Skip to content

admin/dorfarchiv

PublicMirror

Mirror of https://forge.levinkeller.de/levin/dorfarchiv.git

183 lines · 8.6 KB
1---
2title: "Familienschicksale: Moritz Blumenthal und seine Söhne"
3sidebar_label: "Teil 14 – Moritz Blumenthal und seine Söhne"
4sidebar_position: 14
5description: "Familienschicksale : Moritz Blumenthal und seine Söhne 1858, am 7. Dezember, wird Moritz Blumenthal geboren. Er wird Schlachter in Rössing, wie schon sein Vater"
6---
7
8**Familienschicksale : Moritz Blumenthal und seine Söhne**
9
101858, am 7. Dezember, wird Moritz Blumenthal geboren. Er
11wird Schlachter in Rössing, wie schon sein Vater, sein Grossvater und sein
12Onkel vor ihm. Am 26. Oktober 1892 heiratet er im Alter von 34 Jahren ein
13Fräulein Sophie Wallhausen aus Lüthorst, und es wird eine großartige Hochzeit
14gefeiert. Die mit riesigem Aufwand gedruckte 
15Hochzeits- zeitung ist noch erhalten.
16
17Dem
18Paar werden fünf Söhne geboren:
19
201893,
2116.Oktober      Gustav Blumenthal
22
231895,
2402. März          Karl Blumenthal
25
261897,
2711. Oktober     Hermann Blumenthal
28
291900,
3023. Juni           Robert Blumenthal
31
321901,
3330. Dezember Willi Blumenthal.
34
351897 werden wieder erhebliche Geldmittel für Haus und Nebengebäude
36aufgewendet. Die Wagenremise und der Stall werden erneuert, und der Taxwert des
37Wohnhauses erhöht sich wieder um gut 1000 Mark auf 8387 Mark.
38
391907 erfolgt eine bedeutende Modernisierung der Schlachterei
40und auch das Wohnhaus wird noch einmal verbessert.
41
42Quelle: NHSA  Sign:
43Hann 174, Springe 162
44
45**Ein moderner Betrieb**
46
47Im Jahr 1907 bringt Moritz Blumenthal seine Schlachterei auf
48den modernsten Stand. Da der  Bau eines
49Kühlkellers wegen der Lage des Hauses in der Masch mit ihrem hohen Grundwasserstand nicht möglich ist,
50baut er oberirdisch einen Eisturm, der heute noch vorhanden ist. Ein
51doppelwandiger, ca. 5 m hoher Turm, dessen 8o cm breite Zwischenwände zur
52Isolierung mit Torf gefüllt sind, wird von der Seite durch eine oben
53befindliche Luke im Winter mit Eis gefüllt und hält ihn über den ganzen Sommer
54kühl. Das Dach und der daneben liegende Kühlraum werden ebenso ausgestattet.
55
56Wenn das Eis im Winter auf dem Schloßteich dick genug war,
57wurde es geschnitten und eingelagert. Im Winter galt Blumenthal als begehrter
58Arbeitgeber, beschäftigte er doch zeitweilig bis zu 15 Personen in der
59arbeitsarmen Zeit mit Eisschneiden. An der Sohle des Eisturms ist eine türgroße
60Öffnung zum Kühlraum, in dem das Fleisch auch im heißesten Sommer hervorragend
61gekühlt wurde. Es gab ja noch kein künstlich hergestelltes Stangeneis. Die  Schlachterei Moritz Blumenthal war weit und
62breit bekannt für ihr hervorragendes Fleisch. Wenn man ein besonders gutes
63Stück Fleisch haben wollte, kaufte man es bei Blumenthal. Natürlich gab es dort
64vorwiegend Rindfleisch und manchmal Hammelfleisch. Schweine wurden nicht
65geschlachtet oder verkauft. Die Rinder suchte sich Blumenthal bei den Bauern
66aus und war als hartnäckiger und harter Verhandlungspartner bekannt. Mit Pferd
67und Wagen fuhr er  über Land, sogar bis
68Hannover. Sein Fleisch verkaufte er in den umliegenden Dörfern, wo man an
69bestimmten Tagen schon auf ihn wartete.
70
71**Rituelles
72Schlachten**
73
74Die linke Hälfte des Erdgeschosses wurde als Schlachterei
75genutzt. Das heutige große Schaufenster gab es noch nicht. Fensterläden zur
76Straßenseite schützten vor Sonneneinstrahlung.
77
78Das Schlachten der Rinder erfolgte nach dem jüdischen
79Ritualkodex. Dazu kam extra ein Schächter als Kultbeamter aus Pattensen oder
80auch aus Hannover. Mit Pferd und Wagen wurde er vom Bahnhof Barnten abgeholt.
81In einem besonderen Kasten, ähnlich  wie
82ein Geigenkasten, brachte er das Messer zum Schächten mit, das nicht die
83geringste Scharte aufweisen durfte. Geschlachtet wurde in dem Raum, der einen
84Eingang von der linken Hofseite aus hat. Von der Hofmauer aus schauten die
85Dorfjungen manchmal bei der Zeremonie zu, die sie als sehr grausam empfanden.
86Mit Ketten wurden die Tiere an den Füßen gefesselt, durch eine Winde zu Fall
87gebracht und ohne Betäubung Halsschlagader, Speise- und Luftröhre durchtrennt,
88um eine völlige Ausblutung zu erreichen.
89
90Das Schächten wurde im NS-Deutschland, am 21.4.1933,
91verboten. Durch Verord-nungen der Militärregierungen von 1946 und 1947 wurde es
92wieder zugelassen.
93
94Auch die jüdischen Beerdigungen erweckten das Interesse der
95Dorfjugend, weil sie  anders waren als
96die hier üblichen. Besonders die Särge fielen ihnen auf. Sie hatten keinen
