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2title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (14)"
3date: 2012-06-24
4authors:
5 - helga_fredebold
6tags: [juedische-geschichte, historie]
7description: "Familienschicksale : Moritz Blumenthal und seine Söhne 1858, am 7. Dezember, wird Moritz Blumenthal geboren. Er wird Schlachter in Rössing, wie schon sein Vater"
8source: https://fredebold.blogspot.com/2012/06/200-jahre-judische-geschichte-in_24.html
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11**Familienschicksale : Moritz Blumenthal und seine Söhne**
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131858, am 7. Dezember, wird Moritz Blumenthal geboren. Er
14wird Schlachter in Rössing, wie schon sein Vater, sein Grossvater und sein
15Onkel vor ihm. Am 26. Oktober 1892 heiratet er im Alter von 34 Jahren ein
16Fräulein Sophie Wallhausen aus Lüthorst, und es wird eine großartige Hochzeit
17gefeiert. Die mit riesigem Aufwand gedruckte 
18Hochzeits- zeitung ist noch erhalten.
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20<!--truncate-->
21
22Dem
23Paar werden fünf Söhne geboren:
24
251893,
2616.Oktober      Gustav Blumenthal
27
281895,
2902. März          Karl Blumenthal
30
311897,
3211. Oktober     Hermann Blumenthal
33
341900,
3523. Juni           Robert Blumenthal
36
371901,
3830. Dezember Willi Blumenthal.
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401897 werden wieder erhebliche Geldmittel für Haus und Nebengebäude
41aufgewendet. Die Wagenremise und der Stall werden erneuert, und der Taxwert des
42Wohnhauses erhöht sich wieder um gut 1000 Mark auf 8387 Mark.
43
441907 erfolgt eine bedeutende Modernisierung der Schlachterei
45und auch das Wohnhaus wird noch einmal verbessert.
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47Quelle: NHSA  Sign:
48Hann 174, Springe 162
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50**Ein moderner Betrieb**
51
52Im Jahr 1907 bringt Moritz Blumenthal seine Schlachterei auf
53den modernsten Stand. Da der  Bau eines
54Kühlkellers wegen der Lage des Hauses in der Masch mit ihrem hohen Grundwasserstand nicht möglich ist,
55baut er oberirdisch einen Eisturm, der heute noch vorhanden ist. Ein
56doppelwandiger, ca. 5 m hoher Turm, dessen 8o cm breite Zwischenwände zur
57Isolierung mit Torf gefüllt sind, wird von der Seite durch eine oben
58befindliche Luke im Winter mit Eis gefüllt und hält ihn über den ganzen Sommer
59kühl. Das Dach und der daneben liegende Kühlraum werden ebenso ausgestattet.
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61Wenn das Eis im Winter auf dem Schloßteich dick genug war,
62wurde es geschnitten und eingelagert. Im Winter galt Blumenthal als begehrter
63Arbeitgeber, beschäftigte er doch zeitweilig bis zu 15 Personen in der
64arbeitsarmen Zeit mit Eisschneiden. An der Sohle des Eisturms ist eine türgroße
65Öffnung zum Kühlraum, in dem das Fleisch auch im heißesten Sommer hervorragend
66gekühlt wurde. Es gab ja noch kein künstlich hergestelltes Stangeneis. Die  Schlachterei Moritz Blumenthal war weit und
67breit bekannt für ihr hervorragendes Fleisch. Wenn man ein besonders gutes
68Stück Fleisch haben wollte, kaufte man es bei Blumenthal. Natürlich gab es dort
69vorwiegend Rindfleisch und manchmal Hammelfleisch. Schweine wurden nicht
70geschlachtet oder verkauft. Die Rinder suchte sich Blumenthal bei den Bauern
71aus und war als hartnäckiger und harter Verhandlungspartner bekannt. Mit Pferd
72und Wagen fuhr er  über Land, sogar bis
73Hannover. Sein Fleisch verkaufte er in den umliegenden Dörfern, wo man an
74bestimmten Tagen schon auf ihn wartete.
75
76**Rituelles
77Schlachten**
78
79Die linke Hälfte des Erdgeschosses wurde als Schlachterei
80genutzt. Das heutige große Schaufenster gab es noch nicht. Fensterläden zur
81Straßenseite schützten vor Sonneneinstrahlung.
82
83Das Schlachten der Rinder erfolgte nach dem jüdischen
84Ritualkodex. Dazu kam extra ein Schächter als Kultbeamter aus Pattensen oder
85auch aus Hannover. Mit Pferd und Wagen wurde er vom Bahnhof Barnten abgeholt.
86In einem besonderen Kasten, ähnlich  wie
87ein Geigenkasten, brachte er das Messer zum Schächten mit, das nicht die
88geringste Scharte aufweisen durfte. Geschlachtet wurde in dem Raum, der einen
89Eingang von der linken Hofseite aus hat. Von der Hofmauer aus schauten die
90Dorfjungen manchmal bei der Zeremonie zu, die sie als sehr grausam empfanden.
91Mit Ketten wurden die Tiere an den Füßen gefesselt, durch eine Winde zu Fall
92gebracht und ohne Betäubung Halsschlagader, Speise- und Luftröhre durchtrennt,
93um eine völlige Ausblutung zu erreichen.
94
95Das Schächten wurde im NS-Deutschland, am 21.4.1933,
96verboten. Durch Verord-nungen der Militärregierungen von 1946 und 1947 wurde es
97wieder zugelassen.
