutz nicht.“*
82added:
83added: Ein
84added: anderes Mal lautet seine Beurteilung ähnlich:
85added:
86added: „*Er
87added: stehet nicht in bestem Rufe, soll jedem schuldig sein und behandelt
88added: seine Frau äußerst schlecht, hat sich von ihr separiert, gibt ihr
89added: nichts zu leben und muß Leute um Almosen anbetteln. Meines
90added: Dafürhaltens soll ihnen der Schutz nicht gewährt werden. Ein Haus
91added: oder Grundstück besitzt das Paar nicht in Rössing*.“
92added:
93added: Nachdem das Paar schon einige Zeit getrennt gelebt
94added: hatte, ließ es sich im Jahre 1817 förmlich scheiden, und die Ehe
95added: wurde den jüdischen Gesetzen gemäß aufgehoben. Für ihr
96added: eingebrachtes Heiratsgut erhielt Jette Behrens von ihrem geschiedenen
97added: Ehemann 50 Reichstaler zurück.
98added:
99added: 1818 hat Samuel Hirsch-Neuhaus dann doch seinen
100added: Schutzbrief erhalten und der Rössinger Gemeindevogt Opitz steckt
101added: sich hinter die Verwaltung auf dem Calenberg, um Jette Behrens, die
102added: sich „*hier immer noch herumtreibt* *und mit allerlei
103added: Trödeleien abgibt,“* nach Bernburg, in ihre Heimat und zu ihren
104added: wohlhabenden Verwandten abzuschieben.
105added:
106added: „*Obwohl sie hier
107added: doch gar keine Veranlassung zu längerem Aufenthalt mehr hat, hält
108added: sie sich doch noch am Ort und in der Umgebung auf und hat auch immer
109added: noch ein Unterkommen gefunden. Da inzwischen zu befürchten ist, daß
110added: besagte Person, wenn sie einst alt und hilfsbedürftig ist, dem
111added: Publico zur Last fällt und um Unterstützung bittet, halte ich es
112added: für meine Pflicht, die Verhältnisse dem königlichen Amte
113added: anzuzeigen. Der Jette Behrens sei bitte zu bedeuten, daß sie sich
114added: binnen einiger Monate von hier wegzubegeben habe.“*
115added:
116added: Auf dies Schreiben vom Gemeindevogt Opitz vom
117added: Dezember 1819 erhält Jette Behrens vom Königlichen Amt Calenberg
118added: die Aufforderung, sich bis Ostern 1820 aus Rössing und dem hiesigen
119added: Amte zu entfernen. Offenbar hat sie dieser Aufforderung Folge
120added: geleistet, denn sie taucht in den Rössinger Akten nicht wieder auf.
121added:
122added: Das fiscalische Schutzgeld für Samuel
123added: Hirsch-Neuhaus war 1818 bei Erteilung des Schutzbriefes zunächst auf
124added: 4 Reichstaler festgesetzt worden. Aber da das Geld nicht beizutreiben
125added: war, wird es 1822 auf 2 Reichstaler ermäßigt und danach *„wegen
126added: seiner Dürftigkeit“* ganz erlassen. Bis 1840 wird Samuel
127added: Hirsch-Neuhaus in den Listen der jüdische Einwohner noch geführt.
128added: Wahrscheinlich ist er dann gestorben und auf dem jüdischen Friedhof
129added: in Rössing beigesetzt.
130added:
131added: Quelle: NHSA Hannover, Sign. Hann 74, Cal. Nr. 425
Addedberichte/2012-04-26/juedische-geschichte-roessing-09.md+141 -0
@@ -0,0 +1,141 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (9)"
3added: date: 2012-04-26
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Familienschicksale - Rahel Simson, Amsel Calman und Nathan Schay- Neuberg Im 18. Jahrhundert gab es in Rössing nach den registerförmigen Quellen noch keine verg"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/04/200-jahre-judische-geschichte-in_3389.html
9added: ---
10added:
11added: **Familienschicksale
12added: -** **Rahel
13added: Simson, Amsel Calman und Nathan Schay- Neuberg**
14added:
15added: <!--truncate-->
16added:
17added: Im 18.
18added: Jahrhundert gab es in Rössing nach den registerförmigen Quellen
19added: noch keine vergleiteten Juden. Erst als in der Franzosenzeit die
20added: Bestimmungen liberaler wurden und die Verwaltungen durch die
21added: Fremdherrschaft sowieso verunsichert waren, faßten sie auch in
22added: Rössing Fuß.
23added:
24added: Im Jahre 18O6 in Rössing wurde hier eine Jüdin
25added: mit Namen Rahel Simson aktenkundig. Sie stammte aus dem Hessischen
26added: und war zugewandert, aber bei wem sie in Rössing lebte oder
27added: arbeitete, geht nicht aus den Akten hervor. Doch dieser Aktenvermerk
28added: hatte schon eine längere Vorgeschichte.
29added:
30added: Am
31added: 24.März des Jahres 18O4 hatte der aus dem Bambergischen zugewanderte
32added: und in Pattensen lebende „*Judenknecht*“
33added: Amsel Calman einen Antrag auf Erteilung eines Schutzbriefes auf die
34added: Dorfschaft Wülfingen gestellt. Das wurde ihm aber mit Schreiben vom
35added: 6. August 18O4 von Seiten des "*Calenberg-Grubenhagenschen
36added: Polizey- und Städte-Departements"* verweigert.
37added:
38added: Die
39added: Begründung lautete:
40added:
41added: „*--daß*
42added: *bei der
43added: bereits vorhandenen großen Anzahl inländischer Schutzjuden Bedenken
44added: getragen werde, ausländischen Juden den Schutz in hiesigen Landen zu
45added: verleihen, mithin dem eingebrachten Gesuch nicht stattgegeben werde.“*
46added:
47added: Offenbar hat Amsel Calman doch noch den
48added: Schutzbrief auf Wülfingen erhalten, der bis "Meytag" 18O6
49added: Gültigkeit hatte. Inzwischen hatte er sich mit der in Rössing
50added: lebenden Rahel Simson verlobt und beantragte im März 18O5 die
51added: Transferierung seines Schutzbriefes von Wülfingen auf das „ganze
52added: Dorf Rössing." Dazu mußte erst ein Gutachten von der
53added: Gemeindeverwaltung eingeholt werden.
54added:
55added: Rössing bestand damals noch aus 2 Gemeindeteilen,
56added: dem Amt Rössing und dem Adeligen Gericht Rössing, die erst 1829
57added: zusammengelegt wurden. Da man der Meinung war, daß mehr als ein
58added: einziger vergleiteter Jude für Rössing zuviel wäre, befürwortete
59added: man den Schutzbrief nur für das „ganze" Dorf, nicht etwa
60added: einen für jeden Gemeindeteil. Amsel Calman lebte vom Pferdehandel
61added: und erhielt seinen Schutzbrief. Gleichzeitig wurde ihm mitgeteilt,
62added: daß er dafür weiterhin jährlich 4 Reichstaler an das Amt Calenberg
63added: zu bezahlen habe, was eine ansehnliche Summe darstellte.
64added:
65added: Ob
66added: es noch zu der beabsichtigten Heirat mit Rahel Simson kam oder ob
67added: Amsel Calman vorher starb, läßt sich nicht genau feststellen. Kurze
68added: Zeit nach der Transferierung des Schutzbriefes im Juli 18O5 war er
69added: jedenfalls tot und Rahel Simson wird manchmal als seine Braut und
70added: manchmal als seine Witwe bezeichnet.
71added:
72added: Quelle:
73added: NHSA Hannover, Sign. Hann 74 Cal 425
74added:
75added: # Rahel Simson und Nathan Schay-Neuberg
76added:
77added: Aber
78added: im März des folgenden Jahres 18O6 hat Rahel Simson einen neuen
79added: Verlobten, Jesaia Nathan Schay aus Sarstedt, manchmal auch Schey oder
80added: Schaie geschrieben. Dieser nahm später den Namen Neuberg an, der
81added: noch manchem alten Rössinger bekannt ist. Rahel Simson beantragte
82added: den Schutzbrief für ihren Verlobten, damit er nach Rössing ziehen
83added: könnte und die Hochzeit stattfinden dürfte. Aber der Antrag wurde
84added: am 14. April 18O6 von „Seiner Königlichen Majestät von Preußen
85added: provisorisch bestätigter hiesigen Provinzial-Regierung"
86added: abgelehnt, denn im Jahre 1806 gehörte das Kurfürstentum Hannover im
87added: Zuge der Napoleonischen Wirren für einige Monate zu Preußen.
88added:
89added: Daraufhin
90added: schrieb Nathan Schay ein weiteres dringendes Gesuch auf Erteilung des
91added: Schutzbriefes, weil seine Braut jetzt hoch schwanger sei, und er
92added: zeigte die unglücklichen Folgen, wenn sie nicht mit dem
93added: Landesherrlichen Schutz begnadigt würden.
94added:
95added: *"Es
96added: steht daher in Eurer Wohlgeborenen Gewalt, meine Braut und mich
97added: glücklich zu machen oder in namenloses Elend zu stürzen, denn auf
98added: den Bericht eures hochlöblichen Amtes wird es ankommen, ob ich mit
99added: dem Landesherrlichen Schutz begnadet werde oder nicht. Ich wage daher
100added: auf hochderoselben Menschenfreundlichkeit vertrauend, die gehorsamst
101added: demütigste Bitte: Hochderoselben wollen geruhen, auf das von meiner
102added: Braut unterm 19.d.M. bei einem hohen Polizey und Städte-Departement
103added: untertänigst überreichte Gesuch einen wohlmöglich guten Bericht
104added: huldvollst abzustatten.*
105added:
106added: *Ich
107added: ersterbe in tiefstem Respekt*
108added:
109added: *Euer
110added: Wohlgeboren untertänigster Diener*
111added:
112added: ## Nathan Schay“
113added:
114added: Daraufhin
115added: ordnet die Provinzialregierung mit Schreiben vom 10. Juli 1806 an,
116added: daß das Gesuch erneut zu überprüfen sei. Es soll genau dargestellt
117added: werden, was gegen die Gewährung des Schutzes vorzubringen sei. Der
118added: Rössinger Amtsvogt beantwortet das Schreiben am 1. August 1806
119added: wohlwollend. Aber offensichtlich hat sich der ganze Vorgang
120added: verzögert, vielleicht durch die politischen Veränderungen. Denn am
121added: 16. Oktober 1806 hatten die Preußen in der Schlacht bei Jena und
122added: Auerstedt eine vernichtende Niederlage erlitten und die Franzosen
123added: waren wieder die Herren im Lande. Mit Schreiben vom 18. Dezember
124added: desselben Jahres befürwortet der Vogt erneut, Nathan Schay mit dem
125added: Schutz zu begnadigen, nachdem er umfassende Erkundigungen über das
126added: Vermögen, die Lebensumstände und die Familie des Bewerbers aus
127added: Sarstedt eingezogen hat.
128added:
129added: „*Da ich wegen des bisherigen
130added: Lebenswandels und guter Aufführung die vorzüglichsten Zeugnisse
131added: erhalten habe, ist gegen eine Schutzbrieferteilung nichts
132added: einzuwenden.“*
133added:
134added: Diese
135added: erfolgte, wenn auch mit einiger Verzögerung, so daß die Heirat mit
136added: mit Rachel Simson stattfinden und das Paar sich in Rössing
137added: niederlassen konnte.
138added:
139added: Quelle:
140added: NHSA Hannover, Sign. Hann 74, Cal
141added: Nr. 425
Addedberichte/2012-04-26/juedische-geschichte-roessing-10.md+140 -0
@@ -0,0 +1,140 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (10)"
3added: date: 2012-04-26
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Familienschicksale - Nathan Schay-Neuberg kauft eine Köthnerstelle 18O8 nach der Verkündung des Westfälischen Namensediktes nahm das Ehepaar Simson/Schay als un"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/04/200-jahre-judische-geschichte-in_9854.html
9added: ---
10added:
11added: # Familienschicksale - Nathan Schay-Neuberg kauft eine Köthnerstelle
12added:
13added: <!--truncate-->
14added:
15added: 18O8
16added: nach der Verkündung des Westfälischen Namensediktes nahm das
17added: Ehepaar Simson/Schay als unveränderlichen Nachnamen den Namen
18added: Neuberg an.
19added:
20added: Die
21added: von den Franzosen zugesicherte Gleichberechtigung schloß den bis
22added: dahin im Kurfürstentum Hannover verbotenen Grunderwerb der Juden
23added: ein. Nathan Schay nutzte die Gunst der Stunde. Nachdem er am 21.
24added: Dezember 18O6 seinen Schutzbrief erhalten hatte, kaufte er die
25added: Köthnerstelle Nr. 15 ( Lange Str. Nr.7**).**
26added:
27added: Diese
28added: Köthnerstelle hatte Hans Heinrich Blume gehört, der über 40 Jahre
29added: dort den Dorfkrug und einen einträglichen Garn- und Hokenhandel
30added: betrieben hatte. Nach seinem Tode 1802 geriet sein Sohn Heinrich
31added: Julius Blume in finanzielle Schwierigkeiten. Er ging in Konkurs. und
32added: der Schlachter Schreyer aus Jeinsen kaufte Haus und Grundstück. Von
33added: diesem erwarb Nathan Neuberg die Köthnerstelle. Aber die behördliche
34added: Zustimmung zum Erwerb der „Köthnerey" wurde ihm von Seiten
35added: der Regierung mit Schreiben vom 16. Juni 18O8 verweigert**.**
36added:
37added: Als
38added: Begründung wurde angegeben, daß das Ehepaar nicht wohlhabend genug
39added: sei, um solche finanziellen Verpflichtungen auf sich zu nehmen. Denn
40added: es sei nicht einmal im Stande gewesen, die Schulden von Amsel Calman
41added: abzutragen, dem ersten Ehemann der Rahel Simson.
42added:
43added: Solange
44added: die Franzosen im Lande waren, ließ man die Familie Schay-Neuberg
45added: unbehelligt. Sie wohnte in ihrem Hause, brachte es zu einer
46added: ansehnlichen Kinderschar, hatte einen Hauslehrer, eine Dienstmagd,
47added: einen Handelsknecht und brachte es durch den Handel mit „Tuch- und
48added: Ellenwaren" zu einigem Wohlstand.
49added:
50added: Aber
51added: als die Franzosen abgezogen waren, wurden die meisten alten
52added: Judengesetze wieder in Kraft gesetzt und Familie Neuberg mußte um
53added: ihren Besitz fürchten.
54added:
55added: Daher
56added: richtete Neuberg im Sommer des Jahres 1814 an die Provisorische
57added: Regierungskommission das Gesuch, ihn in seinem Besitz zu bestätigen.
58added: Diese forderte das Amt Calenberg auf, Nathan Schay (auch die
59added: bleibenden Familiennamen hatte man vorübergehend wieder abgeschafft)
60added: zur Verantwortung zu ziehen, weil er die besagte Köthnerstelle
61added: angekauft habe, obwohl ihm die Erlaubnis dazu (im Jahre 18O8)
62added: verweigert worden war. Der in Rössing schon während der
63added: Franzosenzeit amtierende Bürgermeister Georg Opitz befürwortete
64added: aber das Gesuch des Nathan Schay-Neuberg sehr eindringlich.
65added:
66added: *"Da
67added: es keine weiteren Gründe gibt, dem Schay-Neuberg die Erteilung der
68added: Erlaubnis für den Erwerb zu verweigern, als den, weil eigentlich die
69added: Schutzjuden nicht mit liegenden Gründen angesetzt sein sollten, so
70added: ist dies in neueren Zeiten aber doch möglich. Die Familie ist
71added: inzwischen wohlhabend und in der Lage, die Blumesche Konkurs-Sache
72added: endlich zu beendigen und den ausstehenden Teil der Kaufsumme und die
73added: restlichen Zinsen bar zu bezahlen. Darum weiß ich dem Wunsche des
74added: Schay-Neuberg, in seinem Eigentum von der jetzigen Landesregierung
75added: geschützt zu werden, gar nichts entgegen zu setzen."*
76added:
77added: Aber
78added: das Amt Calenberg fordert Rechtfertigung. Zweimal wird Schay
79added: vergeblich vorgeladen. Ein seitenlanges, sehr interessantes Protokoll
80added: gibt Kunde von der Verhandlung am 19. September 1814 auf dem Amt
81added: Calenberg.
