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2title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (18)"
3date: 2012-06-24
4authors:
5 - helga_fredebold
6tags: [juedische-geschichte, historie]
7description: "Familienschicksale: Der letzte Teil der Tragödie beginnt Eine Reihe von „streng vertraulichen“ Schriftstücken der Gestapo (Geheimen Staatspolizei) an den Landra"
8source: https://fredebold.blogspot.com/2012/06/200-jahre-judische-geschichte-in_1400.html
9---
10
11**Familienschicksale:
12Der letzte Teil der Tragödie beginnt**
13
14Eine Reihe von „streng vertraulichen“ Schriftstücken der
15Gestapo (Geheimen Staatspolizei) an den Landrat in Springe, die sich damit
16befassten, wie  mit den Juden verfahren
17werden sollte, wurden nur den obersten Spitzen der Behörden zugestellt. Die
18untergeordneten Instanzen bekamen immer nur Teilaufträge, so daß die Wenigsten
19den  schaurigen Weg, den die Juden gehen
20mußten, vollständig übersehen konnten.
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22<!--truncate-->
23
24Am 25. März 1942 
25werden der Familie Blumenthal vier Verfügungen zugestellt, für jedes
26Familienmitglied eine. Sie hätten sich drei Tage später, am 28. März 1942, zum
27Abtransport mit einem LKW bereitzuhalten. Es handelt sich um Karl (47), seine
28Frau (43), Tochter Hanna (14) und Sohn Hans-Jürgen (11).
29
30*Jeder
31zu evakuierende Jude muß mitbringen*
32
33*1.)
341 Koffer oder Rucksack mit Ausrüstungsstücken*
35
36*(kein
37sperrendes Gut) bis 50 kg*
38
39*2.)
40Vollständige Bekleidung (ordentliches Schuhwerk)*
41
42*Bettzeug
43mit Decken (keine Matratzen)*
44
45*3.)
46Transportverpflegung für etwa 3 Tage,*
47
48*Essgeschirr
49(Teller oder Topf mit Löffel)*
50
51Offiziell hieß es, es ginge zum Arbeitseinsatz nach Polen.
52Ein LKW mit Anhänger sammelte die Juden aus dem Landkreis Springe auf
53vorgeschriebener Route am 28. März 1942 im Laufe des Vormittags ein. Die
54zweiköpfige Begleitmannschaft musste von der Gendarmerie gestellt werden, nicht
55von einer uniformierten NS-Organisation. Der Abtransport wäre sonst wohl
56weniger problemlos verlaufen. Der Transport ging zunächst zur Israelitischen
57Gartenbauschule nach Hannover-Ahlem. Dort war ein Sammellager
58eingerichtet,  und am 31.März 1942, also
59drei Tage später, ging ein Transportzug vom Bahnhof Fischerhof nach Trawniki
60bei Lublin ab.
61
62Die nüchterne Sprache der aufgefundenen Aktenstücke ist
63erschreckend, wenn man weiß, daß es sich um eine Reise ohne Wiederkehr
64handelte.
65
66Das vierseitige „vertrauliche“ Schreiben der Gestapo vom 19.
67März 1942 an den Landrat betr. der „Abwanderung" der Juden nach Trawniki
68bei Lublin in Polen, der die Einzelheiten der Abschiebung regelt, ist im
69Original erhalten. Da die Originalschriftstücke auf sehr schlechtem, vergilbtem
70Kriegspapier geschrieben  sind, werden
71hier nur einige Auszüge zitiert:
72
73Seite 1
74
75*Der
76Transportzug D a 6 (sogenannter Koppelzug) wird fahrplanmäßig*
77
78*am
7931.März 1942 um 12,12 Uhr in Gelsenkirchen eingesetzt und trifft mit 400 Juden
80der Staatspolizeileitstelle Münster um 18,15 Uhr in Hannover, Bahnhof
81Fischerhof, ein. Hier erfolgt die Zuladung der für Hannover (bzw. Hildesheim) abzuschiebenden
82500 Juden und die Einrangierung der benötigten Güterwagen und des B-Wagens für
83das Begleitkommando der Schutzpolizei. Um 18,36 Uhr fährt der Transportzug nach
84Braunschweig weiter und trifft dort um 20,05 Uhr ein. Die
85Staatspolizeileitstelle Braunschweig ladet die von ihr vorgesehen Juden (116)
86und das zugehörige Gepäck zu, so daß die endgültige Weiterfahrt des D a
