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| 2 | title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (20)" |
| 3 | date: 2012-06-24 |
| 4 | authors: |
| 5 | - helga_fredebold |
| 6 | tags: [juedische-geschichte, historie] |
| 7 | description: "Familienschicksale: Dramatische Flucht aus Nazi-Deutschland. Lore Blumenthal berichtet 1995: Ich schreibe diesen Bericht hauptsächlich für meinen Bruder Werner." |
| 8 | source: https://fredebold.blogspot.com/2012/06/200-judische-geschichte-in-rossing-20.html |
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| 11 | # Familienschicksale: Dramatische Flucht aus Nazi-Deutschland. |
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| 17 | # Lore Blumenthal berichtet 1995: |
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| 19 | *Ich schreibe |
| 20 | diesen Bericht hauptsächlich für meinen Bruder Werner. So oft ich auch |
| 21 | versuchte ihm davon zu erzählen, was damals geschah, konnte ich mein Vorhaben |
| 22 | nicht zu Ende bringen. Zugleich hoffe ich, mir hiermit das Geschehen von der |
| 23 | Seele schreiben zu können.* |
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| 25 | *\* \* \** |
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| 27 | *In der Nacht des 8. November 1938, vielmehr |
| 28 | in den frühen Morgenstunden des 9. November – es war etwa 2 Uhr – schellte es |
| 29 | ohne Unterbrechung. Man hatte ein Streichholz neben den Klingelknopf geklemmt. |
| 30 | Man versetzte uns zunächst in Schrecken, während man dabei war, eine andere |
| 31 | Wohnung in der Nähe zu demolieren.* |
| 32 | |
| 33 | *Papa brachte |
| 34 | Mutti, Opa und mich ganz leise auf den Dachboden und schloß uns dort in einen |
| 35 | kleinen Raum ein. Er selbst und Hermann blieben unten in der Wohnung.* |
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| 37 | *Endlich hatten die |
| 38 | Nazis ihr Werk weiter unten auf der Straße beendet und nun waren wir an der |
| 39 | Reihe: Etwa 20 bis 25 SA-Leute jagten Papa und Hermann aus unserer Wohnung ins |
| 40 | Treppenhaus. Dort mußten sie mit dem Gesicht zur Wand und hoch erhobenen Händen |
| 41 | stehen bleiben. Die SA-Leute trugen alle hölzerne oder stählerne Knüppel bei |
| 42 | sich (wahrscheinlich waren es die üblichen Gummiknüppel, Anm. d. Verfassers). |
| 43 | Ob sie Papa oder Hermann geschlagen haben, weiß ich nicht. Keiner von beiden |
| 44 | hätte uns davon erzählt.* |
| 45 | |
| 46 | *Oben auf dem Boden |
| 47 | hörten Mutti und ich lautes Krachen und wir zitterten am ganzen Leibe. Opa war |
| 48 | doch taub und so war es nicht leicht, ihn zu beruhigen, zumal wir uns ihm in |
| 49 | der Dunkelheit nicht verständlich machen konnten. Nach den längsten zwei |
| 50 | Stunden in unserm Leben wurde es wieder ruhig und Papa kam, um uns zu holen.* |
| 51 | |
| 52 | *Als wir in unsere |
| 53 | Wohnung kamen, sahen wir, dass alles kaputtgeschlagen war. Überall lag |
| 54 | zerbrochenes Glas. Papa sagte zu Mutti: Alles ist ruiniert. Muttis Antwort: |
| 55 | Hauptsache, dass dir nichts passiert ist.!* |
