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2title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (11)"
3date: 2012-04-26
4authors:
5 - helga_fredebold
6tags: [juedische-geschichte, historie]
7description: "Familienschicksale – Rahel Simson, Nathan Schay-Neuberg und ihre Kinder Rahel Simson und Nathan Schay-Neuberg werden Stammeltern einer jüdischen Familie, die üb"
8source: https://fredebold.blogspot.com/2012/04/200-jahre-judische-geschichte-in_7943.html
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11## Familienschicksale – Rahel Simson, Nathan Schay-Neuberg und ihre Kinder
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15Rahel
16Simson und Nathan Schay-Neuberg werden Stammeltern einer jüdischen
17Familie, die über vier Generationen bis ca. 1930 in Rössing
18ansässig ist.
19
20Nathan
21Schay-Neuberg bezahlt jährlich 4 Reichstaler für den Schutzbrief
22für sich und seine Familie und gehört somit zu den „reputierlichen“
23Juden. Er ist recht wohlhabend und handelt mit Tuch- und Ellenwaren,
24außerdem betreibt er einen Hoken- oder Kleinhandel.
25
26Eine
27amtliche Beurteilung über ihn lautet im Jahre 1816:
28
29*---ist
30ein rechtlicher Mann, führt sich recht gut und besitzt hier eine
31kleine Köthnerey.*
32
33Zwischen
341807 und 1815 bekommt das Ehepaar fünf Kinder:
35
36Nathan 1807
37
38Ester 1809
39
40Simon 1811
41
42Lina 1813
43
44Sara 1815
45
46Conrad
47Geburtsjahr unbekannt
48
49Außerdem
50gehören zum Haushalt der Schullehrer Daniel Rufen, der Handelsknecht
51Wolf Walbaum und die Magd Eva Moses.
52
53**1828**
54verfügt die Regierung**,**
55daß die Judenwieder
56unveränderliche Nachnamen annehmen müssen. Nathan Schay nimmt
57wieder seinen alten Namen aus der Franzosenzeit an: *Neuberg.*
58
59# Bildung von Synagogengemeinden
60
61Mit
62Schreiben vom 18. Juli 1843 fordert die Landdrostei die Juden in
63Rössing auf, Synagogengemeinden zu bilden. Der Vorsteher dieser
64Synagogengemeinde wird verpflichtet, Trauungs-, Geburts- und
65Sterbelisten zu führen. Dies sind die einzigen Quellen für die
66Lebensdaten der hiesigen jüdischen Einwohner. Von diesen Listen sind
67aber nur sehr wenige, dazu lückenhaft geführte Exemplare erhalten.
68Standesämter gab es noch nicht und jüdische Geburten oder
69Eheschließungen wurden in die christlichen Kirchenbücher nicht
70eingetragen.
71
72Der
73erste Synagogenvorsteher wirdNathan Neuberg.
74
75**Eine
76schöne Mitgift**
77
78Im
79Jahr 1854 taucht noch eine Julie Neuberg auf, die wir nicht ohne
80weiteres einordnen können. Es kann sich um eine spät geborene
81Tochter von Rachel und Nathan Neuberg oder um eine schon
82heiratsfähige Tochter des noch recht jungen Simon Neuberg handeln.
83
84Von
85ihr erfahren wir erst im Jahre 1854 etwas, als der 30jährige
86Handelsmann Levi Wolff aus Hildesheim sie heiraten will.
87
88Der
89Hildesheimer Magistrat hat Bedenken wegen der wirtschaftlichen Lage
90des Bräutigams. Aus diesem Grunde richtet er am 11. März 1854 eine
91Anfrage an die Gemeinde Rössing, ob die Angaben des Wolff zutreffen,
92dass der „Fabrikant“ Neuberg seine Tochter mit einem Brautschatz
93von 400 Reichsthalern ausstatten kann,
94
95und
96außerdem erkundigt er sich nach dem guten Ruf der Braut.
97
98Beide
99Fragen werden wohlwollend beantwortet.
100
101„*Der
102Fabrikant Neuberg ist sehr wohl des Vermögens, seiner Tochter eine
103Aussteuer von 400 Reichsthalern zu geben.*
104
105*Seine
106Tochter Julie Neuberg hat bis jetzt ein sittlich unbescholtenes Leben
107geführt*.“
108
109# Und so steht einer Heirat wohl nichts mehr im Wege. Allerdings erfahren wir in dem Schreiben auch nicht, ob es sich bei dem Brautvater, dem „Fabrikanten Neuberg, um den Vater Nathan oder seinen Sohn Simon Neuberg handelt.
110
111Kurze
112Zeit später, noch in demselben Jahre 1854 stirbt Nathan Neuberg.
