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2title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (13)"
3date: 2012-06-24
4authors:
5 - helga_fredebold
6tags: [juedische-geschichte, historie]
7description: "Familienschicksale; Die ersten Blumenthals in Rössing und der Erwerb einer Anbauerstelle Israel Levin Blumenthal I Das erste Mitglied der Familie Blumenthal hat"
8source: https://fredebold.blogspot.com/2012/06/200-jahre-judische-geschichte-in.html
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11**Familienschicksale;**
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13**Die ersten
14Blumenthals in Rössing und der Erwerb einer Anbauerstelle**
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18**Israel Levin
19Blumenthal  I**
20
21Das erste Mitglied der Familie Blumenthal hat sich während
22der gelockerten Bestimmungen in der Franzosenzeit , also zu Beginn des 19.
23Jahrhunderts,  in Rössing angesiedelt.
24Israel Levin war ein Schlachter aus Barnten, Amt Steuerwald, der den Namen
25Blumenthal angenommen hatte und vom Schlachten und Kleinhandel lebte.
26
27**Der Schutzbrief**
28
29Am 16. Februar 1814 wird er in einer Liste als
30unvergeleiteter jüdischer Einwohner in der Vogtei Rössing aktenkundig, weil er
31einen Schutzbrief beantragt hat. Die Behörde fragt an, ob der Antragsteller
32Blumenthal „*schutzwürdig*“ sei. Der
33Bürgermeister bzw. Vogt Opitz stellt ihm ein gutes Führungszeugnis aus und
34befürwortet Blumenthals Antrag.
35
36Am 31.Mai 1814 wird Israel Levin Blumenthal I  ohne weitere Beanstandungen mit dem
37Schutzbrief versehen. Er soll vier Reichsthaler jährlich bezahlen, aber
38Bürgermeister Opitz teilt dem Amt gleich mit, dass Blumenthal nur in der Lage
39sei, höchstens zwei Reichsthaler aufzubringen.
40
41Im nächsten Jahr erhält Blumenthal eine Zahlungsaufforderung
42über zwei Reichs-thaler, doch wegen Armut wird ihm die Zahlung erlassen. 1817
43wird wegen des Schutzgeldes erneut eine Anfrage von Amts wegen gestellt und vom
44Bürgermeister beantwortet:
45
46*"Gegen
47seinen Lebenswandel ist nichts zu sagen, aber er hat wegen*
48
49*Armut
50bisher kein Schutzgeld bezahlt."*
51
52Und so geht es weiter, bis die Behörde im Jahre 1824
53feststellt, dass Blumenthal seit der Erteilung des Schutzbriefes 1814 überhaupt
54noch keine Zahlung geleistet hat.  1825
55muss er zum ersten Mal zwei Reichsthaler bezahlen und das nun Jahr für Jahr
56-  bis 1842 das Schutzgeld im Königreich
57Hannover aufgehoben wird.
58
59**Familiengründung**
60
611824 leben im ganzen Amte Calenberg 176 Juden, davon etwa 15
62in Rössing. Die jüdische Bevölkerung wird von Zeit zu Zeit behördlich in
63statistischen Erhebungen  gesondert
64erfaßt.
65
66Im Jahr 1816 war Israel Levin Blumenthal I  36 Jahre alt, seine Frau Hanne Meyer 30 und
67ihr erster Sohn Israel Levin Blumenthal II drei Jahre.  1819 wird dem Ehepaar ein zweiter Sohn geboren,
68Meyer Blumenthal.
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701
71
72Quelle: NHSA   Sign.
73Hann 74 Cal  Nr.423   Nr.425 
74Nr.431
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76**Israel Levin Blumenthal II**
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78Über
79Israel Levin Blumenthal II, den ältesten Sohn des ersten Blumenthal in Rössing,
80ist nicht viel bekannt. Er ist 1813 geboren und von Beruf Schlachter, wie schon
81sein Vater. Er ist verheiratet mit Jette Blumenthal, geb. Abraham Heinemann.
82Doch wo genau die Blumenthals in Rössing wohnten und ihr Gewerbe betrieben, ist
83aus den Unterlagen nicht ersichtlich. Über Hauseigentum verfügten sie zu diesem
84Zeitpunkt noch nicht.
85
86Nachdem Simon Neuberg verstorben ist, folgt ihm Levin
87Blumenthal II 1855 als Synagogenvorsteher der hiesigen kleinen jüdischen
88Gemeinde nach. Am 3. Januar 1873 stirbt Jette Blumenthal und ihr Mann muss als
89Synagogenvorsteher ihren Tod in den Sterbelisten selbst beurkunden. Israel
90Levin Blumenthal II  stirbt 1881. Sein
91Grabstein ist einer der wenigen, die auf dem jüdischen Friedhof in Rössing
92heute noch erhalten sind. Ob das Ehepaar Kinder hatte, ist nicht bekannt. In
93den Akten werden sie nicht erwähnt und Hinweise auf Grabsteine lassen sich
94nicht mehr finden.