82added:
83added: Für sein zweimaliges Fernbleiben entschuldigt er
84added: sich einmal wegen der Feier des jüdischen Neujahrsfestes und das
85added: andere Mal sei er verreist gewesen. Ferner gibt er an:
86added:
87added: „*Solange
88added: die Hannnöversche Verwaltung gedauert habe, hätte er es nicht
89added: gewagt, gegen das von Königlicher Regierung ergangene Verbot, die
90added: Stelle des Köthners Blume, die der Schlächter Schreyer aus Jeinsen
91added: gekauft habe, zu erwerben.* ***Aber
92added: während der Westfälischen Verfassung (König Jerôme) habe kein
93added: Verbot bestanden, daß jüdische Untertanen Grundbesitz erwerben
94added: dürften****,
95added: und so habe er keine Bedenken gehabt, in den Kontrakt Schreyers
96added: einzutreten. Diese Verhandlung sei indes nur mündlich abgemacht und
97added: damit beschlossen, daß Schreyer ihm sämtliche sich auf den Ankauf
98added: beziehenden Aktenstücke ausgehändigt habe. Da er nicht der einzige
99added: Jude gewesen sei, der in dieser Periode Grundbesitz erworben habe,
100added: hoffe er, daß man dieses nicht übel aufnehmen werde. Nur durch den
101added: Tod des Schlächters Schreyer sei die Sache noch nicht abgewickelt
102added: gewesen.*
103added:
104added: *Zu
105added: der Köthnerei gehöre auch kein Ackerland, und das dem
106added: Herrschaftlichen Amt zustehende Dienstgeld für Haus und Garten von
107added: nur 5 Reichsthalern und 24 Mariengroschen könne er leicht aufbringen
108added: (anstatt der auf den Köthnerstellen lastenden Hand- und
109added: Spanndienste). Die 27O Reichsthaler in Gold, die Schlächter Schreyer
110added: von der Kaufsumme schuldig geblieben sei, habe er auch übernommen
111added: und hätte sie schon längst beim damaligen Mahlerter Friedensrichter
112added: Liekefett bezahlt, wenn die angesagten Termine zustande gekommen
113added: wären.*
114added:
115added: *Die
116added: Schulden, die vom ersten Ehemann seiner Ehefrau , Amsel Calman
117added: herrührten, seien längst vor dem Friedensrichter Liekefett in der
118added: Westfälischen Zeit durch einen Vergleich bereinigt.*
119added:
120added: *Sehr
121added: hart wäre es auch für ihn, wenn das Gesuch abgeschlagen würde,
122added: weil er schon 3OO bis 4OO Reichsthaler an Reparaturen in das Haus
123added: gesteckt habe."*
124added:
125added: Im Mai 1815 wird Nathan Schay-Neuberg folgender
126added: Beschluß verkündet und schriftlich ausgehändigt:
127added:
128added: „**Nathan
129added: Schay-Neuberg wird der Besitz des Kothofes zugesprochen.**
130added:
131added: **Sollte
132added: allerdings ihm oder seinen Leibes- oder sonstigen Erben der
133added: Landesherrliche Schutz (Schutzbrief) entzogen werden, so muß der
134added: Kothof einem christlichen Einwohner verkauft oder überlassen werden.
135added: Sollten er oder seine Frau zu ihren Lebzeiten den Kothof verkaufen
136added: wollen, so gilt dieselbe Bedingung, daß der neue Besitzer ein Christ
137added: sein muß und kein Jude sein darf."**
138added:
139added: Quelle:
140added: NHSA Hannover, Sign. Hann 74 Calenberg, Nr. 430 und Nr. 439
Addedberichte/2012-04-26/juedische-geschichte-roessing-11.md+204 -0
@@ -0,0 +1,204 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (11)"
3added: date: 2012-04-26
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Familienschicksale – Rahel Simson, Nathan Schay-Neuberg und ihre Kinder Rahel Simson und Nathan Schay-Neuberg werden Stammeltern einer jüdischen Familie, die üb"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/04/200-jahre-judische-geschichte-in_7943.html
9added: ---
10added:
11added: ## Familienschicksale – Rahel Simson, Nathan Schay-Neuberg und ihre Kinder
12added:
13added: <!--truncate-->
14added:
15added: Rahel
16added: Simson und Nathan Schay-Neuberg werden Stammeltern einer jüdischen
17added: Familie, die über vier Generationen bis ca. 1930 in Rössing
18added: ansässig ist.
19added:
20added: Nathan
21added: Schay-Neuberg bezahlt jährlich 4 Reichstaler für den Schutzbrief
22added: für sich und seine Familie und gehört somit zu den „reputierlichen“
23added: Juden. Er ist recht wohlhabend und handelt mit Tuch- und Ellenwaren,
24added: außerdem betreibt er einen Hoken- oder Kleinhandel.
25added:
26added: Eine
27added: amtliche Beurteilung über ihn lautet im Jahre 1816:
28added:
29added: *---ist
30added: ein rechtlicher Mann, führt sich recht gut und besitzt hier eine
31added: kleine Köthnerey.*
32added:
33added: Zwischen
34added: 1807 und 1815 bekommt das Ehepaar fünf Kinder:
35added:
36added: Nathan 1807
37added:
38added: Ester 1809
39added:
40added: Simon 1811
41added:
42added: Lina 1813
43added:
44added: Sara 1815
45added:
46added: Conrad
47added: Geburtsjahr unbekannt
48added:
49added: Außerdem
50added: gehören zum Haushalt der Schullehrer Daniel Rufen, der Handelsknecht
51added: Wolf Walbaum und die Magd Eva Moses.
52added:
53added: **1828**
54added: verfügt die Regierung**,**
55added: daß die Judenwieder
56added: unveränderliche Nachnamen annehmen müssen. Nathan Schay nimmt
57added: wieder seinen alten Namen aus der Franzosenzeit an: *Neuberg.*
58added:
59added: # Bildung von Synagogengemeinden
60added:
61added: Mit
62added: Schreiben vom 18. Juli 1843 fordert die Landdrostei die Juden in
63added: Rössing auf, Synagogengemeinden zu bilden. Der Vorsteher dieser
64added: Synagogengemeinde wird verpflichtet, Trauungs-, Geburts- und
65added: Sterbelisten zu führen. Dies sind die einzigen Quellen für die
66added: Lebensdaten der hiesigen jüdischen Einwohner. Von diesen Listen sind
67added: aber nur sehr wenige, dazu lückenhaft geführte Exemplare erhalten.
68added: Standesämter gab es noch nicht und jüdische Geburten oder
69added: Eheschließungen wurden in die christlichen Kirchenbücher nicht
70added: eingetragen.
71added:
72added: Der
73added: erste Synagogenvorsteher wirdNathan Neuberg.
74added:
75added: **Eine
76added: schöne Mitgift**
77added:
78added: Im
79added: Jahr 1854 taucht noch eine Julie Neuberg auf, die wir nicht ohne
80added: weiteres einordnen können. Es kann sich um eine spät geborene
81added: Tochter von Rachel und Nathan Neuberg oder um eine schon
82added: heiratsfähige Tochter des noch recht jungen Simon Neuberg handeln.
83added:
84added: Von
85added: ihr erfahren wir erst im Jahre 1854 etwas, als der 30jährige
86added: Handelsmann Levi Wolff aus Hildesheim sie heiraten will.
87added:
88added: Der
89added: Hildesheimer Magistrat hat Bedenken wegen der wirtschaftlichen Lage
90added: des Bräutigams. Aus diesem Grunde richtet er am 11. März 1854 eine
91added: Anfrage an die Gemeinde Rössing, ob die Angaben des Wolff zutreffen,
92added: dass der „Fabrikant“ Neuberg seine Tochter mit einem Brautschatz
93added: von 400 Reichsthalern ausstatten kann,
94added:
95added: und
96added: außerdem erkundigt er sich nach dem guten Ruf der Braut.
97added:
98added: Beide
99added: Fragen werden wohlwollend beantwortet.
100added:
101added: „*Der
102added: Fabrikant Neuberg ist sehr wohl des Vermögens, seiner Tochter eine
103added: Aussteuer von 400 Reichsthalern zu geben.*
104added:
105added: *Seine
106added: Tochter Julie Neuberg hat bis jetzt ein sittlich unbescholtenes Leben
107added: geführt*.“
108added:
109added: # Und so steht einer Heirat wohl nichts mehr im Wege. Allerdings erfahren wir in dem Schreiben auch nicht, ob es sich bei dem Brautvater, dem „Fabrikanten Neuberg, um den Vater Nathan oder seinen Sohn Simon Neuberg handelt.
110added:
111added: Kurze
112added: Zeit später, noch in demselben Jahre 1854 stirbt Nathan Neuberg.
113added:
114added: #
115added:
116added: # Das Erbe wird geteilt
117added:
118added: Nach
119added: dem Tode des Vaters wird der zweitälteste Sohn von Nathan, der 1811
120added: geborene Simon Neuberg im Jahr 1855 Synagogenvorsteher.
121added:
122added: Das
123added: Grundstück der Köthnerstelle Nr. 15 wird mit dem Garten der Länge
124added: nach geteilt. Zu jedem Teil gehört ein Wohnhaus und ein
125added: langgestreckter Garten. Das linke Haus erbt Simon, es behält die
126added: Nummer 15 (heute Lange Straße Nr. 7), das rechte Haus erhält der
127added: jüngste Sohn Conrad. Dies steht mit dem Giebel direkt an der Straße
128added: und bekommt die neue Hausnummer 71 (heute Lange Straße Nr. 9).
129added:
130added: Über
131added: Nathan, den ältesten Sohn des Ehepaares und die drei Töchter
132added: erfahren wir nichts. Ob sie verheiratet und fortgezogen oder
133added: verstorben sind, geht aus den Unterlagen nicht hervor.
134added:
135added: **Die
136added: nächste Generation**
137added:
138added: Simon
139added: Neuberg ist verheiratet mit Friederike Oppenheimer und hat zwei
140added: Kinder.
141added:
142added: Die
143added: Tochter Regine heiratet 1866 den 30jährigen Hermann Leidensdorf aus
144added: Neuhaus an der Elbe und verläßt Rössing.
145added:
146added: Der
147added: Sohn David ist Kaufmann und heiratet am 13. Februar 1872 Johanne
148added: Kaiser aus Eschwege, wo auch die Hochzeit stattfindet, und am 29.
149added: November desselben Jahres wird er Vater eines Sohnes Paul.
150added:
151added: Dieser
152added: Paul Neuberg taucht später als Inhaber eines Schuhgeschäftes in
153added: Walsrode auf. Seine Familie fällt später dem Holocaust zum Opfer.
154added:
155added: Wahrscheinlich
156added: ist Simon Neuberg 1873 schon verstorben, denn der Schlachter Israel
157added: Levi Blumenthal hat zu diesem Zeitpunkt das Amt des
158added: Synagogenvorstehers inne.
159added:
160added: Simon
161added: Neubergs Wohnhaus wird um die Jahrhundertwende 1899/1900 an
162added: Schneidermeister Wilhelm Haase verkauft, der es seiner Tochter
163added: vererbt und seit 1982 ist es im Besitz von Klaus Peinemann.
164added:
165added: Die
166added: Witwe von David Neuberg, Johanne Kaiser, lebt nachdem Wegzug ihres
167added: Sohnes und dem Verkauf des Hauses noch bis ca. 1930 allein in Rössing
168added: im Eikenhof Nr. 4 (etwa 2004 abgerissen). In der Nachbarschaft war
169added: sie als „Tante Nit“ bekannt. Sie hütete oft die Kinder der
170added: Bauern und ging mit ihnen spazieren, wenn diese keine Zeit hatten.
171added: Eine stereotype Redewendung von ihr war: „Nit woahr?“, und so kam
172added: sie zu ihrem Spitznamen. Sie starb etwa 1930 und hat die Zeit der
173added: Nationalsozialisten nicht mehr erlebt.
174added:
175added: Über
176added: die Familie von Conrad Neuberg oder seine Nachfahren ist nichts
177added: bekannt. Das Haus Nr 71 wird schon vor der Jahrhundertwende verkauft.
178added: Es wechselt mehrfach den Besitzer; Kregel, Sindram und bis in die
179added: 50er Jahre Familie Siede. Der letzte Siede war ein besonderes
180added: Original, er war der letzte Rössinger Bader, gleichzeitig Friseur,
181added: Apotheker, Arzt, Zahnarzt und Kohlenhändler.
182added:
183added: Heute
184added: hat das Haus einen Sarstedter Besitzer.
185added:
186added: Damit
187added: war die Familie Neuberg in Rössing ausgestorben. Auf dem jüdischen
188added: Friedhof finden sich auch keine Grabsteine der Familie Neuberg mehr.
189added: Als 1940 der jüdische Friedhof zwangsweise verkauft wurde, entfernte
190added: man die umgefallenen und zerbrochenen Grabmale. Es blieben nur Steine
191added: der Familie Blumenthal erhalten, die bis 1942 in Rössing lebte.
192added:
193added: # Weitere Familiennachrichten
194added:
195added: Der
196added: Rössinger Stammvater der Neubergs, Nathan Schay, stammte aus
197added: Sarstedt. Die Sarstedter Neubergs waren eine angesehene und
198added: wohlhabende Familie und betrieben Textil- und Schuhhandel auf der
199added: Hauptstraße. Unter anderem gehörte ihnen das Haus Steinstraße 13,
200added: die heutige Begegnungsstätte der Gemeinde, bis sie in der NS-Zeit
201added: dem Holocaust zum Opfer fielen
202added:
203added: Quellen:
204added: NHSA Sign: Hann 74 Cal Nr. 423, 424, 425, 427, 428, 431
Addedberichte/2012-04-26/juedische-geschichte-roessing-12.md+165 -0
@@ -0,0 +1,165 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (12)"
3added: date: 2012-04-26
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Synagogen- und Schulwesen 1687 wurde den Juden in den Welfischen Fürstentümern Calenberg, Göttingen und Grubenhagen die Wahl eines eigenen geistlichen Oberhaupt"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/04/200-jahre-judische-geschichte-in_8903.html
9added: ---
10added:
11added: Synagogen- und Schulwesen
12added:
13added: **1687**
14added: wurde den Juden in den Welfischen Fürstentümern Calenberg,
15added: Göttingen und Grubenhagen die Wahl eines eigenen geistlichen
16added: Oberhauptes, eines Landesrabbiners und damit endlich ihre freie
17added: Religionsausübung gestattet. Die Synagogen, soweit vorhanden,
18added: standen bisher schmucklos und in versteckten Winkeln. Die jüdische
19added: Religionsausübung sollte unbemerkt von der Öffentlichkeit vor sich
20added: gehen.
21added:
22added: <!--truncate-->
23added:
24added: Der
25added: Landesrabbiner hatte richterliche Funktionen und war für
26added: Streitigkeiten der Juden untereinander verantwortlich. Außerdem
27added: unterstand ihm das jüdische Schulwesen, wobei es sich fast
28added: ausschließlich um Talmudschulen handelte. Der **Talmud**
29added: ist die Sammlung der Gesetze der religiösen Überlieferungen des
30added: nachbiblischen Judentums. Die Kinder lernten hauptsächlich
31added: Hebräisch, die jüdischen Gesetze und Gebetsriten. Weitere
32added: Lerninhalte waren vor allem für Mädchen kaum vorgegeben.
33added:
34added: Von
35added: 1802 bis ca. 1830war der
36added: Posten des Landesrabbiners nicht besetzt.
37added:
38added: 1816
39added: erfolgte von Seiten des Amtes Calenberg eine Anfrage an die Gemeinde
40added: Rös- sing, ob eine Synagoge oder eine jüdische Schule am Ort sei.
41added: Die Antwort war „Nein".