| 56 | |
| 57 | *Jedes Bild war |
| 58 | zerschnitten, jedes Einrichtungsteil zerschlagen. Silber, sowie Bettwäsche |
| 59 | waren aus dem Fenster geworfen, Muttis Schmuck war gestohlen worden. Man konnte |
| 60 | sich nirgends hinsetzen, da alles voller Glasscherben war. Wir versuchten ein |
| 61 | wenig wegzuräumen, damit Mutti sich etwas hinlegen konnte. Inzwischen dämmerte |
| 62 | es schon.* |
| 63 | |
| 64 | *Ich schaute aus dem bleiverglasten, bunten Fenster in Opas |
| 65 | Zimmer, wo ich selbst nicht gesehen werden konnte. Von dort aus sah ich, wie |
| 66 | die Synagoge brannte.* |
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| 68 | *Gegen 8 oder 9 Uhr |
| 69 | vormittags kam wieder eine Horde SA-Leute und verhafteten Papa und Hermann. |
| 70 | Sie, wie alle andern männliche Juden in Bochum, brachte man auf die |
| 71 | Polizeiwache.* |
| 72 | |
| 73 | *An diesem Tag |
| 74 | hatten die Kinder schulfrei. Etliche folgten einem SA-Mann, der mal bei uns |
| 75 | angestellt gewesen war, und der sie aufforderte, Steine in unsere Wohnung zu |
| 76 | werfen und so noch das letzte heile Glas zu zertrümmern. Wir schlossen alle |
| 77 | Türen und verbrachten die meiste Zeit des Tages im Flur, damit wir nicht selbst |
| 78 | von Steinen getroffen wurden. Da wir die Nacht nicht in der Wohnung verbringen |
| 79 | konnten, gingen wir eine Etage höher zu Lyons, die uns erlaubten, in ihrer |
| 80 | Küche zu schlafen. Am nächsten Tag halfen Karl-Heinz und Frau Müller uns bei |
| 81 | dem Versuch aufzuräumen.* |
| 82 | |
| 83 | *Wenige Tage nach |
| 84 | ihrer Verhaftung wurden Papa und Hermann in Viehwagen in das KZ Sachsenhausen |
| 85 | bei Berlin transportiert. Erstmals musste Mutti allein die Verantwortung für |
| 86 | uns tragen.* |
| 87 | |
| 88 | *Zu dieser Zeit war |
| 89 | Werner in Berlin, ging dort zur ORT-Schule, um eine Schlosserlehre zu machen. |
| 90 | Er war gerade 15 Jahre alt – aber die Gestapo in Bochum suchte ihn. Kurz darauf |
| 91 | ergab sich für 10 Jungen der ORT – Schule die Möglichkeit, mit einem |
| 92 | Kindertransport nach England auszureisen. Werner sollte dabei sein. Mutti war |
| 93 | bemüht, ihn sicher auf den Transport zu bringen. Als dann der Krieg ausbrach, |
| 94 | wurden Werner und die andern Jugendlichen zu „feindlichen Ausländern“, später |
| 95 | interniert und für einige Jahre in Kanada hinter Stacheldraht verbannt.* |
| 96 | |
| 97 | *In Bochum war |
| 98 | Mutti immer wieder zur Gestapo gegangen |
| 99 | - das fiel ihr |
| 100 | verständlicherweise sehr schwer -, um sich |
| 101 | nach Papa und Hermann zu erkundigen. |
| 102 | Nach etwa sechs Wochen sagte man ihr, dass Papa entlassen würde, was |
| 103 | dann auch passierte.* |
| 104 | |
| 105 | *Als Papa das KZ |
| 106 | Sachsenhausen verlassen konnte, war sein erster Weg zu der Adresse, wo Werner |
| 107 | in Berlin gewohnt hatte. Dort erfuhr er, dass dieser nach England emigriert |
| 108 | war. Das traf ihn zunächst schwer, doch zugleich war er glücklich, seinen Sohn |
