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2title: "Der jüdische Friedhof"
3sidebar_label: "Teil 21 – Der jüdische Friedhof"
4sidebar_position: 21
5description: "Der jüdische Friedhof Über den Ursprung des jüdischen Friedhofs an der alten Hildesheimer Straße, am Kirschenbrink, ist nichts bekannt. Aber er ist mit Sicherhe"
6---
7
8**Der jüdische
9Friedhof**
10
11Über den Ursprung des jüdischen
12Friedhofs an der alten Hildesheimer Straße, am Kirschenbrink, ist nichts
13bekannt. Aber er ist mit Sicherheit schon über 200 Jahre alt. Die jüdischen
14Friedhöfe auf den Dörfern wurden immer weitab vom Dorfmittelpunkt angelegt,
15häufig mitten in der Feldmark. Der hiesige Friedhof lag damals auch weitab.
16Durch die Ausdehnung des Dorfes liegt er heute schon am Rande des bebauten
17Gebietes. Aktenkundig wurde der Friedhof am 10. Februar 1813.
18
19Damals war der 56-jährige *Adam Oppenheimer* aus Gronau infolge eines Unglücksfalles beim
20Überschreiten der zugefrorenen und mit Schnee bedeckten Leine ertrunken. Bei
21Rössing war er gefunden und zu einem Hause im Eikenhof gebracht worden. Dort
22wurde er von zwei Gronauer Glaubensgenossen, dem Kaufmann Heine Dannenberg, 23
23Jahre alt, und Isaac Meier, 20 Jahre alt, im Beisein des Rössinger
24Bürgermeisters Georg Opitz, (Rössing Nr. 22) identifiziert und dann auf dem
25Rössinger Judenfriedhof beigesetzt.
26
271992 forschte ein Dr. *Arnold
28Oppenheimer* aus London nach den Gräbern seiner Vorfahren auf dem Rössinger
29Judenfriedhof, zu denen auch der ertrunkene Adam Oppenheimer gehörte. Er teilte
30mit, dass viele seiner Gronauer Vorfahren auf dem Rössinger Friedhof beerdigt
31seien, weil Rössing ein *Sammelfriedhof* gewesen
32sei*.* Darüber waren aber hier bisher
33noch keine Unterlagen aufgefunden worden. Doch es wäre einleuchtend, weil der
34Rössinger Friedhof für die kleine Rössinger Synagogengemeinde allein sehr groß
35gewesen wäre. Dr. Oppenheimer konnte es gar nicht fassen, dass die alten
36Grabsteine seiner Familie nicht mehr erhalten sind, denn die Gräber der Juden
37hatten eine ewige Liegezeit und wurden normalerweise nicht eingeebnet.
38
39Die Zeitspanne zwischen der Feststellung des Todes und der
40Bestattung war bei den Juden immer sehr kurz. Innerhalb von 24 Stunden mussten
41sie beerdigt werden, zumindest durften sie nicht mehr im Hause sein. Erst ca.
4225 Jahre später nach diesem Todesfall, etwa 1840, wurde diese Frist auf 48
43Stunden verlängert, um zu verhindern, dass Scheintote oder im Koma Liegende bei
44lebendigem Leibe begraben wurden.