42added:
43added: In
44added: demselben Jahrwurde
45added: in einer Liste der zum Haushalt des Nathan Schay-Neuberg gehörenden
46added: Personen der 39jährige*Daniel
47added: Rufen*als
48added: Schullehrer angeführt. Solche jüdischen Hauslehrer waren damals vor
49added: allem Religionslehrer. Vom 3. Lebensjahr an wurden die Kinder im
50added: jüdischen Glauben und seinem Ritualkodex unterrichtet. Diese Lehrer
51added: waren auch besonders im Schächten ausgebildet, damit die jüdischen
52added: Speisegesetze eingehalten werden konnten. Sie fungierten als Sänger
53added: und Vorbeter bei den Gebetsstunden, bei denen die geschriebene
54added: Thorarolle der 5 Bücher Moses, der Gebetschal, der den Kopf bedeckte
55added: und der Gebetsriemen, ein Lederriemen, der in einer besonderen Art
56added: und Weise um den Arm gewickelt wurde, eine wichtige Rolle spielten.
57added:
58added: Wie
59added: im einzelnen hier auf dem Lande die jüdischen Gottesdienste
60added: abgehalten wurden, ist nicht überliefert. Zu einem
61added: vorschriftsmäßigen jüdischen Gottesdienst gehörten nämlich
62added: mindestens 10 männliche Juden über 14 Jahre.
63added:
64added: 1824waren
65added: aber lt. Statistik insgesamt nur 20 Juden in Rössing vorhanden,
66added: wovon mehr als die Hälfte Frauen und Kinder waren. Wahrscheinlich
67added: mußte hier das ganze Ritual in einer vereinfachten Form stattfinden.
68added:
69added: 1842
70added: wurden die Juden aufgefordert, Synagogengemeinden zu bilden.
71added:
72added: M.
73added: Zuckermann gibt in seinem Buch: „Kollektanea zur Geschichte der
74added: Juden im Hannoverland" (Hannover 1912) an, daß es 1842 in
75added: Rössing eine Synagoge gab.
76added:
77added: Dies war aber mit Sicherheit kein eigenständiger
78added: Kirchenbau, sondern der jüdische Gottesdienst wurde in einem
79added: Wohnraum der Familie Neuberg abgehalten.
80added:
81added: 1860/61wurde
82added: das Wohnhaus von Simon Neuberg umgebaut, man sieht es aus der
83added: Erhöhung der Versicherungssumme im Brandkataster. Es wurde mit einem
84added: Anbau versehen und dieser Anbau wurde lt. mündlicher Überlieferung
85added: als Synagoge genutzt, zumindest, so lange wie das Haus im Besitz der
86added: Familie Neuberg war (bis ca. 1900).
87added:
88added: # Synagogenvorsteher waren
89added:
90added: 1843
91added: Nathan Neuberg bis 1854
92added:
93added: 1855 Simon Neuberg bis 1873
94added:
95added: # 1873 Israel Levi Blumenthal
96added:
97added: Moritz Blumenthal
98added:
99added: Karl Blumenthal bis 1942
100added:
101added: Die
102added: Synagogenvorsteher waren verpflichtet, Heirats-, Geburts- und
103added: Sterbelisten zu führen. Leider enthalten sie sehr wenig Angaben, und
104added: es sind auch nur noch sehr wenige erhalten.
105added:
106added: Die
107added: nächste Synagoge mit einem richtigen Synagogengebäude befand sich
108added: bis 1942 in Eldagsen.
109added:
110added: ## Jüdisches Schulwesen
111added:
112added: 1854erfolgte
113added: die Neuordnung eines eigenständigen jüdischen Elementarschulwesens
114added: und der jüdischen Lehrerbildung, die beide dem Landrabbinat
115added: unterstanden. Nach der Schulordnung von 1854 waren mit 17
116added: Wochenstunden mehr als die Hälfte der Unterrichtsgegenstände auf
117added: jüdische Religion und Kultur ausgerichtet, davon waren allein 4
118added: Stunden hebräische Sprache und 3 Stunden für biblische und jüdische
119added: Geschichte vorgesehen.
120added:
121added: In
122added: Rössing hat es jedenfalls keine jüdische Elementarschule gegeben,
123added: dazu war der Ort viel zu klein. Vielleicht lag auch darin der Grund,
124added: daß so viele Kinder der hiesigen jüdischen Familien in den Akten
125added: nicht wieder auftauchten.
126added:
127added: Bei
128added: den Juden ist ein hervorstechendes Merkmal der Sippenzusammenhalt.
129added: Ältere oder auch jüngere Verwandte fanden ohne weiteres
130added: Unterschlupf in den Familien, und so ist auch möglich, daß die
131added: Kinder in größeren Orten bei Verwandten wohnten und dort die
132added: jüdische Schule besuchten.
133added:
134added: Die
135added: Eltern waren verpflichtet, ihre Kinder in die christlichen Schulen zu
136added: schicken, wenn keine jüdischen Schulen am Ort waren. Vom
137added: Religionsunterricht waren sie allerdings befreit Für den jüdischen
138added: Religionsunterricht sorgte dann der Rabbiner.
139added:
140added: In
141added: der Schulstatistik der Rössinger Grundschule fanden sich nur
142added: Angaben.über den Zeitraum von 1898 bis 1911. Frühere Angaben über
143added: jüdische Schulkinder waren nicht aufzufinden.
144added:
145added: 1898-1900 kein
146added: jüdisches Kind
147added:
148added: 1901 2
149added: jüdische Kinder
150added:
151added: 1904.24.Juli je
152added: 1 jüd. Kind in Kl. III und Kl. IV
153added:
154added: 1906.20.Juni 3
155added: jüdische Kinder
156added:
157added: 1911.24.Mai 1
158added: jüdisches Kind
159added:
160added: Quellen:
161added: NHSA, Sign: Hann 74 Cal Nr. 431 und 432
162added:
163added: Niedersächsisches Jahrbuch 1989
164added:
165added: Rössinger Schulchronik Band 2
Addedberichte/2012-06-24/juedische-geschichte-roessing-13.md+173 -0
@@ -0,0 +1,173 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (13)"
3added: date: 2012-06-24
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Familienschicksale; Die ersten Blumenthals in Rössing und der Erwerb einer Anbauerstelle Israel Levin Blumenthal I Das erste Mitglied der Familie Blumenthal hat"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/06/200-jahre-judische-geschichte-in.html
9added: ---
10added:
11added: **Familienschicksale;**
12added:
13added: **Die ersten
14added: Blumenthals in Rössing und der Erwerb einer Anbauerstelle**
15added:
16added: <!--truncate-->
17added:
18added: **Israel Levin
19added: Blumenthal  I**
20added:
21added: Das erste Mitglied der Familie Blumenthal hat sich während
22added: der gelockerten Bestimmungen in der Franzosenzeit , also zu Beginn des 19.
23added: Jahrhunderts,  in Rössing angesiedelt.
24added: Israel Levin war ein Schlachter aus Barnten, Amt Steuerwald, der den Namen
25added: Blumenthal angenommen hatte und vom Schlachten und Kleinhandel lebte.
26added:
27added: **Der Schutzbrief**
28added:
29added: Am 16. Februar 1814 wird er in einer Liste als
30added: unvergeleiteter jüdischer Einwohner in der Vogtei Rössing aktenkundig, weil er
31added: einen Schutzbrief beantragt hat. Die Behörde fragt an, ob der Antragsteller
32added: Blumenthal „*schutzwürdig*“ sei. Der
33added: Bürgermeister bzw. Vogt Opitz stellt ihm ein gutes Führungszeugnis aus und
34added: befürwortet Blumenthals Antrag.
35added:
36added: Am 31.Mai 1814 wird Israel Levin Blumenthal I  ohne weitere Beanstandungen mit dem
37added: Schutzbrief versehen. Er soll vier Reichsthaler jährlich bezahlen, aber
38added: Bürgermeister Opitz teilt dem Amt gleich mit, dass Blumenthal nur in der Lage
39added: sei, höchstens zwei Reichsthaler aufzubringen.
40added:
41added: Im nächsten Jahr erhält Blumenthal eine Zahlungsaufforderung
42added: über zwei Reichs-thaler, doch wegen Armut wird ihm die Zahlung erlassen. 1817
43added: wird wegen des Schutzgeldes erneut eine Anfrage von Amts wegen gestellt und vom
44added: Bürgermeister beantwortet:
45added:
46added: *"Gegen
47added: seinen Lebenswandel ist nichts zu sagen, aber er hat wegen*
48added:
49added: *Armut
50added: bisher kein Schutzgeld bezahlt."*
51added:
52added: Und so geht es weiter, bis die Behörde im Jahre 1824
53added: feststellt, dass Blumenthal seit der Erteilung des Schutzbriefes 1814 überhaupt
54added: noch keine Zahlung geleistet hat.  1825
55added: muss er zum ersten Mal zwei Reichsthaler bezahlen und das nun Jahr für Jahr
56added: -  bis 1842 das Schutzgeld im Königreich
57added: Hannover aufgehoben wird.
58added:
59added: **Familiengründung**
60added:
61added: 1824 leben im ganzen Amte Calenberg 176 Juden, davon etwa 15
62added: in Rössing. Die jüdische Bevölkerung wird von Zeit zu Zeit behördlich in
63added: statistischen Erhebungen  gesondert
64added: erfaßt.
65added:
66added: Im Jahr 1816 war Israel Levin Blumenthal I  36 Jahre alt, seine Frau Hanne Meyer 30 und
67added: ihr erster Sohn Israel Levin Blumenthal II drei Jahre.  1819 wird dem Ehepaar ein zweiter Sohn geboren,
68added: Meyer Blumenthal.
69added:
70added: 1
71added:
72added: Quelle: NHSA   Sign.
73added: Hann 74 Cal  Nr.423   Nr.425 
74added: Nr.431
75added:
76added: **Israel Levin Blumenthal II**
77added:
78added: Über
79added: Israel Levin Blumenthal II, den ältesten Sohn des ersten Blumenthal in Rössing,
80added: ist nicht viel bekannt. Er ist 1813 geboren und von Beruf Schlachter, wie schon
81added: sein Vater. Er ist verheiratet mit Jette Blumenthal, geb. Abraham Heinemann.
82added: Doch wo genau die Blumenthals in Rössing wohnten und ihr Gewerbe betrieben, ist
83added: aus den Unterlagen nicht ersichtlich. Über Hauseigentum verfügten sie zu diesem
84added: Zeitpunkt noch nicht.
85added:
86added: Nachdem Simon Neuberg verstorben ist, folgt ihm Levin
87added: Blumenthal II 1855 als Synagogenvorsteher der hiesigen kleinen jüdischen
88added: Gemeinde nach. Am 3. Januar 1873 stirbt Jette Blumenthal und ihr Mann muss als
89added: Synagogenvorsteher ihren Tod in den Sterbelisten selbst beurkunden. Israel
90added: Levin Blumenthal II  stirbt 1881. Sein
91added: Grabstein ist einer der wenigen, die auf dem jüdischen Friedhof in Rössing
92added: heute noch erhalten sind. Ob das Ehepaar Kinder hatte, ist nicht bekannt. In
93added: den Akten werden sie nicht erwähnt und Hinweise auf Grabsteine lassen sich
94added: nicht mehr finden.
95added:
96added: Quelle:
97added: NHSA  Sign. Hann 74 Nr. 431
98added:
99added: **Meyer Blumenthal**
100added:
101added: 1819 wird Meyer Blumenthal als zweiter Sohn von Israel Levi
102added: Blumenthal I und seiner Frau Hanne Meyer geboren. Dieser Meyer Blumenthal ist
103added: der Stammvater aller weiteren in Rössing ansässigen Blumenthals, bis die
104added: Familie 1942 dem Holocaust zum Opfer fällt.
105added:
106added: Er wird Schlachter - wie schon sein Vater und sein sechs
107added: Jahre älterer Bruder Israel Levi Blumenthal II.
108added:
109added: Im Jahre 1852 kauft Meyer Blumenthal ein Haus, die
110added: Anbauerstelle Nr. 116, heute
111added:
112added: Maschstr. Nr. 22, und richtet dort eine Schlachterei ein. Im
113added: selben Jahr heiratet er, 33 Jahre alt, Line Holländer aus Bergen, ebenfalls 33
114added: Jahre alt. Eindeutig werden als seine Eltern in der Trauungsliste Israel Levin
115added: Blumenthal l und Hanne Meyer angegeben. Am 16. März 1853 stirbt ein kleiner
116added: Junge mit Namen Israel Blumenthal im Alter von 21 Wochen am
117added: „Nervenfieber".Als dessen Eltern werden Meyer Blumenthal und Helene Bach
118added: genannt.
119added:
120added: Diese beiden Vorgänge lassen sich auf den ersten Blick nicht
121added: ohne weiteres zusammenbringen. Aber da helfen die heute noch auf dem jüdischen
122added: Friedhof vorhandenen Grabsteine weiter. Offensichtlich war das Verhältnis von
123added: Meyer Blumenthal mit Helene Bach nur eine folgenreiche, voreheliche Episode.
124added: Denn die 1819 geborene Line Blumenthal, die er 1852 geheiratet hatte, war und
125added: blieb die Ehefrau von Meyer Blumenthal und wurde die Mutter seiner beiden
126added: ehelichen Kinder, während Helene Bach nicht wieder in den Akten auftaucht.
127added:
128added: Die Tochter Johanne Blumenthal wird 1855 geboren und der
129added: Sohn Moritz drei Jahre später, 1858. Ihre Mutter Line stirbt 1884 und wird an
130added: der Seite ihres zu diesem Zeitpunkt schon verstorbenen Mannes Meyer Blumenthal
131added: beigesetzt. In welchem Jahr Meyer Blumenthal gestorben ist, läßt sich leider
132added: auf dem sehr verwitterten Grabstein nicht mehr entziffern.
133added:
134added: 1852 umfaßt die jüdische Gemeinde 18 Personen in Rössing.
135added: Diese werden aber nur summarisch aufgezählt, nicht namentlich. Die meisten
136added: davon gehören zweifellos zu den beiden jüdischen Familien Neuberg und
137added: Blumenthal, bei den anderen handelt es sich höchstwahrscheinlich um
138added: Hauspersonal und sonstige Angestellte der beiden Familien.
139added:
140added: Quelle: NHSA Sign.Hann 74 Nr. 431
141added:
142added: **Das Haus Nr.
143added: 116,  heute Maschstraße Nr.22**
144added:
145added: Bei dem Haus Nr. 116, das Meyer Blumenthal 1852 gekauft hat,
146added: handelt es sich um eine typische Anbauerstelle, zu der weder Ackerland noch ein
147added: größerer Garten gehören. Es ist ein kleines Haus am Rande des Dorfes. Aber
148added: schon der Erwerb eines Hauses ist erst seit 1847 offiziell durch eine Ergänzung
149added: der „Emanzipationsakte“ von 1842 gestattet und ein Riesenschritt in der
150added: Gleichberechtigung der Juden im Königreich Hannover.
151added:
152added: An der Entwicklung des Brandkatasters können wir die
153added: Wertsteigerungen des Hauses und den 
154added: wachsenden bürgerlichen Wohlstand der Familie erkennen. Der Vorbesitzer
155added: des Hauses war Carl Brandes; das Baujahr ist nicht ersichtlich. In den ersten
156added: 10 Jahren nach dem Erwerb des Hauses durch Meyer Blumenthal im Jahre 1852
157added: werden größere bauliche Maßnahmen durchgeführt, zweifellos ein Hinweis auf den
158added: Umbau zur Schlachterei, denn der Versicherungswert wird 1861 von 750 auf 1.200
159added: Reichsthaler hochgestuft. Es fällt auf, daß an dem Haus ständig Erhaltungs- und
160added: Wertverbesserungsarbeiten durchgeführt werden.
161added:
162added: 1877 erfolgt wieder eine bedeutende Erhöhung des Taxwertes.
163added: Nach der Umrechnung von Reichsthalern in Mark (1 Taler = 3 Mark) steigt er von
164added: 3.600 Mark auf 6.314 Mark.
165added:
166added: Außerdem werden ein Stall, Waschhaus und Wagenschuppen neu
167added: gebaut, Versicherungswert 344 Mark. Es werden also grössere Geldbeträge
168added: investiert.
169added:
170added: Auch unter Moritz Blumenthal, dem Sohn und Nachfolger von
171added: Meyer Blumenthal, geht die positive Entwicklung weiter.