876-Transportzuges nach Trawniki bei Lublin um 20.16 Uhr erfolgen kann.*
88
89*Die
90Auswahl der von der Maßnahme betroffenen Juden für die Regierungsbezirke
91Hannover und Hildesheim trifft die Staatspolizeileitstelle Hannover.*
92
93***Nicht abgeschoben werden******zunächst:***
94
951.    In deutsch-jüdischer Mischehe lebende
96Juden
97
982.    Juden ausländischer einschließlich
99sowjetrussischer Staatsangehörigkeit-----
100
1013.    In geschlossenen kriegswichtigen
102Arbeitseinsatz befindliche Juden------
103
104Seite 2 / 3
105
106*Ehetrennung,
107sowie Trennung von Kindern bis zu 14 Jahren von den Eltern ist zu vermeiden.*
108
109***Jeder abzuschiebende Jude hat sein
110Bargeld, seine Wertpapiere, Sparkassenbücher, sonstige Wertgegenstände, wie
111Schmucksachen, Ringe, Halsketten, Armbänder usw. bei seiner Festnahme bei sich
112zu führen. Alle diese Gegenstände werden ihm bei der Durchsuchung der Koffer
113und der Leibesvisitation im Sammellager Ahlem abgenommen. Keinesfalls dürfen Juden
114Bargeld oder Wertgegenstände auf dem Transport mitnehmen. Nur Eheringe dürfen
115den Juden belassen werden.***
116
117*Für
118die aus dem Regierungsbezirk Hildesheim abzuschiebenden Juden werden vorstehend
119bezeichnete Sachen von der Außenstelle Hildesheim bereits in eigener
120Zuständigkeit abgenommen.*
121
122*Alles
123bewegliche und unbewegliche Vermögen der abzuschiebenden Juden wird mit
124Rückwirkung vom 1.3.1942 staatspolizeilich beschlagnahmt und eingezogen. Die
125Verwertung des eingezogenen Judenvermögens wird der Oberfinanz-präsident
126durchführen.*
127
128*Über
129die Kosten des LKW-Transportes wird der Gestapo vom Landkreis eine Rechnung
130zugestellt.*
131
132Der Befehl für diesen LKW-Transport wurde nicht schriftlich
133erteilt, sondern bezog sich auf eine mündliche Anweisung vom 10. Januar 1942,
134die die Gestapo dem Landrat übermittelt hatte.
135
136Quelle: NHSA Hann 174 Springe 162
137
138In der Einwohnerliste der Juden in Rössing wurden die Namen
139dann einfach durchgestrichen. Unter “Bemerkungen“ steht bei jedem Einzelnen:     „*evakuiert
140am 28. März.1942“*
141
142Der Gendarmerieeinzelposten Rössing vermeldet ganz lapidar
143dem Landrat am 29. März.1942 Vollzug mit dem Bericht, daß die Familie
144Blumenthal in Rössing am 28. März.1942 nach dem Osten abtransportiert worden
145ist.
146
147Quelle: NHSA  Hann 174
148Nr. 162
149
150**Nachtrag**
151
152Bei ihrem Abtransport ahnte Familie Blumenthal noch nicht,
153was ihr bevorstand. Sie glaubten an einen Arbeitseinsatz in Polen und daß man
154sie dort in Polen zusammen ansiedeln würde. Frau Blumenthal hatte ihre
155Nähmaschine in die Gepäckaufbewahrung zum Bahnhof Barnten gebracht, eine
156Nachbarin sollte sie ihr nachschicken, wenn sie ihre neue Adresse hätte, damit
157sie sich durch Nähen etwas dazuverdienen könnte. Was wirklich geschah, hätte
158sich niemand vorstellen können.
159
160Karl Algermissen aus Rössing hat als Soldat in Polen Karl
161Blumenthal noch einmal in der Nähe von Warschau bei Gleisarbeiten in einem
162erbärmlichen Zustand getroffen: „Karl, was machst Du denn hier?“ fragte er ihn
163ganz entsetzt. „Geh weiter, geh weiter“ sagte dieser nur. Am nächsten Tag
164wollte Algermissen ihm etwas zu Essen bringen, aber er hat Karl Blumenthal
165nicht wieder getroffen. Das war das letzte Lebenszeichen von der Familie
166Blumenthal. Wie sie alle gestorben sind, wissen wir nicht.
167
168Der Hausrat der Familie Blumenthal wurde auf dem Hof ihres
169Hauses versteigert und der Erlös dem Finanzamt zugeführt.