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2title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (16)"
3date: 2012-06-24
4authors:
5 - helga_fredebold
6tags: [juedische-geschichte, historie]
7description: "Familienschicksale: Terror gegen Familie Blumenthal Die Veränderung des Denkens gegen Juden machte auch vor dem Dorf Rössing nicht halt, und schon vor Hitlers „"
8source: https://fredebold.blogspot.com/2012/06/200-jahre-judische-geschichte-in_1866.html
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10
11**Familienschicksale:
12Terror gegen Familie Blumenthal**
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14Die Veränderung des Denkens gegen Juden machte auch vor dem
15Dorf Rössing nicht halt, und schon vor Hitlers „Machtergreifung“ wuchs die
16Angst in der Familie. Sofort nach dem 30. Januar 1933 setzten die
17staatspolitischen Maßnahmen ein. Am 1. April 1933 verkündete Julius Streicher
18den organisierten Judenboykott. Der Titel auf der ersten Seite des „Stürmers“,
19dem wüsten Hetzblatt der SA, lautete:
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21<!--truncate-->
22
23*Wer
24beim Juden kauft, ist ein Volksverräter*
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26Und so prangte es an allen Litfasssäulen.Das blieb , auch in
27Rössing, nicht ohne Wirkung. Blumenthals Schlachterei ging zurück. Am 9.
28November 1938, als die Synagogen brannten und in einer organisierten Aktion die
29jüdischen Geschäfte und Wohnungen demoliert und geplündert wurden, wurden auch
30Blumenthals ein Opfer der Hetze. Augenzeugen berichteten, dass ein ortsfremder
31Autofahrer aus Richtung Nordstemmen kam, vor ihrem Haus anhielt und mit der
32Anlasserkurbel die geschlossenen hölzernen Fensterläden und die Scheiben
33zerschlug. Ein paar Jungen, die das mit angesehen hatten, fanden das aufregend
34und schmissen noch ein paar Steine hinterher, während die Familie Blumenthal
35total verängstigt auf ihren Betten im Schlafzimmer saß.
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37Schon seit 1936 durften jüdische Kinder nicht mehr am
38Schulsportfest teilnehmen, und ab 1937 wurde ihnen der Besuch der allgemeinen
39Lehranstalten ganz verboten. Von den beiden Kindern Hanna, Jahrgang 1928, und
40Hans-Jürgen Blumenthal, Jahrgang 1931, konnte Hanna noch drei Jahre die
41Rössinger Schule besuchen. Die jüdische Kultusgemeinde in Hannover versuchte
42durch kulturelle Maßnahmen die weitere Schulbildung der Kinder zu übernehmen
43und Hanna wurde am 12. April 1937 nach Hannover abgemeldet.
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45Als sich nach dem 9. November 1938 niemand mehr getraute bei
46Blumenthals zu kaufen, mußten sie die Schlachterei schließen. Damit löste sich
47auch der geschlossene Familienverband der Blumenthals auf. Die Oma war
48gestorben, Hanna war in Hannover, Karl Blumenthal fand eine Stelle als Arbeiter
49beim Betonwerk R. Grasdorf in Hannover Wülfel, und die Familie lebte still und
50zurückgezogen und so unauffällig wie möglich im Dorf.
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52**Druck und
53Diskriminierung**
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551935 waren den Juden ihre Staatsbürgerrechte aberkannt
56worden. Punkt 4 in Hitlers Parteiprogramm lautete:
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58*Volksgenosse
59kann nur sein, wer arischen Blutes ist,*
60
61*also
62kann kein Jude Volksgenosse sein.*
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64Damit waren die Juden rechtlos wie im Mittelalter und
65unbegrenzt besteuerbar. Nach der Reichskristallnacht am 9. November 1938 wurden
66sie mit einer Sondersteuer belegt als Strafe dafür, wie es hieß, daß der Jude
67Herschel Grynspan den deutschen Legationssekretär Ernst vom Rath in Paris
68erschossen hatte. Außerdem wurde die Kennzeichnung von jüdischen Pässen
69angeordnet. Sie wurden auf der Aussenseite mit einem 3 cm großen J versehen und
70die Passinhaber damit für alle sichtbar als Juden gekennzeichnet.
