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2title: "200 Jahre jüdische Geschichte in Rössing (8)"
3date: 2012-04-26
4authors:
5 - helga_fredebold
6tags: [juedische-geschichte, historie]
7description: "Familienschicksale - Samuel Hirsch und seine Frau Jette Die folgenden Kapitel drehen sich vor allem um die Erlangung der für die Juden überlebenswichtige Schutz"
8source: https://fredebold.blogspot.com/2012/04/200-jahre-judische-geschichte-in_1630.html
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11Familienschicksale - Samuel Hirsch und seine Frau
12Jette
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14Die folgenden Kapitel drehen sich vor allem um die
15Erlangung der für die Juden überlebenswichtige
16Schutzbrieferteilung.
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20Im
21Jahre 1806 stellt der „Judenknecht“ Samuel Hirsch aus Barnten
22wiederholt einen Antrag auf einen Schutzbrief auf Rössing. Als
23„Judenknechte“ wurden alle nicht selbstständig arbeitenden
24männlichen Juden im „Amtsdeutsch“ bezeichnet. Dieser Schutzbrief
25wird ihm mehrmals abgeschlagen.
26
27Der
28gutachterliche Bericht des Rössinger Gemeindevogts war sehr
29ungünstig ausgefallen. Samuel Hirsch stammte aus Barnten, das zum
30Hildesheimer Amt Steuerwald gehörte.
31
32„*Nachdem
33sein in Armut geratener Vater sich zu seinem in Copenhagen
34etablierten Sohne begeben, hat er sich bald im Hildesheimischen, bald
35im Hannöverschen umhergetrieben. Mehr denn ein Schutzjude darf nach
36unserm unterthänigst pflichtmäßigen Dafürhalten im Dorfe Rössing
37nie vergleitet werden, wenn er sich auf ehrliche Art nähren und
38seinen Glaubensgenossen nicht als Bettler zur Last fallen soll. Es
39erscheint der hiesigen Amts- und Gerichtsgemeinde von keinem großen
40Gewicht, ob es gleich bei dem geführten umherschweifenden
41Lebenswandel des Supplikanten uns unthunlich gewesen, von dessen
42bisherigem Wandel zuverlässige Erkundigung einzuziehen.“*
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44In diesem Schreiben vom 18. Dezember 1805 an das
45Regierungs-Collegium des Amtes Calenberg legt der Amtsvogt aus
46Rössing seiner vorgesetzten Behörde nahe, die Schutzbriefanträge
47des Samuel Hirsch ein für allemal abzulehnen.
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49Samuel
50Hirsch hält sich die nächsten Jahre trotzdem vorwiegend in Rössing
51unter dem Adeligen Gericht als unvergleiteter Jude auf. Er lebt vom
52Trödelhandel mehr schlecht als recht. Als während der Franzosenzeit
53das westfälische Namensedikt 1808 verlangte, daß die hannöverschen
54Juden unveränderliche Familiennamen annehmen sollten, nennt er sich
55
56*Samuel
57Hirsch-Neuhaus*
58
59Er
60heiratet während dieser Zeit eine *Jette
61Behrens*
62aus Bernburg, mit welcher er jedoch eine „unzufriedene Ehe“
63führt.
64
65Bürgermeister
66(maire) Georg Opitz beschreibt die Verhältnisse des Ehepaares
67Hirsch-Neuhaus:
68
69„*Samuel Hirsch-Neuhaus, 39 Jahre,
70lebt vom Trödelhandel, seine Vermögensumstände sind schlecht. Er
71lebt unter dem Adeligen Gericht und hat eine Frau.“*
72
73Bei
74der Frage nach der Schutzwürdigkeit heißt es einmal:
75
76„*Er
77führt nicht die beste Lebensart, mißhandelt seine Frau und überläßt
78sie der*
79
80*Wohltätigkeit
81anderer Leute. Er verdient den Schutz nicht.“*
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83Ein
84anderes Mal lautet seine Beurteilung ähnlich:
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86„*Er
87stehet nicht in bestem Rufe, soll jedem schuldig sein und behandelt
88seine Frau äußerst schlecht, hat sich von ihr separiert, gibt ihr
89nichts zu leben und muß Leute um Almosen anbetteln. Meines
90Dafürhaltens soll ihnen der Schutz nicht gewährt werden. Ein Haus
91oder Grundstück besitzt das Paar nicht in Rössing*.“
92
93Nachdem das Paar schon einige Zeit getrennt gelebt
94hatte, ließ es sich im Jahre 1817 förmlich scheiden, und die Ehe
95wurde den jüdischen Gesetzen gemäß aufgehoben. Für ihr
96eingebrachtes Heiratsgut erhielt Jette Behrens von ihrem geschiedenen
97Ehemann 50 Reichstaler zurück.
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991818 hat Samuel Hirsch-Neuhaus dann doch seinen
100Schutzbrief erhalten und der Rössinger Gemeindevogt Opitz steckt
101sich hinter die Verwaltung auf dem Calenberg, um Jette Behrens, die
102sich „*hier immer noch herumtreibt* *und mit allerlei
103Trödeleien abgibt,“* nach Bernburg, in ihre Heimat und zu ihren
104wohlhabenden Verwandten abzuschieben.
105
106„*Obwohl sie hier
107doch gar keine Veranlassung zu längerem Aufenthalt mehr hat, hält
108sie sich doch noch am Ort und in der Umgebung auf und hat auch immer
109noch ein Unterkommen gefunden. Da inzwischen zu befürchten ist, daß
110besagte Person, wenn sie einst alt und hilfsbedürftig ist, dem
111Publico zur Last fällt und um Unterstützung bittet, halte ich es
112für meine Pflicht, die Verhältnisse dem königlichen Amte
113anzuzeigen. Der Jette Behrens sei bitte zu bedeuten, daß sie sich
114binnen einiger Monate von hier wegzubegeben habe.“*
115
116Auf dies Schreiben vom Gemeindevogt Opitz vom
117Dezember 1819 erhält Jette Behrens vom Königlichen Amt Calenberg
118die Aufforderung, sich bis Ostern 1820 aus Rössing und dem hiesigen
119Amte zu entfernen. Offenbar hat sie dieser Aufforderung Folge
120geleistet, denn sie taucht in den Rössinger Akten nicht wieder auf.
121
122Das fiscalische Schutzgeld für Samuel
123Hirsch-Neuhaus war 1818 bei Erteilung des Schutzbriefes zunächst auf
1244 Reichstaler festgesetzt worden. Aber da das Geld nicht beizutreiben
125war, wird es 1822 auf 2 Reichstaler ermäßigt und danach *„wegen
126seiner Dürftigkeit“* ganz erlassen. Bis 1840 wird Samuel
127Hirsch-Neuhaus in den Listen der jüdische Einwohner noch geführt.
128Wahrscheinlich ist er dann gestorben und auf dem jüdischen Friedhof
129in Rössing beigesetzt.
130
131Quelle: NHSA Hannover, Sign. Hann 74, Cal. Nr. 425