172added:
173added: Quelle: NHSA Sign. Hann 330 Nr.51, 109, 879, 880
Addedberichte/2012-06-24/juedische-geschichte-roessing-14.md+184 -0
@@ -0,0 +1,184 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (14)"
3added: date: 2012-06-24
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Familienschicksale : Moritz Blumenthal und seine Söhne 1858, am 7. Dezember, wird Moritz Blumenthal geboren. Er wird Schlachter in Rössing, wie schon sein Vater"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/06/200-jahre-judische-geschichte-in_24.html
9added: ---
10added:
11added: **Familienschicksale : Moritz Blumenthal und seine Söhne**
12added:
13added: 1858, am 7. Dezember, wird Moritz Blumenthal geboren. Er
14added: wird Schlachter in Rössing, wie schon sein Vater, sein Grossvater und sein
15added: Onkel vor ihm. Am 26. Oktober 1892 heiratet er im Alter von 34 Jahren ein
16added: Fräulein Sophie Wallhausen aus Lüthorst, und es wird eine großartige Hochzeit
17added: gefeiert. Die mit riesigem Aufwand gedruckte 
18added: Hochzeits- zeitung ist noch erhalten.
19added:
20added: <!--truncate-->
21added:
22added: Dem
23added: Paar werden fünf Söhne geboren:
24added:
25added: 1893,
26added: 16.Oktober      Gustav Blumenthal
27added:
28added: 1895,
29added: 02. März          Karl Blumenthal
30added:
31added: 1897,
32added: 11. Oktober     Hermann Blumenthal
33added:
34added: 1900,
35added: 23. Juni           Robert Blumenthal
36added:
37added: 1901,
38added: 30. Dezember Willi Blumenthal.
39added:
40added: 1897 werden wieder erhebliche Geldmittel für Haus und Nebengebäude
41added: aufgewendet. Die Wagenremise und der Stall werden erneuert, und der Taxwert des
42added: Wohnhauses erhöht sich wieder um gut 1000 Mark auf 8387 Mark.
43added:
44added: 1907 erfolgt eine bedeutende Modernisierung der Schlachterei
45added: und auch das Wohnhaus wird noch einmal verbessert.
46added:
47added: Quelle: NHSA  Sign:
48added: Hann 174, Springe 162
49added:
50added: **Ein moderner Betrieb**
51added:
52added: Im Jahr 1907 bringt Moritz Blumenthal seine Schlachterei auf
53added: den modernsten Stand. Da der  Bau eines
54added: Kühlkellers wegen der Lage des Hauses in der Masch mit ihrem hohen Grundwasserstand nicht möglich ist,
55added: baut er oberirdisch einen Eisturm, der heute noch vorhanden ist. Ein
56added: doppelwandiger, ca. 5 m hoher Turm, dessen 8o cm breite Zwischenwände zur
57added: Isolierung mit Torf gefüllt sind, wird von der Seite durch eine oben
58added: befindliche Luke im Winter mit Eis gefüllt und hält ihn über den ganzen Sommer
59added: kühl. Das Dach und der daneben liegende Kühlraum werden ebenso ausgestattet.
60added:
61added: Wenn das Eis im Winter auf dem Schloßteich dick genug war,
62added: wurde es geschnitten und eingelagert. Im Winter galt Blumenthal als begehrter
63added: Arbeitgeber, beschäftigte er doch zeitweilig bis zu 15 Personen in der
64added: arbeitsarmen Zeit mit Eisschneiden. An der Sohle des Eisturms ist eine türgroße
65added: Öffnung zum Kühlraum, in dem das Fleisch auch im heißesten Sommer hervorragend
66added: gekühlt wurde. Es gab ja noch kein künstlich hergestelltes Stangeneis. Die  Schlachterei Moritz Blumenthal war weit und
67added: breit bekannt für ihr hervorragendes Fleisch. Wenn man ein besonders gutes
68added: Stück Fleisch haben wollte, kaufte man es bei Blumenthal. Natürlich gab es dort
69added: vorwiegend Rindfleisch und manchmal Hammelfleisch. Schweine wurden nicht
70added: geschlachtet oder verkauft. Die Rinder suchte sich Blumenthal bei den Bauern
71added: aus und war als hartnäckiger und harter Verhandlungspartner bekannt. Mit Pferd
72added: und Wagen fuhr er  über Land, sogar bis
73added: Hannover. Sein Fleisch verkaufte er in den umliegenden Dörfern, wo man an
74added: bestimmten Tagen schon auf ihn wartete.
75added:
76added: **Rituelles
77added: Schlachten**
78added:
79added: Die linke Hälfte des Erdgeschosses wurde als Schlachterei
80added: genutzt. Das heutige große Schaufenster gab es noch nicht. Fensterläden zur
81added: Straßenseite schützten vor Sonneneinstrahlung.
82added:
83added: Das Schlachten der Rinder erfolgte nach dem jüdischen
84added: Ritualkodex. Dazu kam extra ein Schächter als Kultbeamter aus Pattensen oder
85added: auch aus Hannover. Mit Pferd und Wagen wurde er vom Bahnhof Barnten abgeholt.
86added: In einem besonderen Kasten, ähnlich  wie
87added: ein Geigenkasten, brachte er das Messer zum Schächten mit, das nicht die
88added: geringste Scharte aufweisen durfte. Geschlachtet wurde in dem Raum, der einen
89added: Eingang von der linken Hofseite aus hat. Von der Hofmauer aus schauten die
90added: Dorfjungen manchmal bei der Zeremonie zu, die sie als sehr grausam empfanden.
91added: Mit Ketten wurden die Tiere an den Füßen gefesselt, durch eine Winde zu Fall
92added: gebracht und ohne Betäubung Halsschlagader, Speise- und Luftröhre durchtrennt,
93added: um eine völlige Ausblutung zu erreichen.
94added:
95added: Das Schächten wurde im NS-Deutschland, am 21.4.1933,
96added: verboten. Durch Verord-nungen der Militärregierungen von 1946 und 1947 wurde es
97added: wieder zugelassen.
98added:
99added: Auch die jüdischen Beerdigungen erweckten das Interesse der
100added: Dorfjugend, weil sie  anders waren als
101added: die hier üblichen. Besonders die Särge fielen ihnen auf. Sie hatten keinen
102added: hochgewölbten Deckel und waren aus unbearbeitetem Holz.
103added:
104added: **Karl Blumenthal
105added: und seine Brüder**
106added:
107added: In Rössing wußte man bisher nur von drei Brüdern, Karl,
108added: Robert und Willi, die in den 1920er und 1930er Jahren voll in der
109added: Dorfgemeinschaft integriert waren. Daß es noch zwei weitere Brüder Blumenthal
110added: gab, Gustav (geb. 1893), und Hermann (geb. 1897) war bisher in Rössing unbekannt.
111added: Von der Existenz dieser beiden Brüder erfuhr man erst fast 100 Jahre später
112added: durch Kurt Blumenthal, den Enkel von Gustav, als er Im Jahre 2008 auf den
113added: Spuren seiner Ahnen ihre Gräber in Rössing besuchen wollte. Er überließ mir ein
114added: Exemplar der 2003 von seinem Vater Werner verfaßten Familienchronik, durch die
115added: wir umfassende Informationen über die Schicksale der einzelnen
116added: Familienmitglieder erhielten.
117added:
118added: Gustav und Hermann Blumenthal haben Rössing schon jung
119added: verlassen und wurden sehr erfolgreiche und wohlhabende Geschäftsleute in
120added: Bochum. Das Startkapital stammte wohl vom Vater Moritz, denn sie wurden
121added: Besitzer oder Teilhaber der Firma Gebr. Koppel 
122added: später Heymann & Co, eines großen Geschäfts-oder Kaufhauses der Textilbranche,
123added: was ihnen einen recht luxuriösen Lebensstil ermöglichte mit Tennisspiel,
124added: Reitstunden im Tattersall, Urlaubsreisen und einem Auto mit Chauffeur.
125added:
126added: Dadurch, daß sie Rössing frühzeitig verließen und sehr
127added: wohlhabend wurden, entgingen sie wahrscheinlich dem Schicksal ihrer drei
128added: Brüder, denn ihnen gelang noch rechtzeitig die Ausreise in die USA.
129added:
130added: Nach „Arisierung“ ihres Geschäftes und KZ-Aufenthalt gelang
131added: Hermann Blumenthal 1940 die kostspielige „Auswanderung“ in die USA, von wo aus
132added: er durch Stellung einer Bürgschaft ein Visum für seinen Bruder Gustav mit
133added: Familie besorgen konnte und ihnen so die Flucht aus Nazi-Deutschland im August
134added: 1942 in letzter Minute ermöglichte.
135added:
136added: .
137added:
138added: Die andern drei Brüder wuchsen in Rössing heran und teilten
139added: das Dorfleben bis ins Erwachsenenalter. Karl und Willi wurden Schlachter wie
140added: ihre Vorfahren und arbeiteten im väterlichen Betrieb, während Robert, der an
141added: einer Bechterewschen Wirbelsäulenverkrümmung litt , einen kaufmännischen Beruf
142added: ergriff.
143added:
144added: **Der Erste
145added: Weltkrieg**
146added:
147added: Als 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, rief nicht nur der „*Centralverein deutscher Staatsbürger
148added: jüdischen Glaubens*", sondern auch die „*Zionistische Vereinigung für Deutschland"* zur
149added: Vaterlandsverteidigung auf, letztere mit den Worten:
150added:
151added: ***"****Wir rufen Euch auf, im Sinne des alten jüdischen
152added: Pflichtgebots mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen, Euch dem
153added: Dienste des Vaterlandes hinzugeben."*
154added:
155added: Die ganze Familie war deutsch-national eingestellt, und die
156added: drei ältesten Blumenthal-Brüder Gustav, Hermann und Karl folgten dem Aufruf und
157added: meldeten sich als Kriegsfreiwillige. Hermann wurde Unteroffizier und am 17.
158added: Oktober 1917 wurde ihm
159added:
160added: *„von* Sr. *Majestät vom Kaiser und König das Eiserne
161added: Kreuz II. Klasse* verliehen“.
162added:
163added: Alle drei Brüder hatte das Erlebte geprägt, aber sie hüteten
164added: ihr deutsches Nationalbewusstsein. Hermann war stolz auf seine
165added: Kriegs-Auszeichnung und bewahrte die Verleihungsurkunde sein Leben lang auf.
166added:
167added: Die Blumenthals lebten in Rössing als alteingesessene
168added: Bürger, nahmen am Dorfleben teil und traten nach außen hin recht bescheiden
169added: auf. Auf dem Erinnerungsfoto an das Stiftungsfest der Freiwilligen Feuerwehr
170added: von 1928  sind Karl und Willi Blumenthal
171added: mit verewigt und bei den geselligen Zusammenkünften des im Jahre 1900
172added: gegründeten  „Klub Frohsinn" war
173added: Willi Blumenthal ebenfalls mit von der Partie, wie ein Foto von 1932 zeigt
174added: (siehe Bildband „Rössing, unser Dorf im Wandel"). Karl, Mitte der 20er
175added: Jahre mit Henny Hartogsohn (geb. 1899) aus Emden verheiratet,  hatte mit ihr zwei Kinder – Hanna, geb. am 6.
176added: März 1928,  und Hans-Jürgen, der am 7.
177added: November 1931 geboren wurde.
178added:
179added: Karl Blumenthal, einer der besten Sänger im Gesangverein
180added: „Concordia“, wurde 1935 aus rassistischen Gründen ausgeschlossen. Karl Pahl,
181added: der 1. Vorsitzende des Vereins, hatte mehrfach erfolglos zugunsten von Karl
182added: Blumenthal interveniert. Man setzte ihn höheren Ortes so unter Druck, daß er
183added: schließlich nachgeben mußte, weil er sonst selbst in größte Schwierigkeiten
184added: gekommen wäre.
Addedberichte/2012-06-24/juedische-geschichte-roessing-15.md+105 -0
@@ -0,0 +1,105 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (15)"
3added: date: 2012-06-24
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Familienschicksale: Ferien bei den Großeltern: Werner Blumenthal erzählt Beim Verfassen seiner Familienchronik im Jahr 2003 berichtet Werner Blumenthal (geb.192"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/06/200-jahre-judische-geschichte-in_5173.html
9added: ---
10added:
11added: **Familienschicksale: Ferien bei den Großeltern:**  **Werner Blumenthal erzählt**
12added:
13added: <!--truncate-->
14added:
15added: Beim Verfassen seiner Familienchronik im Jahr  2003 berichtet Werner Blumenthal (geb.1923)
16added: in der Rückschau, wie er die Schulferien in den 1920er und 1930er Jahren
17added: zusammen mit seiner Schwester Lore bei seinen Großeltern Sophie und Moritz
18added: Blumenthal und den Brüdern seines Vaters in Rössing erlebt hat.
19added:
20added: *---
21added: Das einfache und arbeitsreiche Leben auf dem Lande – etwa einen Kilometer vom
22added: Haus entfernt bewirtschafteten sie zugleich einen Acker (11/4 Morgen)– hatte
23added: sie geprägt und zu geachteten Mitgliedern der dörflichen Gemeinde gemacht.*
24added:
25added: *Sie
26added: hatten fünf Söhne, mein Vater Gustav war der älteste von ihnen. Danach kamen
27added: Karl, Hermann, Robert und Willi. Schon die Wahl der Namen ihrer Kinder verweist
28added: darauf, dass sie trotz ihres bewusst und strikt gelebten Judentums
29added: uneingeschränkt und selbstverständlich Deutsche waren.*
30added:
31added: *Die
32added: Kneipe gegenüber ihrem Haus war für die männlichen Familienmitglieder ebenso
33added: sozialer Treffpunkt wie für den Rest der Einwohner des Dorfes. –*
34added:
35added: *---
36added: Oma Sophie hatte gewiss kein leichtes Leben. Familie, fünf Kinder, Haus und
37added: Laden zu  bewirtschaften, dazu noch
38added: Garten und „Land“. Der koschere Haushalt verlangte zusätzliche Mühe durch die
39added: gebotene strenge Trennung zwischen „fleischigen“ und „milchigen“ sowie
40added: sonstigen Lebensmitteln und dem dazugehörigen Geschirr, Besteck usw.*
41added:
42added: *---Freitagsabends
43added: wurde auf feierliche Weise mit dem Abendessen in der guten Stube der Sabbat
44added: eingeläutet. Oma zündete die beiden Kerzen an und segnete die „Challe“, den
45added: selbstgebackenen geflochteten Mohnstuten, der zunächst unter einer geklöppelten
46added: Zierdecke lag. Jeder bekam ein Stück und aß es mit Salz zur Feier des Tages.---*
47added:
48added: *---Des
49added: öfteren begleitete ich Onkel Karl zur Arbeit auf dem Stück Land, auf dem
50added: vornehmlich Kartoffeln und diverse Gemüse für den Hausbedarf angebaut wurden.
51added: Mit Freude und viel Anstrengung zog ich den kleinen Bollerwagen dorthin, ein
52added: gutes Stück auf der Landstraße entlang. Damals bestand noch kaum die Gefahr,
53added: von einem Auto angefahren zu werden. Für mich als Stadtkind war es fast eine
54added: Offenbarung, eine frische Möhre aus dem Beet ziehen und sie essen zu können,
55added: Salat zu schneiden, Kartoffeln auszubuddeln.---*
56added:
57added: Werner Blumenthal erinnert sich lebhaft an die ungeheizten
58added: Schlafkammern im Winter, das dicke Federbett, auf dem sich bis zum Morgen durch
59added: die Atemluft eine richtige dünne Eisschicht bildete - und an das eisig kalte
60added: Plumpsklo. Aber besonders beeindruckt hat ihn offensichtlich der Besitz eines
61added: eigenen Stück Landes, durfte doch bis Mitte des 19. Jahrhunderts kein Jude nach
62added: dem Gesetz Acker- oder Gartenland besitzen.
63added:
64added: Willi Blumenthal, der jüngere Bruder von Karl, war auch
65added: Schlachter, arbeitete bei seinem Vater in der Metzgerei und belieferte mit
66added: Pferd und Wagen Kunden in der näheren und weiteren Umgebung, wobei Werner ihn
67added: begleiten durfte. Außerdem besaß er ein Motorrad und brauste gern mit ihm auf
68added: dem Soziussitz durch die Gegend.
69added:
70added: Moritz Blumenthal starb 193O, und Karl übernahm die Schlachterei,
71added: während  Moritz‘ Frau Sophie noch bis
72added: 1938 lebte. Diese beiden sind die letzten, die auf dem jüdischen Friedhof
73added: beerdigt wurden.