113
114#
115
116# Das Erbe wird geteilt
117
118Nach
119dem Tode des Vaters wird der zweitälteste Sohn von Nathan, der 1811
120geborene Simon Neuberg im Jahr 1855 Synagogenvorsteher.
121
122Das
123Grundstück der Köthnerstelle Nr. 15 wird mit dem Garten der Länge
124nach geteilt. Zu jedem Teil gehört ein Wohnhaus und ein
125langgestreckter Garten. Das linke Haus erbt Simon, es behält die
126Nummer 15 (heute Lange Straße Nr. 7), das rechte Haus erhält der
127jüngste Sohn Conrad. Dies steht mit dem Giebel direkt an der Straße
128und bekommt die neue Hausnummer 71 (heute Lange Straße Nr. 9).
129
130Über
131Nathan, den ältesten Sohn des Ehepaares und die drei Töchter
132erfahren wir nichts. Ob sie verheiratet und fortgezogen oder
133verstorben sind, geht aus den Unterlagen nicht hervor.
134
135**Die
136nächste Generation**
137
138Simon
139Neuberg ist verheiratet mit Friederike Oppenheimer und hat zwei
140Kinder.
141
142Die
143Tochter Regine heiratet 1866 den 30jährigen Hermann Leidensdorf aus
144Neuhaus an der Elbe und verläßt Rössing.
145
146Der
147Sohn David ist Kaufmann und heiratet am 13. Februar 1872 Johanne
148Kaiser aus Eschwege, wo auch die Hochzeit stattfindet, und am 29.
149November desselben Jahres wird er Vater eines Sohnes Paul.
150
151Dieser
152Paul Neuberg taucht später als Inhaber eines Schuhgeschäftes in
153Walsrode auf. Seine Familie fällt später dem Holocaust zum Opfer.
154
155Wahrscheinlich
156ist Simon Neuberg 1873 schon verstorben, denn der Schlachter Israel
157Levi Blumenthal hat zu diesem Zeitpunkt das Amt des
158Synagogenvorstehers inne.
159
160Simon
161Neubergs Wohnhaus wird um die Jahrhundertwende 1899/1900 an
162Schneidermeister Wilhelm Haase verkauft, der es seiner Tochter
163vererbt und seit 1982 ist es im Besitz von Klaus Peinemann.
164
165Die
166Witwe von David Neuberg, Johanne Kaiser, lebt nachdem Wegzug ihres
167Sohnes und dem Verkauf des Hauses noch bis ca. 1930 allein in Rössing
168im Eikenhof Nr. 4 (etwa 2004 abgerissen). In der Nachbarschaft war
169sie als „Tante Nit“ bekannt. Sie hütete oft die Kinder der
170Bauern und ging mit ihnen spazieren, wenn diese keine Zeit hatten.
171Eine stereotype Redewendung von ihr war: „Nit woahr?“, und so kam
172sie zu ihrem Spitznamen. Sie starb etwa 1930 und hat die Zeit der
173Nationalsozialisten nicht mehr erlebt.
174
175Über
176die Familie von Conrad Neuberg oder seine Nachfahren ist nichts
177bekannt. Das Haus Nr 71 wird schon vor der Jahrhundertwende verkauft.
178Es wechselt mehrfach den Besitzer; Kregel, Sindram und bis in die
17950er Jahre Familie Siede. Der letzte Siede war ein besonderes
180Original, er war der letzte Rössinger Bader, gleichzeitig Friseur,
181Apotheker, Arzt, Zahnarzt und Kohlenhändler.
182
183Heute
184hat das Haus einen Sarstedter Besitzer.
185
186Damit
187war die Familie Neuberg in Rössing ausgestorben. Auf dem jüdischen
188Friedhof finden sich auch keine Grabsteine der Familie Neuberg mehr.
189Als 1940 der jüdische Friedhof zwangsweise verkauft wurde, entfernte
190man die umgefallenen und zerbrochenen Grabmale. Es blieben nur Steine
191der Familie Blumenthal erhalten, die bis 1942 in Rössing lebte.
192
193# Weitere Familiennachrichten
194
195Der
196Rössinger Stammvater der Neubergs, Nathan Schay, stammte aus
197Sarstedt. Die Sarstedter Neubergs waren eine angesehene und
198wohlhabende Familie und betrieben Textil- und Schuhhandel auf der
199Hauptstraße. Unter anderem gehörte ihnen das Haus Steinstraße 13,
200die heutige Begegnungsstätte der Gemeinde, bis sie in der NS-Zeit
201dem Holocaust zum Opfer fielen
202
203Quellen:
204NHSA Sign: Hann 74 Cal Nr. 423, 424, 425, 427, 428, 431