| 109 | in Sicherheit zu wissen. Endlich kam Papa nach Hause. Seine Haare waren |
| 110 | abrasiert, sein Anzug kaum wieder zu erkennen, so zerknittert war er. In |
| 111 | Sachsenhausen hatte man alle Kleider in irgendeiner Desinfektionsmaschine so |
| 112 | behandelt, dass sie nie wieder glatt werden konnten. Etwa zwei Wochen später |
| 113 | kam auch Hermann.* |
| 114 | |
| 115 | *- Es begannen |
| 116 | verstärkt die Mühen, eine Ausreisemöglichkeit aus Deutschland zu finden. Papa |
| 117 | versuchte es mit jedem erdenkbaren Land: Argentinien, Chile, Brasilien usw. Aber alle Staaten hatten ihre Grenzen |
| 118 | geschlossen. In ihrer Verzweiflung beschloß die Familie, einen illegalen Ausweg |
| 119 | zu finden. Man wollte nachts durch den Wald über die Grenze nach Belgien |
| 120 | marschieren. Menschen, die uns „über die grüne Grenze“ brngen wollten, waren |
| 121 | gefunden, bezahlt und alles war vorbereitet. In letzter Minute gab Papa einer |
| 122 | bösen Ahnung nach und es wurde entschieden, die Sache abzublasen. Alle Leute, |
| 123 | die in dieser Nacht den gleichen Weg wählten, wurden erfasst und erschossen.* |
| 124 | |
| 125 | *Juden durften nur noch zwischen vier und fünf Uhr |
| 126 | nachmittags einkaufen. Da alle Lebensmittel schon rationiert waren, gab es um |
| 127 | diese Zeit kaum noch etwas zu kaufen. Einige Läden weigerten sich auch, uns zu |
| 128 | bedienen. Nichtjüdische Freunde sorgten dafür, dass wir dennoch bekamen, was |
| 129 | wir brauchten.* |
| 130 | |
| 131 | *1939 wurde ich mit |
| 132 | einem Kindertransport nach Holland geschickt. Es war für mich eine schreckliche |
| 133 | Zeit. Ich hatte furchtbares Heimweh.* |
| 134 | |
| 135 | *Kurz nach meiner |
| 136 | Abreise nach Holland beschlagnahmte die Gestapo unsere Wohnung. Die SS brauchte |
| 137 | sie. Zu unserm Glück hatten wir so gute Freunde wie Lewkonjas, die Mutti, Papa |
| 138 | und Hermann bei sich aufnahmen. Opa hatte die Familie bereits in ein Altersheim |
| 139 | eingekauft, in der Hoffnung, dass er dort seinen Lebensabend unter |
| 140 | seinesgleichen verbringen könnte. Er kam dennoch nach Theresienstadt und kam |
| 141 | dort um.* |
| 142 | |
| 143 | *Papa war damit beschäftigt, vielen jüdischen Familien in |
| 144 | Bochum bei dem vielen Papierkram zu helfen, der zur Emigration anfiel. Die |
| 145 | Hapag, ein Reisebüro in Essen, hatte ihn angestellt; so konnte er den |
| 146 | Auswanderern bei der Beschaffung ihrer Passagen behilflich zu sein.* |
| 147 | |
| 148 | *Endlich konnte Papa Visa für Kuba bekommen. Die Gestapo |
| 149 | liess mich grosszügig aus Holland zurückkommen - für drei Tage! - ,um dann mit der Familie |
| 150 | nach Kuba auszureisen. Hermann holte mich an der Grenze ab. Als wir zu Hause |
| 151 | ankamen, machte uns Mutti die Türe auf. Sie war weiss wie ein Gespenst. Gerade |
| 152 | hatten sie die Nachricht erhalten, dass auch Kuba seine Grenzen geschlossen |
| 153 | hatte.* |
| 154 | |
| 155 | *Was mich betraf: |
| 156 | Ich war glücklich, wieder bei der Familie sein zu können. Da die Gestapo wußte, |