74added:
75added: Nach einer Liste der jüdischen Einwohner vom 1.10.1935  umfaßte der Haushalt noch folgende Personen:
76added:
77added: Name                
78added:  Vorname             Beruf              Geburtstag    Geb.Ort          Bemerkungen
79added:
80added: 1. Blumenthal  Karl                        Schlachter     
81added: 2.  3. 1895   Rössing
82added:
83added: 2.          "           Henny                     Ehefrau         22.11. 1899   Emden
84added:
85added: 3.         "           
86added: Hanna                     Tochter           
87added: 6   3. 1928   Rössing
88added:
89added: 4.            "         Hans-Jürgen          Sohn               
90added: 7.11. 1931   Rössing
91added:
92added: 5.            "         Sophie                    Witwe             18. 
93added: 4. 1866   Lüthorst
94added:
95added: 6.             "        Willi                          Sohn
96added: zu 5     30.12. 1901   Rössing         verzogen
97added: n..
98added:
99added: 7.Gaup            Auguste                  Hausangest.   2.  3. 1910   Roßlau
100added: a,d,Elbe
101added:
102added: 8 Blumenthal             Robert Sohn zu 5  Kaufmann    23.  6. 1900   Rössing            
103added: "
104added:
105added: Quelle: NHSA Hannover, Sign. Hann 174 Springe Nr. 162
Addedberichte/2012-06-24/juedische-geschichte-roessing-16.md+141 -0
@@ -0,0 +1,141 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (16)"
3added: date: 2012-06-24
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Familienschicksale: Terror gegen Familie Blumenthal Die Veränderung des Denkens gegen Juden machte auch vor dem Dorf Rössing nicht halt, und schon vor Hitlers „"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/06/200-jahre-judische-geschichte-in_1866.html
9added: ---
10added:
11added: **Familienschicksale:
12added: Terror gegen Familie Blumenthal**
13added:
14added: Die Veränderung des Denkens gegen Juden machte auch vor dem
15added: Dorf Rössing nicht halt, und schon vor Hitlers „Machtergreifung“ wuchs die
16added: Angst in der Familie. Sofort nach dem 30. Januar 1933 setzten die
17added: staatspolitischen Maßnahmen ein. Am 1. April 1933 verkündete Julius Streicher
18added: den organisierten Judenboykott. Der Titel auf der ersten Seite des „Stürmers“,
19added: dem wüsten Hetzblatt der SA, lautete:
20added:
21added: <!--truncate-->
22added:
23added: *Wer
24added: beim Juden kauft, ist ein Volksverräter*
25added:
26added: Und so prangte es an allen Litfasssäulen.Das blieb , auch in
27added: Rössing, nicht ohne Wirkung. Blumenthals Schlachterei ging zurück. Am 9.
28added: November 1938, als die Synagogen brannten und in einer organisierten Aktion die
29added: jüdischen Geschäfte und Wohnungen demoliert und geplündert wurden, wurden auch
30added: Blumenthals ein Opfer der Hetze. Augenzeugen berichteten, dass ein ortsfremder
31added: Autofahrer aus Richtung Nordstemmen kam, vor ihrem Haus anhielt und mit der
32added: Anlasserkurbel die geschlossenen hölzernen Fensterläden und die Scheiben
33added: zerschlug. Ein paar Jungen, die das mit angesehen hatten, fanden das aufregend
34added: und schmissen noch ein paar Steine hinterher, während die Familie Blumenthal
35added: total verängstigt auf ihren Betten im Schlafzimmer saß.
36added:
37added: Schon seit 1936 durften jüdische Kinder nicht mehr am
38added: Schulsportfest teilnehmen, und ab 1937 wurde ihnen der Besuch der allgemeinen
39added: Lehranstalten ganz verboten. Von den beiden Kindern Hanna, Jahrgang 1928, und
40added: Hans-Jürgen Blumenthal, Jahrgang 1931, konnte Hanna noch drei Jahre die
41added: Rössinger Schule besuchen. Die jüdische Kultusgemeinde in Hannover versuchte
42added: durch kulturelle Maßnahmen die weitere Schulbildung der Kinder zu übernehmen
43added: und Hanna wurde am 12. April 1937 nach Hannover abgemeldet.
44added:
45added: Als sich nach dem 9. November 1938 niemand mehr getraute bei
46added: Blumenthals zu kaufen, mußten sie die Schlachterei schließen. Damit löste sich
47added: auch der geschlossene Familienverband der Blumenthals auf. Die Oma war
48added: gestorben, Hanna war in Hannover, Karl Blumenthal fand eine Stelle als Arbeiter
49added: beim Betonwerk R. Grasdorf in Hannover Wülfel, und die Familie lebte still und
50added: zurückgezogen und so unauffällig wie möglich im Dorf.
51added:
52added: **Druck und
53added: Diskriminierung**
54added:
55added: 1935 waren den Juden ihre Staatsbürgerrechte aberkannt
56added: worden. Punkt 4 in Hitlers Parteiprogramm lautete:
57added:
58added: *Volksgenosse
59added: kann nur sein, wer arischen Blutes ist,*
60added:
61added: *also
62added: kann kein Jude Volksgenosse sein.*
63added:
64added: Damit waren die Juden rechtlos wie im Mittelalter und
65added: unbegrenzt besteuerbar. Nach der Reichskristallnacht am 9. November 1938 wurden
66added: sie mit einer Sondersteuer belegt als Strafe dafür, wie es hieß, daß der Jude
67added: Herschel Grynspan den deutschen Legationssekretär Ernst vom Rath in Paris
68added: erschossen hatte. Außerdem wurde die Kennzeichnung von jüdischen Pässen
69added: angeordnet. Sie wurden auf der Aussenseite mit einem 3 cm großen J versehen und
70added: die Passinhaber damit für alle sichtbar als Juden gekennzeichnet.
71added:
72added: Viele Juden bemühten sich um Auswanderung, dabei wurden
73added: Teile ihres Vermögens als Sonderabgabe einbehalten.
74added:
75added: Diese betrug bei Vermögen
76added:
77added: bis       1.000 RM      nichts
78added:
79added: 1.000  5.000 RM      0,5
80added: %
81added:
82added: 5.000  10.000.RM    1,0
83added: %
84added:
85added: Bei einem Vermögen von 800 000 RM bis 1 Mio RM wurde sie als
86added: Reichsfluchtsteuer bis auf 10 % gesteigert.
87added:
88added: Eine Reihe von Schriftstücken der Gestapo (Geheimen
89added: Staatspolizei) an den Landrat in Springe, die sich damit befassten, wie mit den
90added: Juden verfahren werden sollte, waren so brisant, daß sie mit dem Stempel
91added: „streng vertraulich“ versehen wurden.
92added:
93added: Manchmal wurde die Ausreise der Juden von den Behörden
94added: gefördert, manchmal erschwert. Einmal weist der Reichsführer der SS die Gestapo
95added: an, daß die Landräte ab 1.Januar 1939 keine Dringlichkeitsbescheinigungen für
96added: Auslandsreisen jüdischer Mitbürger mehr ausstellen dürfen ; das hätte die
97added: Ausreise beschleunigt. So hat man mehr Zeit, sich die jüdischen Vermögen
98added: anzueignen.
99added:
100added: Am 28.Februar 1939 wird die Förderung der Auswanderung
101added: minderbemittelter Juden angeordnet. Ohne Vermögen waren sie uninteressant und
102added: man wollte sie loswerden.
103added:
104added: Aber auch das Ausland sperrte sich gegen die Aufnahme vor
105added: allem armer Juden. Verwandte mußten Bürgschaften übernehmen, andere hatten kaum
106added: eine Chance auszureisen.
107added:
108added: Am 1.September 1941 erging der Befehl zum sichtbaren Tragen
109added: des etwa 10 cm großen gelben Judensterns und zur Führung israelitischer
110added: Vornamen für die Juden.
111added:
112added: **Zwangsverkauf des
113added: Hauses**
114added:
115added: Am 24. Juni 1939 ergingen vom Landrat in Springe an alle
116added: jüdischen Familien Verkaufsaufforderungen betreffend ihrer Immobilien. Karl
117added: Blumenthal hatte schon am 6. Juni 1939 sein Haus an Otto Altendorf verkauft ,
118added: nicht freiwilllig, versteht sich. Bei diesen Zwangsverkäufen mußten die
119added: arischen Käufer die Verkaufssumme an den Staat bezahlen. Von der Verkaufssumme
120added: erhielten die Verkäufer nur einen Bruchteil, das meiste behielt der Staat ein.
121added: Daher kamen nach dem Krieg die Differenzen zwischen den Alteigentümern und den
122added: Käufern, die in der Regel alles noch einmal bezahlen mussten.
123added:
124added: Blumenthals durften in ihrem Hause nur noch eine kleine
125added: Küche und zwei Zimmer bewohnen. Trotz ihres früheren guten Leumunds mied man
126added: die Familie.
127added:
128added: Inzwischen war Krieg, die Lebensmittel wurden rationiert und
129added: die Juden bekamen erheblich kleinere Rationen auf ihre Lebensmittelkarten. Zwar
130added: gab es auch Beweise von nachbarschaftlicher Hilfe, etwa, wenn ihnen heimlich an
131added: der Hintertür beim Melken ihre Kanne mit Milch gefüllt wurde oder die andern
132added: Hausbewohner einen Topf mit Mittagessen hinstellten. Aber es durfte keiner
133added: sehen, alle hatten Angst, als „Volksverräter" zu gelten. Die Familie des
134added: Schäfers Schmieding stand Todesängste aus, weil dieser für die Blumenthals ein Schaf
135added: geschlachtet hatte.
136added:
137added: Alle Tiere waren registriert und es wurde kontrolliert, ob
138added: die Anzahl der registrierten Tiere stimmte. Bei Opa Harke am Leinkamp ging es
139added: um Ziegen, als Karl Blumenthal eines Abends verstohlen an sein Fenster klopfte:
140added: „Kannst Du mir nicht noch einmal eine Ziege verkaufen?“ Aber diesmal ging es
141added: nicht. Der Enkel, der das damals mit ansah, berichtete es unter Tränen.
Addedberichte/2012-06-24/juedische-geschichte-roessing-17.md+65 -0
@@ -0,0 +1,65 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (17)"
3added: date: 2012-06-24
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Familienschicksale: Jugendtransporte ins Ausland . Ein besonderes Kapitel der rassistischen Judenverfolgung im NS waren die Transporte jüdischer Kinder ins Ausl"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/06/200-jahre-judische-geschichte-in_3785.html
9added: ---
10added:
11added: **Familienschicksale:
12added: Jugendtransporte ins Ausland**
13added:
14added: .
15added:
16added: Ein besonderes Kapitel der rassistischen Judenverfolgung im
17added: NS waren die Transporte jüdischer Kinder ins Ausland. Es gab ausländische
18added: Organisationen, die Hilfsprogramme für gefährdete Jugendliche in Deutschland
19added: organisierten. Wenn den Eltern die Ausreise noch nicht gelang, sahen sie darin
20added: eine Chance, zumindest ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Das geschah mit
21added: Billigung der NS-Behörden.
22added:
23added: <!--truncate-->
24added:
25added: Auch die beiden Kinder von Gustav Blumenthal in Bochum,
26added: Werner und Lore, kamen in den Genuß solcher Maßnahmen, die Kinder ins
27added: europäische Ausland zu evakuieren, um sie dem Zugriff der Nazis zu entziehen.
28added:
29added: Nachdem der Besuch der öffentlichen Schulen für jüdische
30added: Kinder verboten war, wurde Werner Blumenthal von seinem Vater nach Berlin
31added: gebracht, wo er in einer jüdischen Bildungsanstalt einen praktischen Beruf
32added: erlernen sollte. Nach der sog. Kristallnacht am 9. November 1938 wurde er von
33added: Berlin aus nach England geschickt. Mit Beginn des Krieges wurde er dort aber
34added: als feindlicher Ausländer interniert und nach Kanada verbracht, wo er fünf
35added: Jahre hinter Stacheldraht saß, bevor er wieder nach Deutschland zurückkehren
36added: konnte.
37added:
38added: Seine Schwester Lore kam in ein holländisches Kloster, bevor
39added: die Deutschen in die Niederlande einfielen, während sich ihre Eltern krampfhaft
40added: um eine Ausreisemöglichkeit bemühten. Sie litt furchtbar unter Heimweh und
41added: fühlte sich todunglücklich. Als die Eltern glaubten, eine Ausreisechance nach
42added: Kuba zu haben, durfte sie zurückkommen. Aber diese Chance zerschlug sich wie so
43added: viele, und erst zum 27. Mai 1941 erhielten sie ihr Visum zur Einreise in die
44added: USA, die sie nach dramatischen Zwischenfällen am 25. August 1941 erreichten.
45added:
46added: Die Kinder von Karl Blumenthal,  Hanna und Hans-Jürgen,  hatten nicht so viel Glück. Sie hielten sich
47added: wiederholt längere Zeit in Hannover auf. Einmal war Hanna „Auf dem Emmerberg
48added: 31“ gemeldet und seit dem 7.4.1939 in Ahlem in der Israelitischen Gartenbauschule,  wo sie noch Schulunterricht erhielt,
49added: zeitweilig zusammen mit ihrem Bruder Hans-Jürgen. Das Mädchenheim der Schule
50added: war im März 1941 von der Feuerschutzpolizei belegt worden, dann richtete die
51added: Stadt Hannover dort ein Ausweichkrankenhaus ein. Seit Ende 1941 dienten das
52added: Direktorenhaus und andere Gebäude der Schule als Sammellager für die Juden der
53added: Regierungsbezirke Hannover und Hildesheim, die in osteuropäische
54added: Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert werden sollten. Am 23. Juli
55added: 1942 wurde sie ganz geschlossen und von der Gestapo übernommen.
56added:
57added: Der Landrat forderte am 23. Dezember 1941 und am 30. Januar
58added: 1942 noch einmal genaue Angaben über die Familie Blumenthal und den Aufenthalt
59added: der Kinder an, die zu diesem Zeitpunkt wieder in Rössing waren. Sie wurden
60added: einige Wochen später zusammen mit ihren Eltern nach Polen deportiert.
61added:
62added: Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß nach dem 2. Weltkrieg
63added: wurde festgestellt, daß am 31.Juli.1941 der Befehl zur sog. „Endlösung"
64added: der Judenfrage durch Vernichtung erteilt worden sei. Dieses Datum wird aber
65added: heute in Frage gestellt. Die NS- Gesetzgebung war schon viel früher auf  den Holocaust perspektiviert.
Addedberichte/2012-06-24/juedische-geschichte-roessing-18.md+169 -0
@@ -0,0 +1,169 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (18)"
3added: date: 2012-06-24
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Familienschicksale: Der letzte Teil der Tragödie beginnt Eine Reihe von „streng vertraulichen“ Schriftstücken der Gestapo (Geheimen Staatspolizei) an den Landra"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/06/200-jahre-judische-geschichte-in_1400.html
9added: ---
10added:
11added: **Familienschicksale:
12added: Der letzte Teil der Tragödie beginnt**
13added:
14added: Eine Reihe von „streng vertraulichen“ Schriftstücken der
15added: Gestapo (Geheimen Staatspolizei) an den Landrat in Springe, die sich damit
16added: befassten, wie  mit den Juden verfahren
17added: werden sollte, wurden nur den obersten Spitzen der Behörden zugestellt. Die
18added: untergeordneten Instanzen bekamen immer nur Teilaufträge, so daß die Wenigsten
19added: den  schaurigen Weg, den die Juden gehen
20added: mußten, vollständig übersehen konnten.
21added:
22added: <!--truncate-->
23added:
24added: Am 25. März 1942 
25added: werden der Familie Blumenthal vier Verfügungen zugestellt, für jedes
26added: Familienmitglied eine. Sie hätten sich drei Tage später, am 28. März 1942, zum
27added: Abtransport mit einem LKW bereitzuhalten. Es handelt sich um Karl (47), seine
28added: Frau (43), Tochter Hanna (14) und Sohn Hans-Jürgen (11).
29added:
30added: *Jeder
31added: zu evakuierende Jude muß mitbringen*
32added:
33added: *1.)
