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105 lines · 5.0 KB
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2title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (15)"
3date: 2012-06-24
4authors:
5 - helga_fredebold
6tags: [juedische-geschichte, historie]
7description: "Familienschicksale: Ferien bei den Großeltern: Werner Blumenthal erzählt Beim Verfassen seiner Familienchronik im Jahr 2003 berichtet Werner Blumenthal (geb.192"
8source: https://fredebold.blogspot.com/2012/06/200-jahre-judische-geschichte-in_5173.html
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11**Familienschicksale: Ferien bei den Großeltern:**  **Werner Blumenthal erzählt**
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15Beim Verfassen seiner Familienchronik im Jahr  2003 berichtet Werner Blumenthal (geb.1923)
16in der Rückschau, wie er die Schulferien in den 1920er und 1930er Jahren
17zusammen mit seiner Schwester Lore bei seinen Großeltern Sophie und Moritz
18Blumenthal und den Brüdern seines Vaters in Rössing erlebt hat.
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20*---
21Das einfache und arbeitsreiche Leben auf dem Lande – etwa einen Kilometer vom
22Haus entfernt bewirtschafteten sie zugleich einen Acker (11/4 Morgen)– hatte
23sie geprägt und zu geachteten Mitgliedern der dörflichen Gemeinde gemacht.*
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25*Sie
26hatten fünf Söhne, mein Vater Gustav war der älteste von ihnen. Danach kamen
27Karl, Hermann, Robert und Willi. Schon die Wahl der Namen ihrer Kinder verweist
28darauf, dass sie trotz ihres bewusst und strikt gelebten Judentums
29uneingeschränkt und selbstverständlich Deutsche waren.*
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31*Die
32Kneipe gegenüber ihrem Haus war für die männlichen Familienmitglieder ebenso
33sozialer Treffpunkt wie für den Rest der Einwohner des Dorfes. –*
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35*---
36Oma Sophie hatte gewiss kein leichtes Leben. Familie, fünf Kinder, Haus und
37Laden zu  bewirtschaften, dazu noch
38Garten und „Land“. Der koschere Haushalt verlangte zusätzliche Mühe durch die
39gebotene strenge Trennung zwischen „fleischigen“ und „milchigen“ sowie
40sonstigen Lebensmitteln und dem dazugehörigen Geschirr, Besteck usw.*
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42*---Freitagsabends
43wurde auf feierliche Weise mit dem Abendessen in der guten Stube der Sabbat
44eingeläutet. Oma zündete die beiden Kerzen an und segnete die „Challe“, den
45selbstgebackenen geflochteten Mohnstuten, der zunächst unter einer geklöppelten
46Zierdecke lag. Jeder bekam ein Stück und aß es mit Salz zur Feier des Tages.---*
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48*---Des
49öfteren begleitete ich Onkel Karl zur Arbeit auf dem Stück Land, auf dem
50vornehmlich Kartoffeln und diverse Gemüse für den Hausbedarf angebaut wurden.
51Mit Freude und viel Anstrengung zog ich den kleinen Bollerwagen dorthin, ein
52gutes Stück auf der Landstraße entlang. Damals bestand noch kaum die Gefahr,
53von einem Auto angefahren zu werden. Für mich als Stadtkind war es fast eine
54Offenbarung, eine frische Möhre aus dem Beet ziehen und sie essen zu können,
55Salat zu schneiden, Kartoffeln auszubuddeln.---*
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57Werner Blumenthal erinnert sich lebhaft an die ungeheizten
58Schlafkammern im Winter, das dicke Federbett, auf dem sich bis zum Morgen durch
59die Atemluft eine richtige dünne Eisschicht bildete - und an das eisig kalte
60Plumpsklo. Aber besonders beeindruckt hat ihn offensichtlich der Besitz eines
61eigenen Stück Landes, durfte doch bis Mitte des 19. Jahrhunderts kein Jude nach
62dem Gesetz Acker- oder Gartenland besitzen.
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64Willi Blumenthal, der jüngere Bruder von Karl, war auch
65Schlachter, arbeitete bei seinem Vater in der Metzgerei und belieferte mit
66Pferd und Wagen Kunden in der näheren und weiteren Umgebung, wobei Werner ihn
67begleiten durfte. Außerdem besaß er ein Motorrad und brauste gern mit ihm auf
68dem Soziussitz durch die Gegend.
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70Moritz Blumenthal starb 193O, und Karl übernahm die Schlachterei,
71während  Moritz‘ Frau Sophie noch bis
721938 lebte. Diese beiden sind die letzten, die auf dem jüdischen Friedhof
73beerdigt wurden.
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75Nach einer Liste der jüdischen Einwohner vom 1.10.1935  umfaßte der Haushalt noch folgende Personen:
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77Name                
78 Vorname             Beruf              Geburtstag    Geb.Ort          Bemerkungen
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801. Blumenthal  Karl                        Schlachter     
812.  3. 1895   Rössing
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832.          "           Henny                     Ehefrau         22.11. 1899   Emden
84
853.         "           
86Hanna                     Tochter           
876   3. 1928   Rössing
88
894.            "         Hans-Jürgen          Sohn               
907.11. 1931   Rössing
91
925.            "         Sophie                    Witwe             18. 
934. 1866   Lüthorst
94
956.             "        Willi                          Sohn
96zu 5     30.12. 1901   Rössing         verzogen
97n..
98
997.Gaup            Auguste                  Hausangest.   2.  3. 1910   Roßlau
100a,d,Elbe
101
1028 Blumenthal             Robert Sohn zu 5  Kaufmann    23.  6. 1900   Rössing            
103"
104
105Quelle: NHSA Hannover, Sign. Hann 174 Springe Nr. 162