| 157 | dass wir verzweifelt versuchten auszuwandern, machte man uns keine zusätzlichen |
| 158 | Schwierigkeiten. Zu dieser Zeit mußte jeder jüdische Mann den Namen Israel, |
| 159 | jede Frau den Namen Sara annehmen.* |
| 160 | |
| 161 | *Eines Tages wurde |
| 162 | allen polnischen Juden befohlen, binnen zwei Stunden zur Deportation auf dem |
| 163 | Bahnhof zu erscheinen. Sie durften jeweils nur einen Koffer mitnehmen. Mutti, |
| 164 | Papa und Hermann sowie auch Lewkonjas stellten Tische auf dem Bahnsteig auf; |
| 165 | Mutti, und Grete Lewkonja schmierten Brote für die Betroffenen, Papa und die |
| 166 | andern halfen ihnen bei ihrem Gepäck. In ihrer Aufregung und der Eile hatten |
| 167 | sie die unwichtigsten Dinge eingepackt. Papa sorgte dafür, dass möglichst jeder |
| 168 | eine Decke und warme Kleidung dabei hatte anstelle unnützer Dinge.* |
| 169 | |
| 170 | *An diesem Abend |
| 171 | ließ Papa jeden von uns einen Koffer packen – nur warme und feste Kleidung. |
| 172 | Diese Koffer sollten unter den Betten und immer bereit bleiben.* |
| 173 | |
| 174 | *Damals gab es fast |
| 175 | nächtlich Bombenangriffe und wir verbrachten die meiste Zeit im |
| 176 | Luftschutzkeller. Wir gingen angezogen ins Bett, da wir sonst zum Anziehen |
| 177 | keine Zeit haben würden. Manchmal stand ich im Dunkeln mit Papa am Fenster und |
| 178 | wir beobachteten Luftkämpfe zwischen deutschen und britischen Fliegern.* |
| 179 | |
| 180 | *Nun suchte Papa |
| 181 | nach Wegen, in die USA zu kommen. Da wir dort keine Verwandten hatten, |
| 182 | brauchten wir dazu erhebliche Bürgschaften. Unser guter Freund Felix Röttgen, |
| 183 | der bereits in Amerika war, schlug vor, dass Hermann erst allein kommen solle. |
| 184 | Es wäre leichter, eine Bürgschaft für eine Person zu bekommen und würde für uns |
| 185 | einfacher, da wir dann ja einen Verwandten dort hätten.* |
| 186 | |
| 187 | *Hermann fuhr |
| 188 | schließlich allein, mit schwerem Herzen. Seit vielen Jahren trennte er sich |
| 189 | erstmals von uns, seiner Familie. Als er erst einmal dort war, gelang es ihm |
| 190 | mit Felix, ausreichende Bürgschaften für uns zu bekommen.* |
| 191 | |
| 192 | *Als schliesslich unsere Quotennummer beim amerikanischen |
| 193 | Konsulat an die Reihe kam forderte man uns auf, zu einem bestimmten Zeitpunkt |
| 194 | dort zu erscheinen. Wir sollten einen Beweis vorlegen, daß wir im Besitz einer |
| 195 | Überfahrtsbuchung waren. Was Papa uns erst viel später erzählte: Er hatte eine |
| 196 | Scheinbuchung gemacht, die aber die Unterschrift des Hapag-Managers trug. In |
| 197 | seinem Vertrauen zu Papa hatte er die |
| 198 | Papiere unterschrieben ohne zu wissen, dass sie falsch waren. Während der |
| 199 | ganzen Zeit hatte Papa auch Geld an die Hapag in Madrid für uns überwiesen, um |
| 200 | damit eines Tages eine echte Passage nach Amerika buchen zu können.* |
| 201 | |
| 202 | *Schließlich fuhren |
| 203 | wir nach Stuttgart zum amerikanischen Konsulat. Unsere Fingerabdrücke wurden |
| 204 | registriert und wir mussten zu einer ärztlichen Untersuchung. Vor lauter Angst |