98
99Auch die jüdischen Beerdigungen erweckten das Interesse der
100Dorfjugend, weil sie  anders waren als
101die hier üblichen. Besonders die Särge fielen ihnen auf. Sie hatten keinen
102hochgewölbten Deckel und waren aus unbearbeitetem Holz.
103
104**Karl Blumenthal
105und seine Brüder**
106
107In Rössing wußte man bisher nur von drei Brüdern, Karl,
108Robert und Willi, die in den 1920er und 1930er Jahren voll in der
109Dorfgemeinschaft integriert waren. Daß es noch zwei weitere Brüder Blumenthal
110gab, Gustav (geb. 1893), und Hermann (geb. 1897) war bisher in Rössing unbekannt.
111Von der Existenz dieser beiden Brüder erfuhr man erst fast 100 Jahre später
112durch Kurt Blumenthal, den Enkel von Gustav, als er Im Jahre 2008 auf den
113Spuren seiner Ahnen ihre Gräber in Rössing besuchen wollte. Er überließ mir ein
114Exemplar der 2003 von seinem Vater Werner verfaßten Familienchronik, durch die
115wir umfassende Informationen über die Schicksale der einzelnen
116Familienmitglieder erhielten.
117
118Gustav und Hermann Blumenthal haben Rössing schon jung
119verlassen und wurden sehr erfolgreiche und wohlhabende Geschäftsleute in
120Bochum. Das Startkapital stammte wohl vom Vater Moritz, denn sie wurden
121Besitzer oder Teilhaber der Firma Gebr. Koppel 
122später Heymann & Co, eines großen Geschäfts-oder Kaufhauses der Textilbranche,
123was ihnen einen recht luxuriösen Lebensstil ermöglichte mit Tennisspiel,
124Reitstunden im Tattersall, Urlaubsreisen und einem Auto mit Chauffeur.
125
126Dadurch, daß sie Rössing frühzeitig verließen und sehr
127wohlhabend wurden, entgingen sie wahrscheinlich dem Schicksal ihrer drei
128Brüder, denn ihnen gelang noch rechtzeitig die Ausreise in die USA.
129
130Nach „Arisierung“ ihres Geschäftes und KZ-Aufenthalt gelang
131Hermann Blumenthal 1940 die kostspielige „Auswanderung“ in die USA, von wo aus
132er durch Stellung einer Bürgschaft ein Visum für seinen Bruder Gustav mit
133Familie besorgen konnte und ihnen so die Flucht aus Nazi-Deutschland im August
1341942 in letzter Minute ermöglichte.
135
136.
137
138Die andern drei Brüder wuchsen in Rössing heran und teilten
139das Dorfleben bis ins Erwachsenenalter. Karl und Willi wurden Schlachter wie
140ihre Vorfahren und arbeiteten im väterlichen Betrieb, während Robert, der an
141einer Bechterewschen Wirbelsäulenverkrümmung litt , einen kaufmännischen Beruf
142ergriff.
143
144**Der Erste
145Weltkrieg**
146
147Als 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, rief nicht nur der „*Centralverein deutscher Staatsbürger
148jüdischen Glaubens*", sondern auch die „*Zionistische Vereinigung für Deutschland"* zur
149Vaterlandsverteidigung auf, letztere mit den Worten:
150
151***"****Wir rufen Euch auf, im Sinne des alten jüdischen
152Pflichtgebots mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen, Euch dem
153Dienste des Vaterlandes hinzugeben."*
154
155Die ganze Familie war deutsch-national eingestellt, und die
156drei ältesten Blumenthal-Brüder Gustav, Hermann und Karl folgten dem Aufruf und
157meldeten sich als Kriegsfreiwillige. Hermann wurde Unteroffizier und am 17.
158Oktober 1917 wurde ihm
159
160*„von* Sr. *Majestät vom Kaiser und König das Eiserne
161Kreuz II. Klasse* verliehen“.
162
163Alle drei Brüder hatte das Erlebte geprägt, aber sie hüteten
164ihr deutsches Nationalbewusstsein. Hermann war stolz auf seine
165Kriegs-Auszeichnung und bewahrte die Verleihungsurkunde sein Leben lang auf.
166
167Die Blumenthals lebten in Rössing als alteingesessene
168Bürger, nahmen am Dorfleben teil und traten nach außen hin recht bescheiden
169auf. Auf dem Erinnerungsfoto an das Stiftungsfest der Freiwilligen Feuerwehr
170von 1928  sind Karl und Willi Blumenthal
171mit verewigt und bei den geselligen Zusammenkünften des im Jahre 1900
172gegründeten  „Klub Frohsinn" war
173Willi Blumenthal ebenfalls mit von der Partie, wie ein Foto von 1932 zeigt
174(siehe Bildband „Rössing, unser Dorf im Wandel"). Karl, Mitte der 20er
175Jahre mit Henny Hartogsohn (geb. 1899) aus Emden verheiratet,  hatte mit ihr zwei Kinder – Hanna, geb. am 6.
176März 1928,  und Hans-Jürgen, der am 7.
177November 1931 geboren wurde.
178
179Karl Blumenthal, einer der besten Sänger im Gesangverein
180„Concordia“, wurde 1935 aus rassistischen Gründen ausgeschlossen. Karl Pahl,
181der 1. Vorsitzende des Vereins, hatte mehrfach erfolglos zugunsten von Karl
182Blumenthal interveniert. Man setzte ihn höheren Ortes so unter Druck, daß er
183schließlich nachgeben mußte, weil er sonst selbst in größte Schwierigkeiten
184gekommen wäre.