45
46Quelle:  NHSA  Hannover, Sign. Hann 74, Gronau 1660/1665
47
48# Schliessung der jüdischen Friedhöfe
49
50Am 31. Juli 1938 beantwortete die Gemeinde Rössing
51eine Anfrage der NS-Behörden, den jüdischen Friedhof betreffend:
52
53*„Der
54jüdische Friedhof ist 4,37 ar groß, Eigentümer ist die jüdische Gemeinde in
55Rössing. Die letzte Beerdigung war hier am 5. Juni 1938. Es sind noch etwa 25
56freie Begräbnisplätze vorhanden. Zur Zeit wohnt noch eine jüdische Familie
57Blumenthal mit vier Personen in Rössing.“*
58
59Karl Blumenthal hatte sich schon mit Wilhelm
60Freimann, dem Grenznachbarn des jüdischen Friedhofes, in Anbetracht der sich
61zuspitzenden Judenverfolgungen in Verbindung gesetzt. Wilhelm Freimann grenzte
62mit seinem Hausgrundstück Nr 132, heute als Nr. 45 der Kirchstraße zugeordnet,
63an den Judenfriedhof. Am 2. Juli 1940 wurde in Hannover zwischen dem
64Rechtsanwalt Dr. Hans Israel Ries als alleinigem Vorstand der jüdischen
65Kultusgemeinde, welche die Nachfolgerin der jüdischen Gemeinde in Rössing war,
66und Wilhelm Freimann ein Kaufvertrag mit folgendem Inhalt geschlossen:
67
68*Die Schlosser Wilhelm Freimann kauft den ganzen jüdischen Friedhof von*
69
70*4 ar 37m² für 218,50 RM. Der Käufer verpflichtet sich, während einer
71Liegefrist*
72
73*von 30 Jahren den mit Gräbern belegten Teil des Friedhofs unangetastet
74zu*
75
76*lassen und während der Liegefrist eine Grabpflege in angemessener Weise*
77
78*vorzunehmen, den Angehörigen während der Liegefrist Zutritt zum
79Friedhof zu*
80
81*geben, auch wenn sie nicht mehr in Rössing ansässig sind, ggf.die
82Beerdigung der z. Zt. in Rössing ansässigen Juden auf dem Friedhof zu gestatten
83und unter allen Umständen die Pietät in erforderlicher Weise zu wahren.*
84
85*Der Käufer hinterlegt den Kaufpreis beim Notar. Dieser übermittelt es
86an die Reichsvereinigung der Juden in Berlin, die zugunsten des (jüdischen)
87Gemeindevermögensfonds Rössing überweist.*
88
89*Wilhelm Freimann ist Arier im Sinne des Gesetzes.*
90
91*Unterschrift                           Unterschrift*
92
93Offenbar hatte man die Liegefristen für die
94jüdischen Gräber schon auf 30 Jahre beschränkt.
95
96Bei dieser Art Verträge war folgendes üblich:
97
98Als am 6. September 1940 das Synagogengrundstück in
99Eldagsen verkauft wurde, wurde der Vertrag ebenfalls vor Dr. Ries in Hannover
100abgeschlossen. Als sich die Synagogengmeinde über den geringen Verkaufspreis
101von 2.000 RM beschwerte, wurde ihr mitgeteilt, daß die Synagogengemeinde als
102Verkäuferin sowieso nur 500 RM davon bekäme, 1.500 RM gingen an das Reich als
103Ausgleichszahlung. Außerdem muß der Käufer noch 200 RM an den Makler bezahlen.
104So ähnlich wird es auch beim Verkauf des Rössinger Friedhofs zugegangen sein.
105
106Familie Freimann räumte den Friedhof auf und
107entfernte die umgefallenen und zerbrochenen Grabsteine. Im übrigen hielt sie
108ihn die ganzen Jahre in Ordnung, bis sie ihn nach dem Krieg entschädigungslos
109wieder an die jüdische Gemeinde in Hannover (Haeckelstraße 13) übereignen
110mußte, so war das Gesetz. Bis 1979 pflegte Familie Hachmeister-Freimann, nun
111gegen ein geringes Entgelt, den Friedhof weiter.
112
113Danach wurde eine Gärtnerei mit der Pflege
114beauftragt, die mehrmals im Jahr den Rasen mäht. Die Gräber sind mit Efeu
115bepflanzt, der auch geschnitten wird, und die Grabsteine wurden gereinigt.
116
117Der Friedhof wurde neu eingezäunt, er erhielt
118verschließbare Pforten, und ein holzgeschnitztes Schild „Judenfriedhof“ macht
119auf den etwas versteckten Standort. aufmerksam.
120
121.
122
123Quellen: NHSA Hannover, Sign: Hann 174, Springe Nr.