| 205 | war ich leichenblass, worauf Mutti mich ständig in die Wangen kniff, damit ich |
| 206 | gesunder aussehe. Sie selbst half sich mit etwas mehr Rouge.* |
| 207 | |
| 208 | *Wir erhielten |
| 209 | unsere Visa zur Einreise in die USA am 27. Mai 1941. Onkel Pitz brachte uns zum |
| 210 | Flughafen. Es war schwer, Abschied zu nehmen. Wir wussten aber, dass Pitzens |
| 211 | Nummer bald an die Reihe kommen und er uns nachfolgen würde. Als es sich von |
| 212 | Papa verabschiede flüsterte er ihm zu: Gestern Abend hat das amerikanische |
| 213 | Konsulat seine Pforten geschlossen. Das hiess, : Es gab keine Visa mehr für die |
| 214 | USA. Da Papa ja wusste, wie sehr Mutti an ihrem Bruder hing, hat er ihr diese |
| 215 | Nachricht erst einmal verschwiegen.* |
| 216 | |
| 217 | *Wir durften jeder |
| 218 | 10 US-$ und nur einen Koffer mitnehmen. Mutti und ich hatten darum so viele |
| 219 | Sachen angezogen, dass ich kaum gehen, geschweige denn atmen konnte.* |
| 220 | |
| 221 | *Nun waren wir |
| 222 | endlich in der Maschine. Erste Landung: Münschen. Alle Passagiere mußten |
| 223 | aussteigen und plötzlich waren wir drei ausgesondert, um von Kopf bis Fuss |
| 224 | durchsucht zu werden. Mit all den Kleidungsstücken am Leib brauchte ich |
| 225 | verständlicherweise sehr lange, um mich auszuziehen. Endlich durften wir wieder |
| 226 | an Bord. Beim Abflug sagte Papa:“ Atmet tief durch, wir sind raus. Die nächste |
| 227 | Landung ist in Lyon.“ Als wir dort landeten, kam uns als erstes ein SS-Mann vor |
| 228 | die Augen. Zum Glück wurden wir nicht belästigt.* |
| 229 | |
| 230 | *Es ging weiter |
| 231 | nach Madrid. Mir war die ganze Zeit über schlecht – kein Wunder, da ich vor |
| 232 | lauter Kleidung kaum atmen konnte. In Madrid waren es fast 40° C, es war Juni. |
| 233 | Ich entledigte mich darum erst einmal aller Anziehsachen bis auf ein Kleid.* |
| 234 | |
| 235 | *Papa hatte in |
| 236 | Madrid für ein Hotelzimmer vorgesorgt, wiederum durch die Hapag, wir wussten |
| 237 | also, wohin. In diesem Hotel wohnten auch zahlreiche andere Flüchtlinge. Am |
| 238 | nächsten Tag bemühte sich Papa bei der Hapag um eine Passage in die USA.* |
| 239 | |
| 240 | *Nach einigen |
| 241 | Wochen war endlich ein Schiff gefunden, das Platz für uns hatte. Es würde aber |
| 242 | ab Lissabon fahren. Ich glaube, sein Name war „Balboa“. Nun ging es wieder Tag |
| 243 | für Tag zur Jagd auf ein Visum ins portugiesische Konsulat. Und von Woche zu |
| 244 | Woche verschob sich der Abfahrtstermin des Schiffes. Schliesslich sollte es |
| 245 | übermorgen um 5.30 Uhr nachmittags ab Lissabon losgehen.* |
| 246 | |
| 247 | *Am nächsten Tag |
| 248 | erhielten wir endlich unsere Visa für Portugal sowie einen Flug, der mittags um |
| 249 | eins aus Madrid nach Lissabon starten sollte. Damit konnten wir gerade noch |
| 250 | rechtzeitig das Schiff erreichen. Nun – wir kamen in ein kräftiges Gewitter. |
| 251 | Der Pilot bemühte sich, dem Unwetter auszuweichen, hatte dann aber nicht mehr |