97hochgewölbten Deckel und waren aus unbearbeitetem Holz.
98
99**Karl Blumenthal
100und seine Brüder**
101
102In Rössing wußte man bisher nur von drei Brüdern, Karl,
103Robert und Willi, die in den 1920er und 1930er Jahren voll in der
104Dorfgemeinschaft integriert waren. Daß es noch zwei weitere Brüder Blumenthal
105gab, Gustav (geb. 1893), und Hermann (geb. 1897) war bisher in Rössing unbekannt.
106Von der Existenz dieser beiden Brüder erfuhr man erst fast 100 Jahre später
107durch Kurt Blumenthal, den Enkel von Gustav, als er Im Jahre 2008 auf den
108Spuren seiner Ahnen ihre Gräber in Rössing besuchen wollte. Er überließ mir ein
109Exemplar der 2003 von seinem Vater Werner verfaßten Familienchronik, durch die
110wir umfassende Informationen über die Schicksale der einzelnen
111Familienmitglieder erhielten.
112
113Gustav und Hermann Blumenthal haben Rössing schon jung
114verlassen und wurden sehr erfolgreiche und wohlhabende Geschäftsleute in
115Bochum. Das Startkapital stammte wohl vom Vater Moritz, denn sie wurden
116Besitzer oder Teilhaber der Firma Gebr. Koppel 
117später Heymann & Co, eines großen Geschäfts-oder Kaufhauses der Textilbranche,
118was ihnen einen recht luxuriösen Lebensstil ermöglichte mit Tennisspiel,
119Reitstunden im Tattersall, Urlaubsreisen und einem Auto mit Chauffeur.
120
121Dadurch, daß sie Rössing frühzeitig verließen und sehr
122wohlhabend wurden, entgingen sie wahrscheinlich dem Schicksal ihrer drei
123Brüder, denn ihnen gelang noch rechtzeitig die Ausreise in die USA.
124
125Nach „Arisierung“ ihres Geschäftes und KZ-Aufenthalt gelang
126Hermann Blumenthal 1940 die kostspielige „Auswanderung“ in die USA, von wo aus
127er durch Stellung einer Bürgschaft ein Visum für seinen Bruder Gustav mit
128Familie besorgen konnte und ihnen so die Flucht aus Nazi-Deutschland im August
1291942 in letzter Minute ermöglichte.
130
131.
132
133Die andern drei Brüder wuchsen in Rössing heran und teilten
134das Dorfleben bis ins Erwachsenenalter. Karl und Willi wurden Schlachter wie
135ihre Vorfahren und arbeiteten im väterlichen Betrieb, während Robert, der an
136einer Bechterewschen Wirbelsäulenverkrümmung litt , einen kaufmännischen Beruf
137ergriff.
138
139**Der Erste
140Weltkrieg**
141
142Als 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, rief nicht nur der „*Centralverein deutscher Staatsbürger
143jüdischen Glaubens*", sondern auch die „*Zionistische Vereinigung für Deutschland"* zur
144Vaterlandsverteidigung auf, letztere mit den Worten:
145
146***"****Wir rufen Euch auf, im Sinne des alten jüdischen
147Pflichtgebots mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen, Euch dem
148Dienste des Vaterlandes hinzugeben."*
149
150Die ganze Familie war deutsch-national eingestellt, und die
151drei ältesten Blumenthal-Brüder Gustav, Hermann und Karl folgten dem Aufruf und
152meldeten sich als Kriegsfreiwillige. Hermann wurde Unteroffizier und am 17.
153Oktober 1917 wurde ihm
154
155*„von* Sr. *Majestät vom Kaiser und König das Eiserne
156Kreuz II. Klasse* verliehen“.
157
158Alle drei Brüder hatte das Erlebte geprägt, aber sie hüteten
159ihr deutsches Nationalbewusstsein. Hermann war stolz auf seine
160Kriegs-Auszeichnung und bewahrte die Verleihungsurkunde sein Leben lang auf.
161
162Die Blumenthals lebten in Rössing als alteingesessene
163Bürger, nahmen am Dorfleben teil und traten nach außen hin recht bescheiden
164auf. Auf dem Erinnerungsfoto an das Stiftungsfest der Freiwilligen Feuerwehr
165von 1928  sind Karl und Willi Blumenthal
166mit verewigt und bei den geselligen Zusammenkünften des im Jahre 1900
167gegründeten  „Klub Frohsinn" war
168Willi Blumenthal ebenfalls mit von der Partie, wie ein Foto von 1932 zeigt
169(siehe Bildband „Rössing, unser Dorf im Wandel"). Karl, Mitte der 20er
170Jahre mit Henny Hartogsohn (geb. 1899) aus Emden verheiratet,  hatte mit ihr zwei Kinder – Hanna, geb. am 6.
171März 1928,  und Hans-Jürgen, der am 7.
172November 1931 geboren wurde.
173
174Karl Blumenthal, einer der besten Sänger im Gesangverein
175„Concordia“, wurde 1935 aus rassistischen Gründen ausgeschlossen. Karl Pahl,
176der 1. Vorsitzende des Vereins, hatte mehrfach erfolglos zugunsten von Karl
177Blumenthal interveniert. Man setzte ihn höheren Ortes so unter Druck, daß er
178schließlich nachgeben mußte, weil er sonst selbst in größte Schwierigkeiten
179gekommen wäre.
180
181---
182
183*Aus der Reihe von Helga Fredebold, ursprünglich veröffentlicht am 2012-06-24 auf [fredebold.blogspot.com](https://fredebold.blogspot.com/2012/06/200-jahre-judische-geschichte-in_24.html).*