34added: 1 Koffer oder Rucksack mit Ausrüstungsstücken*
35added:
36added: *(kein
37added: sperrendes Gut) bis 50 kg*
38added:
39added: *2.)
40added: Vollständige Bekleidung (ordentliches Schuhwerk)*
41added:
42added: *Bettzeug
43added: mit Decken (keine Matratzen)*
44added:
45added: *3.)
46added: Transportverpflegung für etwa 3 Tage,*
47added:
48added: *Essgeschirr
49added: (Teller oder Topf mit Löffel)*
50added:
51added: Offiziell hieß es, es ginge zum Arbeitseinsatz nach Polen.
52added: Ein LKW mit Anhänger sammelte die Juden aus dem Landkreis Springe auf
53added: vorgeschriebener Route am 28. März 1942 im Laufe des Vormittags ein. Die
54added: zweiköpfige Begleitmannschaft musste von der Gendarmerie gestellt werden, nicht
55added: von einer uniformierten NS-Organisation. Der Abtransport wäre sonst wohl
56added: weniger problemlos verlaufen. Der Transport ging zunächst zur Israelitischen
57added: Gartenbauschule nach Hannover-Ahlem. Dort war ein Sammellager
58added: eingerichtet,  und am 31.März 1942, also
59added: drei Tage später, ging ein Transportzug vom Bahnhof Fischerhof nach Trawniki
60added: bei Lublin ab.
61added:
62added: Die nüchterne Sprache der aufgefundenen Aktenstücke ist
63added: erschreckend, wenn man weiß, daß es sich um eine Reise ohne Wiederkehr
64added: handelte.
65added:
66added: Das vierseitige „vertrauliche“ Schreiben der Gestapo vom 19.
67added: März 1942 an den Landrat betr. der „Abwanderung" der Juden nach Trawniki
68added: bei Lublin in Polen, der die Einzelheiten der Abschiebung regelt, ist im
69added: Original erhalten. Da die Originalschriftstücke auf sehr schlechtem, vergilbtem
70added: Kriegspapier geschrieben  sind, werden
71added: hier nur einige Auszüge zitiert:
72added:
73added: Seite 1
74added:
75added: *Der
76added: Transportzug D a 6 (sogenannter Koppelzug) wird fahrplanmäßig*
77added:
78added: *am
79added: 31.März 1942 um 12,12 Uhr in Gelsenkirchen eingesetzt und trifft mit 400 Juden
80added: der Staatspolizeileitstelle Münster um 18,15 Uhr in Hannover, Bahnhof
81added: Fischerhof, ein. Hier erfolgt die Zuladung der für Hannover (bzw. Hildesheim) abzuschiebenden
82added: 500 Juden und die Einrangierung der benötigten Güterwagen und des B-Wagens für
83added: das Begleitkommando der Schutzpolizei. Um 18,36 Uhr fährt der Transportzug nach
84added: Braunschweig weiter und trifft dort um 20,05 Uhr ein. Die
85added: Staatspolizeileitstelle Braunschweig ladet die von ihr vorgesehen Juden (116)
86added: und das zugehörige Gepäck zu, so daß die endgültige Weiterfahrt des D a
87added: 6-Transportzuges nach Trawniki bei Lublin um 20.16 Uhr erfolgen kann.*
88added:
89added: *Die
90added: Auswahl der von der Maßnahme betroffenen Juden für die Regierungsbezirke
91added: Hannover und Hildesheim trifft die Staatspolizeileitstelle Hannover.*
92added:
93added: ***Nicht abgeschoben werden******zunächst:***
94added:
95added: 1.    In deutsch-jüdischer Mischehe lebende
96added: Juden
97added:
98added: 2.    Juden ausländischer einschließlich
99added: sowjetrussischer Staatsangehörigkeit-----
100added:
101added: 3.    In geschlossenen kriegswichtigen
102added: Arbeitseinsatz befindliche Juden------
103added:
104added: Seite 2 / 3
105added:
106added: *Ehetrennung,
107added: sowie Trennung von Kindern bis zu 14 Jahren von den Eltern ist zu vermeiden.*
108added:
109added: ***Jeder abzuschiebende Jude hat sein
110added: Bargeld, seine Wertpapiere, Sparkassenbücher, sonstige Wertgegenstände, wie
111added: Schmucksachen, Ringe, Halsketten, Armbänder usw. bei seiner Festnahme bei sich
112added: zu führen. Alle diese Gegenstände werden ihm bei der Durchsuchung der Koffer
113added: und der Leibesvisitation im Sammellager Ahlem abgenommen. Keinesfalls dürfen Juden
114added: Bargeld oder Wertgegenstände auf dem Transport mitnehmen. Nur Eheringe dürfen
115added: den Juden belassen werden.***
116added:
117added: *Für
118added: die aus dem Regierungsbezirk Hildesheim abzuschiebenden Juden werden vorstehend
119added: bezeichnete Sachen von der Außenstelle Hildesheim bereits in eigener
120added: Zuständigkeit abgenommen.*
121added:
122added: *Alles
123added: bewegliche und unbewegliche Vermögen der abzuschiebenden Juden wird mit
124added: Rückwirkung vom 1.3.1942 staatspolizeilich beschlagnahmt und eingezogen. Die
125added: Verwertung des eingezogenen Judenvermögens wird der Oberfinanz-präsident
126added: durchführen.*
127added:
128added: *Über
129added: die Kosten des LKW-Transportes wird der Gestapo vom Landkreis eine Rechnung
130added: zugestellt.*
131added:
132added: Der Befehl für diesen LKW-Transport wurde nicht schriftlich
133added: erteilt, sondern bezog sich auf eine mündliche Anweisung vom 10. Januar 1942,
134added: die die Gestapo dem Landrat übermittelt hatte.
135added:
136added: Quelle: NHSA Hann 174 Springe 162
137added:
138added: In der Einwohnerliste der Juden in Rössing wurden die Namen
139added: dann einfach durchgestrichen. Unter “Bemerkungen“ steht bei jedem Einzelnen:     „*evakuiert
140added: am 28. März.1942“*
141added:
142added: Der Gendarmerieeinzelposten Rössing vermeldet ganz lapidar
143added: dem Landrat am 29. März.1942 Vollzug mit dem Bericht, daß die Familie
144added: Blumenthal in Rössing am 28. März.1942 nach dem Osten abtransportiert worden
145added: ist.
146added:
147added: Quelle: NHSA  Hann 174
148added: Nr. 162
149added:
150added: **Nachtrag**
151added:
152added: Bei ihrem Abtransport ahnte Familie Blumenthal noch nicht,
153added: was ihr bevorstand. Sie glaubten an einen Arbeitseinsatz in Polen und daß man
154added: sie dort in Polen zusammen ansiedeln würde. Frau Blumenthal hatte ihre
155added: Nähmaschine in die Gepäckaufbewahrung zum Bahnhof Barnten gebracht, eine
156added: Nachbarin sollte sie ihr nachschicken, wenn sie ihre neue Adresse hätte, damit
157added: sie sich durch Nähen etwas dazuverdienen könnte. Was wirklich geschah, hätte
158added: sich niemand vorstellen können.
159added:
160added: Karl Algermissen aus Rössing hat als Soldat in Polen Karl
161added: Blumenthal noch einmal in der Nähe von Warschau bei Gleisarbeiten in einem
162added: erbärmlichen Zustand getroffen: „Karl, was machst Du denn hier?“ fragte er ihn
163added: ganz entsetzt. „Geh weiter, geh weiter“ sagte dieser nur. Am nächsten Tag
164added: wollte Algermissen ihm etwas zu Essen bringen, aber er hat Karl Blumenthal
165added: nicht wieder getroffen. Das war das letzte Lebenszeichen von der Familie
166added: Blumenthal. Wie sie alle gestorben sind, wissen wir nicht.
167added:
168added: Der Hausrat der Familie Blumenthal wurde auf dem Hof ihres
169added: Hauses versteigert und der Erlös dem Finanzamt zugeführt.
Addedberichte/2012-06-24/juedische-geschichte-roessing-19.md+93 -0
@@ -0,0 +1,93 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (19)"
3added: date: 2012-06-24
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Die Schicksale der vier anderen Brüder Robert Blumenthal Robert Blumenthal, der vierte der fünf Brüder, hatte einen kaufmännischen Beruf und lebte einige Zeit i"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/06/200-jahre-judische-geschichte-in_5058.html
9added: ---
10added:
11added: **Die Schicksale der vier anderen Brüder**
12added:
13added: **Robert Blumenthal**
14added:
15added: Robert Blumenthal, der vierte der fünf Brüder, hatte einen
16added: kaufmännischen Beruf und lebte einige Zeit in Wiesbaden. Mit seiner Frau Edith
17added: hat er zwei Kinder. Ab Juli 1934 wohnt er wieder in Rössing, am 8.6.1936 zieht
18added: die Familie nach Hannover, wohnt in der  
19added: Nordmannstrasse 11. Später lebt die Familie in der Josephstraße 2., in
20added: einem Haus, in dem  jüdischen Familien
21added: zusammengezogen werden. Am 15. Dezember 1941 wird die Familie mit dem ersten
22added: Transport, der in einem Vernichtungslager endete, nach Riga verbracht und kommt
23added: dort um.
24added:
25added: <!--truncate-->
26added:
27added: Quelle: Erinnerungsblatt der Mahn- und Gedenkstätte Ahlem
28added:
29added: **Willi Blumenthal**
30added:
31added: Roberts ein Jahr jüngerer Bruder Willi hatte 1933   in eine Schlachterei in Horn (Lippe)
32added: eingeheiratet. Das Ehepaar hat zwei Kinder. Die Kinder und die Mutter sind vom
33added: Terrorregime des NS  ermordet worden.
34added: Willi Blumenthal hatte ein besonderes Schicksal.
35added:
36added: Er war als KZ-Häftling in Frankreich zum Bau von Befestigungsanlagen
37added: eingesetzt worden und sollte, als er nicht mehr arbeitsfähig war, zusammen mit
38added: seinen Leidensgenossen in Güterwaggons nach dem Osten zur Vernichtung
39added: abtransportiert werden. Irgendwie schaffte er es, sich eine Zange zu
40added: organisieren. Auf dem Weg durch Belgien gelang es ihm, damit den Waggon
41added: aufzubrechen und aus dem fahrenden Zug zu springen. Belgische Bauern fanden und
42added: versorgten ihn, bis die Amerikaner im Frühjahr 1945 einrückten und er befreit
43added: wurde.
44added:
45added: Als er sich nach Kriegsende mit seinen Brüdern in den USA in
46added: Verbindung setzt, ermöglichen sie ihm die Ausreise nach Amerika. Er arbeitet
47added: dort wieder als Metzger und heiratet noch einmal. Willi Blumenthal besucht noch
48added: einmal seine Heimat in Rössing, 1983 
49added: stirbt er in New York.
50added:
51added: **Hermann Blumenthal**
52added:
53added: Er war der zweitälteste der fünf Brüder und nicht
54added: verheiratet. Er wohnt zeitlebens bei der Familie seines ältesten Bruders
55added: Gustav, mit dem ihn eine enge geschäftliche und menschliche Beziehung
56added: verbindet. In Bochum sind sie Inhaber oder Teilhaber eines größeren
57added: Textilgeschäftes oder -kaufhauses und sehr wohlhabend. Nachdem die Nazis sie
58added: enteignet und ihr Geschäft „arisiert“ haben, 
59added: eröffnen sie ein kleines Etagengeschäft für Stoffe und Kurzwaren. Als
60added: ihnen am 9. November 1938 auch diese Existenz zerstört wird und sie ins
61added: Konzentrationslager nach Sachsenhausen gebracht werden, schmieden sie, als sie
62added: nach sechs Wochen entlassen werden, notgedrungen Auswanderungspläne.
63added:
64added: Hermann erlernt in weiser Voraussicht das Schweißen, um sich
65added: eventuell mit einem handwerklichen Beruf durchzuschlagen - was sich als sehr
66added: nützlich erwies, als ihm im Frühjahr 1940 die Ausreise in die USA nach
67added: Überwindung großer Schwierigkeiten gelingt. Dort findet er wirklich Arbeit als
68added: Schweißer und arbeitet an zwei Stellen, um die Bürgschaften für seinen Bruder
69added: und dessen Familie zusammen zu bringen, damit auch sie in die USA ausreisen
70added: können.
71added:
72added: **Gustav Blumenthal**
73added:
74added: Gustav Blumenthal lebte mit seiner Familie in sehr guten
75added: Verhältnissen, bevor der Terror gegen die Juden das glückliche Familienleben
76added: zerstört. Sein Sohn Werner muß als Fünfzehnjähriger Schüler, ebenso wie seine
77added: drei Jahre jüngere Schwester Lore, das Gymnasium verlassen. Er besucht dann
78added: eine „ORT-Schule“ bei Berlin, um eine Schlosserlehre zu machen. Mit Hilfe eines
79added: internationalen Schutzprogramms für gefährdete Jugendliche gelangt er noch  vor Beginn des Krieges nach England. Seine
80added: Eltern sieht er erst 1946 wieder. Seine Schwester Lore kommt, ebenfalls mit
81added: einem Kinderschutzprogramm, 
82added: vorübergehend nach Holland.
83added:
84added: Als sich Gustav Blumenthal, dem Vater, die Chance bietet,
85added: eine Stellung in einem Reisebüro bei Hapag-Lloyd zu bekommen, schafft er es mit
86added: Glück und einem nicht legalen Trick , eine Schiffs-Passage für sich und die
87added: Familie zu erhalten. Im Sommer 1941 reist die Familie in die USA aus und
88added: schwört, niemals im Leben wieder einen Fuß auf deutschen Boden zu setzen – sie
89added: haben diesen Schwur gehalten und können es absolut nicht verstehen, als ihr
90added: Sohn Werner wieder nach  Deutschland
91added: zurück will. Sie leben bis zu ihrem Tode in New York. Gustav stirbt 1966 mit 73
92added: Jahren,  Hermann 1978 mit 81 Jahren und
93added: Gustavs Frau Erna 1982 mit 87 Jahren.
Addedberichte/2012-06-24/juedische-geschichte-roessing-20.md+299 -0
@@ -0,0 +1,299 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (20)"
3added: date: 2012-06-24
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Familienschicksale: Dramatische Flucht aus Nazi-Deutschland. Lore Blumenthal berichtet 1995: Ich schreibe diesen Bericht hauptsächlich für meinen Bruder Werner."
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/06/200-judische-geschichte-in-rossing-20.html
9added: ---
10added:
11added: # Familienschicksale: Dramatische Flucht aus Nazi-Deutschland.
12added:
13added: <!--truncate-->
14added:
15added: #
16added:
17added: # Lore Blumenthal berichtet 1995:
18added:
19added: *Ich schreibe
20added: diesen Bericht hauptsächlich für meinen Bruder Werner. So oft ich auch
21added: versuchte ihm davon zu erzählen, was damals geschah, konnte ich mein Vorhaben
22added: nicht zu Ende bringen. Zugleich hoffe ich, mir hiermit das Geschehen von der
23added: Seele schreiben zu können.*
24added:
25added: *\*          \*          \**
26added:
27added: *In der Nacht des 8. November 1938, vielmehr
28added: in den frühen Morgenstunden des 9. November – es war etwa 2 Uhr – schellte es
29added: ohne Unterbrechung. Man hatte ein Streichholz neben den Klingelknopf geklemmt.
30added: Man versetzte uns zunächst in Schrecken, während man dabei war, eine andere
31added: Wohnung in der Nähe zu demolieren.*
32added:
33added: *Papa brachte
34added: Mutti, Opa und mich ganz leise auf den Dachboden und schloß uns dort in einen
35added: kleinen Raum ein. Er selbst und Hermann blieben unten in der Wohnung.*
36added:
37added: *Endlich hatten die
38added: Nazis ihr Werk weiter unten auf der Straße beendet und nun waren wir an der
39added: Reihe: Etwa 20 bis 25 SA-Leute jagten Papa und Hermann aus unserer Wohnung ins
40added: Treppenhaus. Dort mußten sie mit dem Gesicht zur Wand und hoch erhobenen Händen
41added: stehen bleiben. Die SA-Leute trugen alle hölzerne oder stählerne Knüppel bei
42added: sich (wahrscheinlich waren es die üblichen Gummiknüppel, Anm. d. Verfassers).