| 252 | genug Treibstoff!. Kannst du dir Mutti vorstellen im Flugzeug bei einem |
| 253 | Gewitter?!* |
| 254 | |
| 255 | *Wir mussten |
| 256 | Notlandung in Casanez machen. Dort gab |
| 257 | es nur eine kleine Landebahn, nur einen Krug voll Wasser, aber kein Benzin. Das |
| 258 | musste erst aus Madrid besorgt werden. Man brachte uns auf Kosten der |
| 259 | Fluggesellschaft in einem Hotel unter. Die Räume waren aber voller Ungeziefer |
| 260 | und wir blieben die ganze Nacht auf. Natürlich hatte inzwischen unser Schiff |
| 261 | den Hafen ohne uns verlassen. Am nächsten Tag kam das Benzin und wie konnten |
| 262 | weiterfliegen.* |
| 263 | |
| 264 | *In Lissabon brachte Papa Mutti und mich wieder in ein Hotel |
| 265 | und ging sofort zur „Hias“, um Hilfe zu bekommen. Als erstes holte man uns aus |
| 266 | dem offenbar teuren Hotel heraus und brachte uns bei einer jüdischen Familie in |
| 267 | Lissabon unter.* |
| 268 | |
| 269 | *Die „Hias“ ist |
| 270 | eine jüdische Hilfsorganisation, die nicht nur jüdischen Menschen zur Verfügung |
| 271 | steht sondern allen, die Hilfe brauchen. Jeden Tag ging Papa dort hin, um eine |
| 272 | andere Passage aufzutreiben. Schliesslich sagte man ihm, dass schon morgen ein |
| 273 | amerikanisches Schiff führe, dass aber nur eine Kabine zur Verfügung stehe. Wir |
| 274 | hätten uns inzwischen schon mit einer halben Kabine begnügt. An Geld fehlten |
| 275 | uns allerdings 35 US $. Die „Hias“ half uns aus und so konnten wir am 15. |
| 276 | August 1941 An Bord der „Excalibur“ gehen. Der nächste Tag war mein Geburtstag |
| 277 | und den durfte ich nun auf amerikanischem (Schiffs-)Boden feiern.* |
| 278 | |
| 279 | *Zehn Tage lang war |
| 280 | ich seekrank, bis wir schliesslich am 25. August 1941 unser Ziel erreichten. Am |
| 281 | frühen Morgen, bei der Einfahrt in den Hafen von New York, standen wir alle an |
| 282 | Deck, um mit ungläubigen Augen die Dame des Hafens zu begrüssen, die |
| 283 | Freiheitsstatue. Damals habe ich zum ersten Mal im Leben Papa weinen sehen. Der |
| 284 | Mann, der nicht nur für uns, sondern auch für so viele Menschen ein Fels in der |
| 285 | Brandung gewesen war, konnte endlich wieder tief durchatmen. Es war ein |
| 286 | glücklicher Tag.* |
| 287 | |
| 288 | *Hermann, Felix und |
| 289 | Lisa Röttgen empfingen uns am Pier. Sie brachten uns zum Haus des Rabbiners |
| 290 | Steven Weiss. Dort wurden wir Neuankömmlinge untergebracht. Sie konnten dort |
| 291 | kostenlos wohnen, bis sie Arbeit gefunden hatten und in der Lage waren, eine |
| 292 | Wohnung zu mieten. Papa fand schon nach fünf Tagen Arbeit und Mutti wenige Tage |
| 293 | danach. Ich übernahm die Haushaltspflichten. Als erstes schickte Papa die |
| 294 | geborgten 35 $ an die „Hias“.. Über die Jahre haben wir ihnen noch manche |
| 295 | Spende gesandt, damit sie weiter vielen Menschen helfen sollten.* |
| 296 | |
| 297 | *Ein weiterer |
| 298 | glücklicher Tag wurde der 17. März 1947. An diesem Tag wurden wir als Bürger |
| 299 | der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt.* |