95
96Quelle:
97NHSA  Sign. Hann 74 Nr. 431
98
99**Meyer Blumenthal**
100
1011819 wird Meyer Blumenthal als zweiter Sohn von Israel Levi
102Blumenthal I und seiner Frau Hanne Meyer geboren. Dieser Meyer Blumenthal ist
103der Stammvater aller weiteren in Rössing ansässigen Blumenthals, bis die
104Familie 1942 dem Holocaust zum Opfer fällt.
105
106Er wird Schlachter - wie schon sein Vater und sein sechs
107Jahre älterer Bruder Israel Levi Blumenthal II.
108
109Im Jahre 1852 kauft Meyer Blumenthal ein Haus, die
110Anbauerstelle Nr. 116, heute
111
112Maschstr. Nr. 22, und richtet dort eine Schlachterei ein. Im
113selben Jahr heiratet er, 33 Jahre alt, Line Holländer aus Bergen, ebenfalls 33
114Jahre alt. Eindeutig werden als seine Eltern in der Trauungsliste Israel Levin
115Blumenthal l und Hanne Meyer angegeben. Am 16. März 1853 stirbt ein kleiner
116Junge mit Namen Israel Blumenthal im Alter von 21 Wochen am
117„Nervenfieber".Als dessen Eltern werden Meyer Blumenthal und Helene Bach
118genannt.
119
120Diese beiden Vorgänge lassen sich auf den ersten Blick nicht
121ohne weiteres zusammenbringen. Aber da helfen die heute noch auf dem jüdischen
122Friedhof vorhandenen Grabsteine weiter. Offensichtlich war das Verhältnis von
123Meyer Blumenthal mit Helene Bach nur eine folgenreiche, voreheliche Episode.
124Denn die 1819 geborene Line Blumenthal, die er 1852 geheiratet hatte, war und
125blieb die Ehefrau von Meyer Blumenthal und wurde die Mutter seiner beiden
126ehelichen Kinder, während Helene Bach nicht wieder in den Akten auftaucht.
127
128Die Tochter Johanne Blumenthal wird 1855 geboren und der
129Sohn Moritz drei Jahre später, 1858. Ihre Mutter Line stirbt 1884 und wird an
130der Seite ihres zu diesem Zeitpunkt schon verstorbenen Mannes Meyer Blumenthal
131beigesetzt. In welchem Jahr Meyer Blumenthal gestorben ist, läßt sich leider
132auf dem sehr verwitterten Grabstein nicht mehr entziffern.
133
1341852 umfaßt die jüdische Gemeinde 18 Personen in Rössing.
135Diese werden aber nur summarisch aufgezählt, nicht namentlich. Die meisten
136davon gehören zweifellos zu den beiden jüdischen Familien Neuberg und
137Blumenthal, bei den anderen handelt es sich höchstwahrscheinlich um
138Hauspersonal und sonstige Angestellte der beiden Familien.
139
140Quelle: NHSA Sign.Hann 74 Nr. 431
141
142**Das Haus Nr.
143116,  heute Maschstraße Nr.22**
144
145Bei dem Haus Nr. 116, das Meyer Blumenthal 1852 gekauft hat,
146handelt es sich um eine typische Anbauerstelle, zu der weder Ackerland noch ein
147größerer Garten gehören. Es ist ein kleines Haus am Rande des Dorfes. Aber
148schon der Erwerb eines Hauses ist erst seit 1847 offiziell durch eine Ergänzung
149der „Emanzipationsakte“ von 1842 gestattet und ein Riesenschritt in der
150Gleichberechtigung der Juden im Königreich Hannover.
151
152An der Entwicklung des Brandkatasters können wir die
153Wertsteigerungen des Hauses und den 
154wachsenden bürgerlichen Wohlstand der Familie erkennen. Der Vorbesitzer
155des Hauses war Carl Brandes; das Baujahr ist nicht ersichtlich. In den ersten
15610 Jahren nach dem Erwerb des Hauses durch Meyer Blumenthal im Jahre 1852
157werden größere bauliche Maßnahmen durchgeführt, zweifellos ein Hinweis auf den
158Umbau zur Schlachterei, denn der Versicherungswert wird 1861 von 750 auf 1.200
159Reichsthaler hochgestuft. Es fällt auf, daß an dem Haus ständig Erhaltungs- und
160Wertverbesserungsarbeiten durchgeführt werden.
161
1621877 erfolgt wieder eine bedeutende Erhöhung des Taxwertes.
163Nach der Umrechnung von Reichsthalern in Mark (1 Taler = 3 Mark) steigt er von
1643.600 Mark auf 6.314 Mark.
165
166Außerdem werden ein Stall, Waschhaus und Wagenschuppen neu
167gebaut, Versicherungswert 344 Mark. Es werden also grössere Geldbeträge
168investiert.
169
170Auch unter Moritz Blumenthal, dem Sohn und Nachfolger von
171Meyer Blumenthal, geht die positive Entwicklung weiter.
172
173Quelle: NHSA Sign. Hann 330 Nr.51, 109, 879, 880