43added: Ob sie Papa oder Hermann geschlagen haben, weiß ich nicht. Keiner von beiden
44added: hätte uns davon erzählt.*
45added:
46added: *Oben auf dem Boden
47added: hörten Mutti und ich lautes Krachen und wir zitterten am ganzen Leibe. Opa war
48added: doch taub und so war es nicht leicht, ihn zu beruhigen, zumal wir uns ihm in
49added: der Dunkelheit nicht verständlich machen konnten. Nach den längsten zwei
50added: Stunden in unserm Leben wurde es wieder ruhig und Papa kam, um uns zu holen.*
51added:
52added: *Als wir in unsere
53added: Wohnung kamen, sahen wir, dass alles kaputtgeschlagen war. Überall lag
54added: zerbrochenes Glas. Papa sagte zu Mutti: Alles ist ruiniert. Muttis Antwort:
55added: Hauptsache, dass dir nichts passiert ist.!*
56added:
57added: *Jedes Bild war
58added: zerschnitten, jedes Einrichtungsteil zerschlagen. Silber, sowie Bettwäsche
59added: waren aus dem Fenster geworfen, Muttis Schmuck war gestohlen worden. Man konnte
60added: sich nirgends hinsetzen, da alles voller Glasscherben war. Wir versuchten ein
61added: wenig wegzuräumen, damit Mutti sich etwas hinlegen konnte. Inzwischen dämmerte
62added: es schon.*
63added:
64added: *Ich schaute aus dem bleiverglasten, bunten Fenster in Opas
65added: Zimmer, wo ich selbst nicht gesehen werden konnte. Von dort aus sah ich, wie
66added: die Synagoge brannte.*
67added:
68added: *Gegen 8 oder 9 Uhr
69added: vormittags kam wieder eine Horde SA-Leute und verhafteten Papa und Hermann.
70added: Sie, wie alle andern männliche Juden in Bochum, brachte man auf die
71added: Polizeiwache.*
72added:
73added: *An diesem Tag
74added: hatten die Kinder schulfrei. Etliche folgten einem SA-Mann, der mal bei uns
75added: angestellt gewesen war, und der sie aufforderte, Steine in unsere Wohnung zu
76added: werfen und so noch das letzte heile Glas zu zertrümmern. Wir schlossen alle
77added: Türen und verbrachten die meiste Zeit des Tages im Flur, damit wir nicht selbst
78added: von Steinen getroffen wurden. Da wir die Nacht nicht in der Wohnung verbringen
79added: konnten, gingen wir eine Etage höher zu Lyons, die uns erlaubten, in ihrer
80added: Küche zu schlafen. Am nächsten Tag halfen Karl-Heinz und Frau Müller uns bei
81added: dem Versuch aufzuräumen.*
82added:
83added: *Wenige Tage nach
84added: ihrer Verhaftung wurden Papa und Hermann in Viehwagen in das KZ Sachsenhausen
85added: bei Berlin transportiert. Erstmals musste Mutti allein die Verantwortung für
86added: uns tragen.*
87added:
88added: *Zu dieser Zeit war
89added: Werner in Berlin, ging dort zur ORT-Schule, um eine Schlosserlehre zu machen.
90added: Er war gerade 15 Jahre alt – aber die Gestapo in Bochum suchte ihn. Kurz darauf
91added: ergab sich für 10 Jungen der ORT – Schule die Möglichkeit, mit einem
92added: Kindertransport nach England auszureisen. Werner sollte dabei sein. Mutti war
93added: bemüht, ihn sicher auf den Transport zu bringen. Als dann der Krieg ausbrach,
94added: wurden Werner und die andern Jugendlichen zu „feindlichen Ausländern“, später
95added: interniert und für einige Jahre in Kanada hinter Stacheldraht verbannt.*
96added:
97added: *In Bochum war
98added: Mutti immer wieder zur Gestapo gegangen 
99added: -   das fiel ihr
100added: verständlicherweise sehr schwer  -, um sich
101added: nach Papa und Hermann zu erkundigen. 
102added: Nach etwa sechs Wochen sagte man ihr, dass Papa entlassen würde, was
103added: dann auch passierte.*
104added:
105added: *Als Papa das KZ
106added: Sachsenhausen verlassen konnte, war sein erster Weg zu der Adresse, wo Werner
107added: in Berlin gewohnt hatte. Dort erfuhr er, dass dieser nach England emigriert
108added: war. Das traf ihn zunächst schwer, doch zugleich war er glücklich, seinen Sohn
109added: in Sicherheit zu wissen. Endlich kam Papa nach Hause. Seine Haare waren
110added: abrasiert, sein Anzug kaum wieder zu erkennen, so zerknittert war er. In
111added: Sachsenhausen hatte man alle Kleider in irgendeiner Desinfektionsmaschine so
112added: behandelt, dass sie nie wieder glatt werden konnten. Etwa zwei Wochen später
113added: kam auch Hermann.*
114added:
115added: *-   Es begannen
116added: verstärkt die Mühen, eine Ausreisemöglichkeit aus Deutschland zu finden. Papa
117added: versuchte es mit jedem erdenkbaren Land: Argentinien, Chile, Brasilien  usw. Aber alle Staaten hatten ihre Grenzen
118added: geschlossen. In ihrer Verzweiflung beschloß die Familie, einen illegalen Ausweg
119added: zu finden. Man wollte nachts durch den Wald über die Grenze nach Belgien
120added: marschieren. Menschen, die uns „über die grüne Grenze“ brngen wollten, waren
121added: gefunden, bezahlt und alles war vorbereitet. In letzter Minute gab Papa einer
122added: bösen Ahnung nach und es wurde entschieden, die Sache abzublasen. Alle Leute,
123added: die in dieser Nacht den gleichen Weg wählten, wurden erfasst und erschossen.*
124added:
125added: *Juden durften nur noch zwischen vier und fünf Uhr
126added: nachmittags einkaufen. Da alle Lebensmittel schon rationiert waren, gab es um
127added: diese Zeit kaum noch etwas zu kaufen. Einige Läden weigerten sich auch, uns zu
128added: bedienen. Nichtjüdische Freunde sorgten dafür, dass wir dennoch bekamen, was
129added: wir brauchten.*
130added:
131added: *1939 wurde ich mit
132added: einem Kindertransport nach Holland geschickt. Es war für mich eine schreckliche
133added: Zeit. Ich hatte furchtbares Heimweh.*
134added:
135added: *Kurz nach meiner
136added: Abreise nach Holland beschlagnahmte die Gestapo unsere Wohnung. Die SS brauchte
137added: sie. Zu unserm Glück hatten wir so gute Freunde wie Lewkonjas, die Mutti, Papa
138added: und Hermann bei sich aufnahmen. Opa hatte die Familie bereits in ein Altersheim
139added: eingekauft, in der Hoffnung, dass er dort seinen Lebensabend unter
140added: seinesgleichen verbringen könnte. Er kam dennoch nach Theresienstadt und kam
141added: dort um.*
142added:
143added: *Papa war damit beschäftigt, vielen jüdischen Familien in
144added: Bochum bei dem vielen Papierkram zu helfen, der zur Emigration anfiel. Die
145added: Hapag, ein Reisebüro in Essen, hatte ihn angestellt; so konnte er den
146added: Auswanderern bei der Beschaffung ihrer Passagen behilflich zu sein.*
147added:
148added: *Endlich konnte Papa Visa für Kuba bekommen. Die Gestapo
149added: liess mich grosszügig aus Holland zurückkommen -  für drei Tage! - ,um dann mit der Familie
150added: nach Kuba auszureisen. Hermann holte mich an der Grenze ab. Als wir zu Hause
151added: ankamen, machte uns Mutti die Türe auf. Sie war weiss wie ein Gespenst. Gerade
152added: hatten sie die Nachricht erhalten, dass auch Kuba seine Grenzen geschlossen
153added: hatte.*
154added:
155added: *Was mich betraf:
156added: Ich war glücklich, wieder bei der Familie sein zu können. Da die Gestapo wußte,
157added: dass wir verzweifelt versuchten auszuwandern, machte man uns keine zusätzlichen
158added: Schwierigkeiten. Zu dieser Zeit mußte jeder jüdische Mann den Namen Israel,
159added: jede Frau den Namen Sara annehmen.*
160added:
161added: *Eines Tages wurde
162added: allen polnischen Juden befohlen, binnen zwei Stunden zur Deportation auf dem
163added: Bahnhof zu erscheinen. Sie durften jeweils nur einen Koffer mitnehmen. Mutti,
164added: Papa und Hermann sowie auch Lewkonjas stellten Tische auf dem Bahnsteig auf;
165added: Mutti, und Grete Lewkonja schmierten Brote für die Betroffenen, Papa und die
166added: andern halfen ihnen bei ihrem Gepäck. In ihrer Aufregung und der Eile hatten
167added: sie die unwichtigsten Dinge eingepackt. Papa sorgte dafür, dass möglichst jeder
168added: eine Decke und warme Kleidung dabei hatte anstelle unnützer Dinge.*
169added:
170added: *An diesem Abend
171added: ließ Papa jeden von uns einen Koffer packen – nur warme und feste Kleidung.
172added: Diese Koffer sollten unter den Betten und immer bereit bleiben.*
173added:
174added: *Damals gab es fast
175added: nächtlich Bombenangriffe und wir verbrachten die meiste Zeit im
176added: Luftschutzkeller. Wir gingen angezogen ins Bett, da wir sonst zum Anziehen
177added: keine Zeit haben würden. Manchmal stand ich im Dunkeln mit Papa am Fenster und
178added: wir beobachteten Luftkämpfe zwischen deutschen und britischen Fliegern.*
179added:
180added: *Nun suchte Papa
181added: nach Wegen, in die USA zu kommen. Da wir dort keine Verwandten hatten,
182added: brauchten wir dazu erhebliche Bürgschaften. Unser guter Freund Felix Röttgen,
183added: der bereits in Amerika war, schlug vor, dass Hermann erst allein kommen solle.
184added: Es wäre leichter, eine Bürgschaft für eine Person zu bekommen und würde für uns
185added: einfacher, da wir dann ja einen Verwandten dort hätten.*
186added:
187added: *Hermann fuhr
188added: schließlich allein, mit schwerem Herzen. Seit vielen Jahren trennte er sich
189added: erstmals von uns, seiner Familie. Als er erst einmal dort war, gelang es ihm
190added: mit Felix, ausreichende Bürgschaften für uns zu bekommen.*
191added:
192added: *Als schliesslich unsere Quotennummer beim amerikanischen
193added: Konsulat an die Reihe kam forderte man uns auf, zu einem bestimmten Zeitpunkt
194added: dort zu erscheinen. Wir sollten einen Beweis vorlegen, daß wir im Besitz einer
195added: Überfahrtsbuchung waren. Was Papa uns erst viel später erzählte: Er hatte eine
196added: Scheinbuchung gemacht, die aber die Unterschrift des Hapag-Managers trug. In
197added: seinem Vertrauen zu Papa  hatte er die
198added: Papiere unterschrieben ohne zu wissen, dass sie falsch waren. Während der
199added: ganzen Zeit hatte Papa auch Geld an die Hapag in Madrid für uns überwiesen, um
200added: damit eines Tages eine echte Passage nach Amerika buchen zu können.*
201added:
202added: *Schließlich fuhren
203added: wir nach Stuttgart zum amerikanischen Konsulat. Unsere Fingerabdrücke wurden
204added: registriert und wir mussten zu einer ärztlichen Untersuchung. Vor lauter Angst
205added: war ich leichenblass, worauf Mutti mich ständig in die Wangen kniff, damit ich
206added: gesunder aussehe. Sie selbst half sich mit etwas mehr Rouge.*
207added:
208added: *Wir erhielten
209added: unsere Visa zur Einreise in die USA am 27. Mai 1941. Onkel Pitz brachte uns zum
210added: Flughafen. Es war schwer, Abschied zu nehmen. Wir wussten aber, dass Pitzens
211added: Nummer bald an die Reihe kommen und er uns nachfolgen würde. Als es sich von
212added: Papa verabschiede flüsterte er ihm zu: Gestern Abend hat das amerikanische
213added: Konsulat seine Pforten geschlossen. Das hiess, : Es gab keine Visa mehr für die
214added: USA. Da Papa ja wusste, wie sehr Mutti an ihrem Bruder hing, hat er ihr diese
215added: Nachricht erst einmal verschwiegen.*
216added:
217added: *Wir durften jeder
218added: 10 US-$ und nur einen Koffer mitnehmen. Mutti und ich hatten darum so viele
219added: Sachen angezogen, dass ich kaum gehen, geschweige denn atmen konnte.*
220added:
221added: *Nun waren wir
222added: endlich in der Maschine. Erste Landung: Münschen. Alle Passagiere mußten
223added: aussteigen und plötzlich waren wir drei ausgesondert, um von Kopf bis Fuss
224added: durchsucht zu werden. Mit all den Kleidungsstücken am Leib brauchte ich
225added: verständlicherweise sehr lange, um mich auszuziehen. Endlich durften wir wieder
226added: an Bord. Beim Abflug sagte Papa:“ Atmet tief durch, wir sind raus. Die nächste
227added: Landung ist in Lyon.“ Als wir dort landeten, kam uns als erstes ein SS-Mann vor
228added: die Augen. Zum Glück wurden wir nicht belästigt.*
229added:
230added: *Es ging weiter
231added: nach Madrid. Mir war die ganze Zeit über schlecht – kein Wunder, da ich vor
232added: lauter Kleidung kaum atmen konnte. In Madrid waren es fast 40° C, es war Juni.
233added: Ich entledigte mich darum erst einmal aller Anziehsachen bis auf ein Kleid.*
234added:
235added: *Papa hatte in
236added: Madrid für ein Hotelzimmer vorgesorgt, wiederum durch die Hapag, wir wussten
237added: also, wohin. In diesem Hotel wohnten auch zahlreiche andere Flüchtlinge. Am
238added: nächsten Tag bemühte sich Papa bei der Hapag um eine Passage in die USA.*
239added:
240added: *Nach einigen
241added: Wochen war endlich ein Schiff gefunden, das Platz für uns hatte. Es würde aber
242added: ab Lissabon fahren. Ich glaube, sein Name war „Balboa“. Nun ging es wieder Tag
243added: für Tag zur Jagd auf ein Visum ins portugiesische Konsulat. Und von Woche zu
244added: Woche verschob sich der Abfahrtstermin des Schiffes. Schliesslich sollte es
245added: übermorgen um 5.30 Uhr nachmittags ab Lissabon losgehen.*
246added:
247added: *Am nächsten Tag
248added: erhielten wir endlich unsere Visa für Portugal sowie einen Flug, der mittags um
249added: eins aus Madrid nach Lissabon starten sollte. Damit konnten wir gerade noch
250added: rechtzeitig das Schiff erreichen. Nun – wir kamen in ein kräftiges Gewitter.
251added: Der Pilot bemühte sich, dem Unwetter auszuweichen, hatte dann aber nicht mehr
252added: genug Treibstoff!. Kannst du dir Mutti vorstellen im Flugzeug bei einem
253added: Gewitter?!*
254added:
255added: *Wir mussten
256added: Notlandung in Casanez machen.  Dort gab
257added: es nur eine kleine Landebahn, nur einen Krug voll Wasser, aber kein Benzin. Das
258added: musste erst aus Madrid besorgt werden. Man brachte uns auf Kosten der
259added: Fluggesellschaft in einem Hotel unter. Die Räume waren aber voller Ungeziefer
260added: und wir blieben die ganze Nacht auf. Natürlich hatte inzwischen unser Schiff
261added: den Hafen ohne uns verlassen. Am nächsten Tag kam das Benzin und wie konnten
262added: weiterfliegen.*
263added:
264added: *In Lissabon brachte Papa Mutti und mich wieder in ein Hotel
265added: und ging sofort zur „Hias“, um Hilfe zu bekommen. Als erstes holte man uns aus
266added: dem offenbar teuren Hotel heraus und brachte uns bei einer jüdischen Familie in
267added: Lissabon unter.*
268added:
269added: *Die „Hias“ ist
270added: eine jüdische Hilfsorganisation, die nicht nur jüdischen Menschen zur Verfügung
271added: steht sondern allen, die Hilfe brauchen. Jeden Tag ging Papa dort hin, um eine
272added: andere Passage aufzutreiben. Schliesslich sagte man ihm, dass schon morgen ein
273added: amerikanisches Schiff führe, dass aber nur eine Kabine zur Verfügung stehe. Wir
274added: hätten uns inzwischen schon mit einer halben Kabine begnügt. An Geld fehlten
275added: uns allerdings 35 US $. Die „Hias“ half uns aus und so konnten wir am 15.