124163 und Nr. 167
125
126Sechs alte Gräber und Grabsteine stehen noch auf dem
127Friedhof. Vier davon sind aus schon sehr verwittertem Sandstein. Neben den
128Namen und Daten auf der Vorderseite tragen sie auf der Rückseite umfangreiche
129hebräische Inschriften.
130
131**Lewi Blumenthal**                       **Meier Blumenthal**
132
133geb. 1813, gest. 1881                geb. 1819, gest. ---
134
135Sie waren die beiden Söhne des ersten Blumenthal
136Israel Lewi I in Rössing
137
138**Line Blumenthal**                                        **Johanne Blumenthal**
139
140geb. 1819, gest 1884                                 geb. 1855,
141gest. 1926
142
143die Frau von Meier Blumenthal
144              die Schwester von Moritz
145Blumenthal
146
147Der Grabstein von Moritz Blumenthal ist aus
148schwarzem Marmor, der von seiner Frau dagegen schon recht klein und bescheiden.
149
150Hier
151ruht in Gott                                          Hier
152ruht
153
154mein
155unvergesslicher Gatte                     unsere
156liebe Mutter
157
158und
159meiner Kinder                                     **Sophie Blumenthal**
160
161treusorgender Vater                                   geb.
16218.4.1866
163
164**Moritz Blumenthal** gest. 4.5.1938
165
166geb. 7.12.1858
167
168gest. 17.11.1930
169
170Von den fünf Söhnen von Moritz und Sophie Blumenthal
171fand keiner mit seiner Familie die letzte Ruhestätte auf dem Jüdischen Friedhof
172seines Heimatdorfes. Hermann und Gustav mit seiner Frau sind in den USA
173geblieben und dort beerdigt, ebenso Willi.
174
175Robert wurde als erster am 15. Dezember 1941 mit
176Frau und Kindern nach Riga ins Ghetto transportiert, als Todesdatum wurde
177angegeben 26.März 1942. Karl und Familie wurden am 28. März nach Trawniki in
178Polen deportiert. Niemand weiß, wo sie geblieben sind und wie sie den Tod
179fanden.Und von Willis Frau und Kindern haben wir gar keine Daten. Nur der Name
180Blumenthal auf den sechs Grabsteinen erinnert noch an diese jüdische Familie,
181die fast 140 Jahre in Rössing gelebt hat.
182
183**Vier
184Stolpersteine**
185
186Die Gemeinde hat vor dem Hause der Blumenthals in
187der Maschstraße Nr. 22 zum Gedenken an ihre jüdischen Mitbürger am 19. November
1882009 vier „*Stolpersteine“* durch
189Gunter Demnig verlegen lassen: In einer sehr würdevollen Feier in Anwesenheit
190von mehreren Mitgliedern der Familie Blumenthal wurden vier Messingplatten mit
191den Namen der einzelnen Familienmitglieder ins Pflaster vor dem Hause eingelassen.
192Es sind keine wirklichen Stolpersteine, sie sollen nur auffordern einen
193Augenblick des  Gedenkens innezuhalten.
194
195Trotz ihrer schrecklichen Schicksale sind die beiden
196Kinder von Gustav Blumenthal, Werner und Lore, wieder nach Deutschland
197zurückgekommen, um hier zu leben. Werner ist nach der Internierung in Kanada
198nach Herne gegangen, hat 1947 dort geheiratet und seine fünf Kinder leben alle
199in Deutschland – in Berlin, Hamburg und Herne. Von dort sind sie gekommen, um
200an der Feier teilzunehmen.
201
202Lore ist nach dem Tode der Mutter - mit ihrem
203amerikanischen Mann und dessen Mutter - ihrem Bruder nach Herne gefolgt. 1999 ,
204mit 73 Jahren, ist sie in Herne gestorben.
205
206---
207
208*Aus der Reihe von Helga Fredebold, ursprünglich veröffentlicht am 2012-06-24 auf [fredebold.blogspot.com](https://fredebold.blogspot.com/2012/06/200-jahre-judische-geschichte-in_5009.html).*