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2title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (9)"
3date: 2012-04-26
4authors:
5 - helga_fredebold
6tags: [juedische-geschichte, historie]
7description: "Familienschicksale - Rahel Simson, Amsel Calman und Nathan Schay- Neuberg Im 18. Jahrhundert gab es in Rössing nach den registerförmigen Quellen noch keine verg"
8source: https://fredebold.blogspot.com/2012/04/200-jahre-judische-geschichte-in_3389.html
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11**Familienschicksale
12-** **Rahel
13Simson, Amsel Calman und Nathan Schay- Neuberg**
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15<!--truncate-->
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17Im 18.
18Jahrhundert gab es in Rössing nach den registerförmigen Quellen
19noch keine vergleiteten Juden. Erst als in der Franzosenzeit die
20Bestimmungen liberaler wurden und die Verwaltungen durch die
21Fremdherrschaft sowieso verunsichert waren, faßten sie auch in
22Rössing Fuß.
23
24Im Jahre 18O6 in Rössing wurde hier eine Jüdin
25mit Namen Rahel Simson aktenkundig. Sie stammte aus dem Hessischen
26und war zugewandert, aber bei wem sie in Rössing lebte oder
27arbeitete, geht nicht aus den Akten hervor. Doch dieser Aktenvermerk
28hatte schon eine längere Vorgeschichte.
29
30Am
3124.März des Jahres 18O4 hatte der aus dem Bambergischen zugewanderte
32und in Pattensen lebende „*Judenknecht*“
33Amsel Calman einen Antrag auf Erteilung eines Schutzbriefes auf die
34Dorfschaft Wülfingen gestellt. Das wurde ihm aber mit Schreiben vom
356. August 18O4 von Seiten des "*Calenberg-Grubenhagenschen
36Polizey- und Städte-Departements"* verweigert.
37
38Die
39Begründung lautete:
40
41„*--daß*
42*bei der
43bereits vorhandenen großen Anzahl inländischer Schutzjuden Bedenken
44getragen werde, ausländischen Juden den Schutz in hiesigen Landen zu
45verleihen, mithin dem eingebrachten Gesuch nicht stattgegeben werde.“*
46
47Offenbar hat Amsel Calman doch noch den
48Schutzbrief auf Wülfingen erhalten, der bis "Meytag" 18O6
49Gültigkeit hatte. Inzwischen hatte er sich mit der in Rössing
50lebenden Rahel Simson verlobt und beantragte im März 18O5 die
51Transferierung seines Schutzbriefes von Wülfingen auf das „ganze
52Dorf Rössing." Dazu mußte erst ein Gutachten von der
53Gemeindeverwaltung eingeholt werden.
54
55Rössing bestand damals noch aus 2 Gemeindeteilen,
56dem Amt Rössing und dem Adeligen Gericht Rössing, die erst 1829
57zusammengelegt wurden. Da man der Meinung war, daß mehr als ein
58einziger vergleiteter Jude für Rössing zuviel wäre, befürwortete
59man den Schutzbrief nur für das „ganze" Dorf, nicht etwa
60einen für jeden Gemeindeteil. Amsel Calman lebte vom Pferdehandel
61und erhielt seinen Schutzbrief. Gleichzeitig wurde ihm mitgeteilt,
62daß er dafür weiterhin jährlich 4 Reichstaler an das Amt Calenberg
63zu bezahlen habe, was eine ansehnliche Summe darstellte.
64
65Ob
66es noch zu der beabsichtigten Heirat mit Rahel Simson kam oder ob
67Amsel Calman vorher starb, läßt sich nicht genau feststellen. Kurze
68Zeit nach der Transferierung des Schutzbriefes im Juli 18O5 war er
69jedenfalls tot und Rahel Simson wird manchmal als seine Braut und
70manchmal als seine Witwe bezeichnet.
71
72Quelle:
73NHSA Hannover, Sign. Hann 74 Cal 425
74
75# Rahel Simson und Nathan Schay-Neuberg
76
77Aber
78im März des folgenden Jahres 18O6 hat Rahel Simson einen neuen
79Verlobten, Jesaia Nathan Schay aus Sarstedt, manchmal auch Schey oder
80Schaie geschrieben. Dieser nahm später den Namen Neuberg an, der
81noch manchem alten Rössinger bekannt ist. Rahel Simson beantragte
82den Schutzbrief für ihren Verlobten, damit er nach Rössing ziehen
83könnte und die Hochzeit stattfinden dürfte. Aber der Antrag wurde
84am 14. April 18O6 von „Seiner Königlichen Majestät von Preußen
85provisorisch bestätigter hiesigen Provinzial-Regierung"
86abgelehnt, denn im Jahre 1806 gehörte das Kurfürstentum Hannover im
87Zuge der Napoleonischen Wirren für einige Monate zu Preußen.
88
89Daraufhin
90schrieb Nathan Schay ein weiteres dringendes Gesuch auf Erteilung des
91Schutzbriefes, weil seine Braut jetzt hoch schwanger sei, und er
92zeigte die unglücklichen Folgen, wenn sie nicht mit dem
93Landesherrlichen Schutz begnadigt würden.
94
95*"Es
96steht daher in Eurer Wohlgeborenen Gewalt, meine Braut und mich
97glücklich zu machen oder in namenloses Elend zu stürzen, denn auf
98den Bericht eures hochlöblichen Amtes wird es ankommen, ob ich mit
99dem Landesherrlichen Schutz begnadet werde oder nicht. Ich wage daher
100auf hochderoselben Menschenfreundlichkeit vertrauend, die gehorsamst
101demütigste Bitte: Hochderoselben wollen geruhen, auf das von meiner
102Braut unterm 19.d.M. bei einem hohen Polizey und Städte-Departement
103untertänigst überreichte Gesuch einen wohlmöglich guten Bericht
104huldvollst abzustatten.*
105
106*Ich
107ersterbe in tiefstem Respekt*
108
109*Euer
110Wohlgeboren untertänigster Diener*
111
112## Nathan Schay“
113
114Daraufhin
115ordnet die Provinzialregierung mit Schreiben vom 10. Juli 1806 an,
116daß das Gesuch erneut zu überprüfen sei. Es soll genau dargestellt
117werden, was gegen die Gewährung des Schutzes vorzubringen sei. Der
118Rössinger Amtsvogt beantwortet das Schreiben am 1. August 1806
119wohlwollend. Aber offensichtlich hat sich der ganze Vorgang
120verzögert, vielleicht durch die politischen Veränderungen. Denn am
12116. Oktober 1806 hatten die Preußen in der Schlacht bei Jena und
122Auerstedt eine vernichtende Niederlage erlitten und die Franzosen
123waren wieder die Herren im Lande. Mit Schreiben vom 18. Dezember
124desselben Jahres befürwortet der Vogt erneut, Nathan Schay mit dem
125Schutz zu begnadigen, nachdem er umfassende Erkundigungen über das
126Vermögen, die Lebensumstände und die Familie des Bewerbers aus
127Sarstedt eingezogen hat.
128
129„*Da ich wegen des bisherigen
130Lebenswandels und guter Aufführung die vorzüglichsten Zeugnisse
131erhalten habe, ist gegen eine Schutzbrieferteilung nichts
132einzuwenden.“*
133
134Diese
135erfolgte, wenn auch mit einiger Verzögerung, so daß die Heirat mit
136mit Rachel Simson stattfinden und das Paar sich in Rössing
137niederlassen konnte.
138
139Quelle:
140NHSA Hannover, Sign. Hann 74, Cal
141Nr. 425