276added: August 1941 An Bord der „Excalibur“ gehen. Der nächste Tag war mein Geburtstag
277added: und den durfte ich nun auf amerikanischem (Schiffs-)Boden feiern.*
278added:
279added: *Zehn Tage lang war
280added: ich seekrank, bis wir schliesslich am 25. August 1941 unser Ziel erreichten. Am
281added: frühen Morgen, bei der Einfahrt in den Hafen von New York, standen wir alle an
282added: Deck, um mit ungläubigen Augen die Dame des Hafens zu begrüssen, die
283added: Freiheitsstatue. Damals habe ich zum ersten Mal im Leben Papa weinen sehen. Der
284added: Mann, der nicht nur für uns, sondern auch für so viele Menschen ein Fels in der
285added: Brandung gewesen war, konnte endlich wieder tief durchatmen. Es war ein
286added: glücklicher Tag.*
287added:
288added: *Hermann, Felix und
289added: Lisa Röttgen empfingen uns am Pier. Sie brachten uns zum Haus des Rabbiners
290added: Steven Weiss. Dort wurden wir Neuankömmlinge untergebracht. Sie konnten dort
291added: kostenlos wohnen, bis sie Arbeit gefunden hatten und in der Lage waren, eine
292added: Wohnung zu mieten. Papa fand schon nach fünf Tagen Arbeit und Mutti wenige Tage
293added: danach. Ich übernahm die Haushaltspflichten. Als erstes schickte Papa die
294added: geborgten 35 $ an die „Hias“.. Über die Jahre haben wir ihnen noch manche
295added: Spende gesandt, damit sie weiter vielen Menschen helfen sollten.*
296added:
297added: *Ein weiterer
298added: glücklicher Tag wurde der 17. März 1947. An diesem Tag wurden wir als Bürger
299added: der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt.*
Addedberichte/2012-06-24/juedische-geschichte-roessing-21.md+209 -0
@@ -0,0 +1,209 @@
1added: ---
2added: title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (21)"
3added: date: 2012-06-24
4added: authors:
5added: - helga_fredebold
6added: tags: [juedische-geschichte, historie]
7added: description: "Der jüdische Friedhof Über den Ursprung des jüdischen Friedhofs an der alten Hildesheimer Straße, am Kirschenbrink, ist nichts bekannt. Aber er ist mit Sicherhe"
8added: source: https://fredebold.blogspot.com/2012/06/200-jahre-judische-geschichte-in_5009.html
9added: ---
10added:
11added: **Der jüdische
12added: Friedhof**
13added:
14added: Über den Ursprung des jüdischen
15added: Friedhofs an der alten Hildesheimer Straße, am Kirschenbrink, ist nichts
16added: bekannt. Aber er ist mit Sicherheit schon über 200 Jahre alt. Die jüdischen
17added: Friedhöfe auf den Dörfern wurden immer weitab vom Dorfmittelpunkt angelegt,
18added: häufig mitten in der Feldmark. Der hiesige Friedhof lag damals auch weitab.
19added: Durch die Ausdehnung des Dorfes liegt er heute schon am Rande des bebauten
20added: Gebietes. Aktenkundig wurde der Friedhof am 10. Februar 1813.
21added:
22added: <!--truncate-->
23added:
24added: Damals war der 56-jährige *Adam Oppenheimer* aus Gronau infolge eines Unglücksfalles beim
25added: Überschreiten der zugefrorenen und mit Schnee bedeckten Leine ertrunken. Bei
26added: Rössing war er gefunden und zu einem Hause im Eikenhof gebracht worden. Dort
27added: wurde er von zwei Gronauer Glaubensgenossen, dem Kaufmann Heine Dannenberg, 23
28added: Jahre alt, und Isaac Meier, 20 Jahre alt, im Beisein des Rössinger
29added: Bürgermeisters Georg Opitz, (Rössing Nr. 22) identifiziert und dann auf dem
30added: Rössinger Judenfriedhof beigesetzt.
31added:
32added: 1992 forschte ein Dr. *Arnold
33added: Oppenheimer* aus London nach den Gräbern seiner Vorfahren auf dem Rössinger
34added: Judenfriedhof, zu denen auch der ertrunkene Adam Oppenheimer gehörte. Er teilte
35added: mit, dass viele seiner Gronauer Vorfahren auf dem Rössinger Friedhof beerdigt
36added: seien, weil Rössing ein *Sammelfriedhof* gewesen
37added: sei*.* Darüber waren aber hier bisher
38added: noch keine Unterlagen aufgefunden worden. Doch es wäre einleuchtend, weil der
39added: Rössinger Friedhof für die kleine Rössinger Synagogengemeinde allein sehr groß
40added: gewesen wäre. Dr. Oppenheimer konnte es gar nicht fassen, dass die alten
41added: Grabsteine seiner Familie nicht mehr erhalten sind, denn die Gräber der Juden
42added: hatten eine ewige Liegezeit und wurden normalerweise nicht eingeebnet.
43added:
44added: Die Zeitspanne zwischen der Feststellung des Todes und der
45added: Bestattung war bei den Juden immer sehr kurz. Innerhalb von 24 Stunden mussten
46added: sie beerdigt werden, zumindest durften sie nicht mehr im Hause sein. Erst ca.
47added: 25 Jahre später nach diesem Todesfall, etwa 1840, wurde diese Frist auf 48
48added: Stunden verlängert, um zu verhindern, dass Scheintote oder im Koma Liegende bei
49added: lebendigem Leibe begraben wurden.
50added:
51added: Quelle:  NHSA  Hannover, Sign. Hann 74, Gronau 1660/1665
52added:
53added: # Schliessung der jüdischen Friedhöfe
54added:
55added: Am 31. Juli 1938 beantwortete die Gemeinde Rössing
56added: eine Anfrage der NS-Behörden, den jüdischen Friedhof betreffend:
57added:
58added: *„Der
59added: jüdische Friedhof ist 4,37 ar groß, Eigentümer ist die jüdische Gemeinde in
60added: Rössing. Die letzte Beerdigung war hier am 5. Juni 1938. Es sind noch etwa 25
61added: freie Begräbnisplätze vorhanden. Zur Zeit wohnt noch eine jüdische Familie
62added: Blumenthal mit vier Personen in Rössing.“*
63added:
64added: Karl Blumenthal hatte sich schon mit Wilhelm
65added: Freimann, dem Grenznachbarn des jüdischen Friedhofes, in Anbetracht der sich
66added: zuspitzenden Judenverfolgungen in Verbindung gesetzt. Wilhelm Freimann grenzte
67added: mit seinem Hausgrundstück Nr 132, heute als Nr. 45 der Kirchstraße zugeordnet,
68added: an den Judenfriedhof. Am 2. Juli 1940 wurde in Hannover zwischen dem
69added: Rechtsanwalt Dr. Hans Israel Ries als alleinigem Vorstand der jüdischen
70added: Kultusgemeinde, welche die Nachfolgerin der jüdischen Gemeinde in Rössing war,
71added: und Wilhelm Freimann ein Kaufvertrag mit folgendem Inhalt geschlossen:
72added:
73added: *Die Schlosser Wilhelm Freimann kauft den ganzen jüdischen Friedhof von*
74added:
75added: *4 ar 37m² für 218,50 RM. Der Käufer verpflichtet sich, während einer
76added: Liegefrist*
77added:
78added: *von 30 Jahren den mit Gräbern belegten Teil des Friedhofs unangetastet
79added: zu*
80added:
81added: *lassen und während der Liegefrist eine Grabpflege in angemessener Weise*
82added:
83added: *vorzunehmen, den Angehörigen während der Liegefrist Zutritt zum
84added: Friedhof zu*
85added:
86added: *geben, auch wenn sie nicht mehr in Rössing ansässig sind, ggf.die
87added: Beerdigung der z. Zt. in Rössing ansässigen Juden auf dem Friedhof zu gestatten
88added: und unter allen Umständen die Pietät in erforderlicher Weise zu wahren.*
89added:
90added: *Der Käufer hinterlegt den Kaufpreis beim Notar. Dieser übermittelt es
91added: an die Reichsvereinigung der Juden in Berlin, die zugunsten des (jüdischen)
92added: Gemeindevermögensfonds Rössing überweist.*
93added:
94added: *Wilhelm Freimann ist Arier im Sinne des Gesetzes.*
95added:
96added: *Unterschrift                           Unterschrift*
97added:
98added: Offenbar hatte man die Liegefristen für die
99added: jüdischen Gräber schon auf 30 Jahre beschränkt.
100added:
101added: Bei dieser Art Verträge war folgendes üblich:
102added:
103added: Als am 6. September 1940 das Synagogengrundstück in
104added: Eldagsen verkauft wurde, wurde der Vertrag ebenfalls vor Dr. Ries in Hannover
105added: abgeschlossen. Als sich die Synagogengmeinde über den geringen Verkaufspreis
106added: von 2.000 RM beschwerte, wurde ihr mitgeteilt, daß die Synagogengemeinde als
107added: Verkäuferin sowieso nur 500 RM davon bekäme, 1.500 RM gingen an das Reich als
108added: Ausgleichszahlung. Außerdem muß der Käufer noch 200 RM an den Makler bezahlen.
109added: So ähnlich wird es auch beim Verkauf des Rössinger Friedhofs zugegangen sein.
110added:
111added: Familie Freimann räumte den Friedhof auf und
112added: entfernte die umgefallenen und zerbrochenen Grabsteine. Im übrigen hielt sie
113added: ihn die ganzen Jahre in Ordnung, bis sie ihn nach dem Krieg entschädigungslos
114added: wieder an die jüdische Gemeinde in Hannover (Haeckelstraße 13) übereignen
115added: mußte, so war das Gesetz. Bis 1979 pflegte Familie Hachmeister-Freimann, nun
116added: gegen ein geringes Entgelt, den Friedhof weiter.
117added:
118added: Danach wurde eine Gärtnerei mit der Pflege
119added: beauftragt, die mehrmals im Jahr den Rasen mäht. Die Gräber sind mit Efeu
120added: bepflanzt, der auch geschnitten wird, und die Grabsteine wurden gereinigt.
121added:
122added: Der Friedhof wurde neu eingezäunt, er erhielt
123added: verschließbare Pforten, und ein holzgeschnitztes Schild „Judenfriedhof“ macht
124added: auf den etwas versteckten Standort. aufmerksam.
125added:
126added: .
127added:
128added: Quellen: NHSA Hannover, Sign: Hann 174, Springe Nr.
129added: 163 und Nr. 167
130added:
131added: Sechs alte Gräber und Grabsteine stehen noch auf dem
132added: Friedhof. Vier davon sind aus schon sehr verwittertem Sandstein. Neben den
133added: Namen und Daten auf der Vorderseite tragen sie auf der Rückseite umfangreiche
134added: hebräische Inschriften.
135added:
136added: **Lewi Blumenthal**                       **Meier Blumenthal**
137added:
138added: geb. 1813, gest. 1881                geb. 1819, gest. ---
139added:
140added: Sie waren die beiden Söhne des ersten Blumenthal
141added: Israel Lewi I in Rössing
142added:
143added: **Line Blumenthal**                                        **Johanne Blumenthal**
144added:
145added: geb. 1819, gest 1884                                 geb. 1855,
146added: gest. 1926
147added:
148added: die Frau von Meier Blumenthal
149added:               die Schwester von Moritz
150added: Blumenthal
151added:
152added: Der Grabstein von Moritz Blumenthal ist aus
153added: schwarzem Marmor, der von seiner Frau dagegen schon recht klein und bescheiden.
154added:
155added: Hier
156added: ruht in Gott                                          Hier
157added: ruht
158added:
159added: mein
160added: unvergesslicher Gatte                     unsere
161added: liebe Mutter
162added:
163added: und
164added: meiner Kinder                                     **Sophie Blumenthal**
165added:
166added: treusorgender Vater                                   geb.
167added: 18.4.1866
168added:
169added: **Moritz Blumenthal** gest. 4.5.1938
170added:
171added: geb. 7.12.1858
172added:
173added: gest. 17.11.1930
174added:
175added: Von den fünf Söhnen von Moritz und Sophie Blumenthal
176added: fand keiner mit seiner Familie die letzte Ruhestätte auf dem Jüdischen Friedhof
177added: seines Heimatdorfes. Hermann und Gustav mit seiner Frau sind in den USA
178added: geblieben und dort beerdigt, ebenso Willi.
179added:
180added: Robert wurde als erster am 15. Dezember 1941 mit
181added: Frau und Kindern nach Riga ins Ghetto transportiert, als Todesdatum wurde
182added: angegeben 26.März 1942. Karl und Familie wurden am 28. März nach Trawniki in
183added: Polen deportiert. Niemand weiß, wo sie geblieben sind und wie sie den Tod
184added: fanden.Und von Willis Frau und Kindern haben wir gar keine Daten. Nur der Name
185added: Blumenthal auf den sechs Grabsteinen erinnert noch an diese jüdische Familie,
186added: die fast 140 Jahre in Rössing gelebt hat.
187added:
188added: **Vier
189added: Stolpersteine**
190added:
191added: Die Gemeinde hat vor dem Hause der Blumenthals in
192added: der Maschstraße Nr. 22 zum Gedenken an ihre jüdischen Mitbürger am 19. November
193added: 2009 vier „*Stolpersteine“* durch
194added: Gunter Demnig verlegen lassen: In einer sehr würdevollen Feier in Anwesenheit
195added: von mehreren Mitgliedern der Familie Blumenthal wurden vier Messingplatten mit
196added: den Namen der einzelnen Familienmitglieder ins Pflaster vor dem Hause eingelassen.
197added: Es sind keine wirklichen Stolpersteine, sie sollen nur auffordern einen
198added: Augenblick des  Gedenkens innezuhalten.
199added:
200added: Trotz ihrer schrecklichen Schicksale sind die beiden
201added: Kinder von Gustav Blumenthal, Werner und Lore, wieder nach Deutschland
202added: zurückgekommen, um hier zu leben. Werner ist nach der Internierung in Kanada
203added: nach Herne gegangen, hat 1947 dort geheiratet und seine fünf Kinder leben alle
204added: in Deutschland – in Berlin, Hamburg und Herne. Von dort sind sie gekommen, um
205added: an der Feier teilzunehmen.
206added:
207added: Lore ist nach dem Tode der Mutter - mit ihrem
208added: amerikanischen Mann und dessen Mutter - ihrem Bruder nach Herne gefolgt. 1999 ,
209added: mit 73 Jahren, ist sie in Herne gestorben.
Modifiedberichte/authors.yml+5 -0
@@ -1,3 +1,8 @@
11udo_noack:
22 name: Dr. Udo Noack
33 title: Vorsitzender der Bürgerstiftung Rössing
4added:
5added: helga_fredebold:
6added: name: Helga Fredebold
7added: title: Heimatforscherin und Chronistin Rössings
8added: url: https://fredebold.blogspot.com
Modifiedberichte/tags.yml+24 -0
@@ -13,3 +13,27 @@ dorfstudie:
1313architektur:
1414 label: Architektur
1515 description: Architektonische Projekte und Planungen
16added:
17added: historie:
18added: label: Historie
19added: description: Geschichtliche Beiträge und historische Studien zu Rössing
20added:
21added: ortsgeschichte:
22added: label: Ortsgeschichte
23added: description: Beiträge zur Ortsgeschichte Rössings
24added:
25added: juedische-geschichte:
26added: label: Jüdische Geschichte
27added: description: 200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing – Reihe von Helga Fredebold
28added:
29added: meierding:
30added: label: Meierding
31added: description: Beiträge zum Meierding und Meierdingsgericht in Rössing
32added:
33added: herren-von-roessing:
34added: label: Herren von Rössing
35added: description: Beiträge zur Adelsfamilie der Herren von Rössing
36added:
37added: kirchengeschichte:
38added: label: Kirchengeschichte
39added: description: Beiträge zur Kirchen- und Religionsgeschichte