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72Viele Juden bemühten sich um Auswanderung, dabei wurden
73Teile ihres Vermögens als Sonderabgabe einbehalten.
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75Diese betrug bei Vermögen
76
77bis       1.000 RM      nichts
78
791.000  5.000 RM      0,5
80%
81
825.000  10.000.RM    1,0
83%
84
85Bei einem Vermögen von 800 000 RM bis 1 Mio RM wurde sie als
86Reichsfluchtsteuer bis auf 10 % gesteigert.
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88Eine Reihe von Schriftstücken der Gestapo (Geheimen
89Staatspolizei) an den Landrat in Springe, die sich damit befassten, wie mit den
90Juden verfahren werden sollte, waren so brisant, daß sie mit dem Stempel
91„streng vertraulich“ versehen wurden.
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93Manchmal wurde die Ausreise der Juden von den Behörden
94gefördert, manchmal erschwert. Einmal weist der Reichsführer der SS die Gestapo
95an, daß die Landräte ab 1.Januar 1939 keine Dringlichkeitsbescheinigungen für
96Auslandsreisen jüdischer Mitbürger mehr ausstellen dürfen ; das hätte die
97Ausreise beschleunigt. So hat man mehr Zeit, sich die jüdischen Vermögen
98anzueignen.
99
100Am 28.Februar 1939 wird die Förderung der Auswanderung
101minderbemittelter Juden angeordnet. Ohne Vermögen waren sie uninteressant und
102man wollte sie loswerden.
103
104Aber auch das Ausland sperrte sich gegen die Aufnahme vor
105allem armer Juden. Verwandte mußten Bürgschaften übernehmen, andere hatten kaum
106eine Chance auszureisen.
107
108Am 1.September 1941 erging der Befehl zum sichtbaren Tragen
109des etwa 10 cm großen gelben Judensterns und zur Führung israelitischer
110Vornamen für die Juden.
111
112**Zwangsverkauf des
113Hauses**
114
115Am 24. Juni 1939 ergingen vom Landrat in Springe an alle
116jüdischen Familien Verkaufsaufforderungen betreffend ihrer Immobilien. Karl
117Blumenthal hatte schon am 6. Juni 1939 sein Haus an Otto Altendorf verkauft ,
118nicht freiwilllig, versteht sich. Bei diesen Zwangsverkäufen mußten die
119arischen Käufer die Verkaufssumme an den Staat bezahlen. Von der Verkaufssumme
120erhielten die Verkäufer nur einen Bruchteil, das meiste behielt der Staat ein.
121Daher kamen nach dem Krieg die Differenzen zwischen den Alteigentümern und den
122Käufern, die in der Regel alles noch einmal bezahlen mussten.
123
124Blumenthals durften in ihrem Hause nur noch eine kleine
125Küche und zwei Zimmer bewohnen. Trotz ihres früheren guten Leumunds mied man
126die Familie.
127
128Inzwischen war Krieg, die Lebensmittel wurden rationiert und
129die Juden bekamen erheblich kleinere Rationen auf ihre Lebensmittelkarten. Zwar
130gab es auch Beweise von nachbarschaftlicher Hilfe, etwa, wenn ihnen heimlich an
131der Hintertür beim Melken ihre Kanne mit Milch gefüllt wurde oder die andern
132Hausbewohner einen Topf mit Mittagessen hinstellten. Aber es durfte keiner
133sehen, alle hatten Angst, als „Volksverräter" zu gelten. Die Familie des
134Schäfers Schmieding stand Todesängste aus, weil dieser für die Blumenthals ein Schaf
135geschlachtet hatte.
136
137Alle Tiere waren registriert und es wurde kontrolliert, ob
138die Anzahl der registrierten Tiere stimmte. Bei Opa Harke am Leinkamp ging es
139um Ziegen, als Karl Blumenthal eines Abends verstohlen an sein Fenster klopfte:
140„Kannst Du mir nicht noch einmal eine Ziege verkaufen?“ Aber diesmal ging es
141nicht. Der Enkel, der das damals mit ansah, berichtete es unter Tränen.