Skip to content

admin/dorfarchiv

PublicMirror

Mirror of https://forge.levinkeller.de/levin/dorfarchiv.git

142 lines · 5.8 KB
1---
2id: 09-familienschicksale
3slug: 09-familienschicksale
4title: "Familienschicksale"
5sidebar_label: "Teil 9 – Familienschicksale"
6sidebar_position: 9
7description: "Familienschicksale - Rahel Simson, Amsel Calman und Nathan Schay- Neuberg Im 18. Jahrhundert gab es in Rössing nach den registerförmigen Quellen noch keine verg"
8---
9
10**Familienschicksale
11-** **Rahel
12Simson, Amsel Calman und Nathan Schay- Neuberg**
13
14Im 18.
15Jahrhundert gab es in Rössing nach den registerförmigen Quellen
16noch keine vergleiteten Juden. Erst als in der Franzosenzeit die
17Bestimmungen liberaler wurden und die Verwaltungen durch die
18Fremdherrschaft sowieso verunsichert waren, faßten sie auch in
19Rössing Fuß.
20
21Im Jahre 18O6 in Rössing wurde hier eine Jüdin
22mit Namen Rahel Simson aktenkundig. Sie stammte aus dem Hessischen
23und war zugewandert, aber bei wem sie in Rössing lebte oder
24arbeitete, geht nicht aus den Akten hervor. Doch dieser Aktenvermerk
25hatte schon eine längere Vorgeschichte.
26
27Am
2824.März des Jahres 18O4 hatte der aus dem Bambergischen zugewanderte
29und in Pattensen lebende „*Judenknecht*“
30Amsel Calman einen Antrag auf Erteilung eines Schutzbriefes auf die
31Dorfschaft Wülfingen gestellt. Das wurde ihm aber mit Schreiben vom
326. August 18O4 von Seiten des "*Calenberg-Grubenhagenschen
33Polizey- und Städte-Departements"* verweigert.
34
35Die
36Begründung lautete:
37
38„*--daß*
39*bei der
40bereits vorhandenen großen Anzahl inländischer Schutzjuden Bedenken
41getragen werde, ausländischen Juden den Schutz in hiesigen Landen zu
42verleihen, mithin dem eingebrachten Gesuch nicht stattgegeben werde.“*
43
44Offenbar hat Amsel Calman doch noch den
45Schutzbrief auf Wülfingen erhalten, der bis "Meytag" 18O6
46Gültigkeit hatte. Inzwischen hatte er sich mit der in Rössing
47lebenden Rahel Simson verlobt und beantragte im März 18O5 die
48Transferierung seines Schutzbriefes von Wülfingen auf das „ganze
49Dorf Rössing." Dazu mußte erst ein Gutachten von der
50Gemeindeverwaltung eingeholt werden.
51
52Rössing bestand damals noch aus 2 Gemeindeteilen,
53dem Amt Rössing und dem Adeligen Gericht Rössing, die erst 1829
54zusammengelegt wurden. Da man der Meinung war, daß mehr als ein
55einziger vergleiteter Jude für Rössing zuviel wäre, befürwortete
56man den Schutzbrief nur für das „ganze" Dorf, nicht etwa
57einen für jeden Gemeindeteil. Amsel Calman lebte vom Pferdehandel
58und erhielt seinen Schutzbrief. Gleichzeitig wurde ihm mitgeteilt,
59daß er dafür weiterhin jährlich 4 Reichstaler an das Amt Calenberg
60zu bezahlen habe, was eine ansehnliche Summe darstellte.
61
62Ob
63es noch zu der beabsichtigten Heirat mit Rahel Simson kam oder ob
64Amsel Calman vorher starb, läßt sich nicht genau feststellen. Kurze
65Zeit nach der Transferierung des Schutzbriefes im Juli 18O5 war er
66jedenfalls tot und Rahel Simson wird manchmal als seine Braut und
67manchmal als seine Witwe bezeichnet.
68
69Quelle:
70NHSA Hannover, Sign. Hann 74 Cal 425
71
72# Rahel Simson und Nathan Schay-Neuberg
73
74Aber
75im März des folgenden Jahres 18O6 hat Rahel Simson einen neuen
76Verlobten, Jesaia Nathan Schay aus Sarstedt, manchmal auch Schey oder
77Schaie geschrieben. Dieser nahm später den Namen Neuberg an, der
78noch manchem alten Rössinger bekannt ist. Rahel Simson beantragte
79den Schutzbrief für ihren Verlobten, damit er nach Rössing ziehen
80könnte und die Hochzeit stattfinden dürfte. Aber der Antrag wurde
81am 14. April 18O6 von „Seiner Königlichen Majestät von Preußen
82provisorisch bestätigter hiesigen Provinzial-Regierung"
83abgelehnt, denn im Jahre 1806 gehörte das Kurfürstentum Hannover im
84Zuge der Napoleonischen Wirren für einige Monate zu Preußen.
85
86Daraufhin
87schrieb Nathan Schay ein weiteres dringendes Gesuch auf Erteilung des
88Schutzbriefes, weil seine Braut jetzt hoch schwanger sei, und er
89zeigte die unglücklichen Folgen, wenn sie nicht mit dem
90Landesherrlichen Schutz begnadigt würden.
91
92*"Es
93steht daher in Eurer Wohlgeborenen Gewalt, meine Braut und mich
94glücklich zu machen oder in namenloses Elend zu stürzen, denn auf
95den Bericht eures hochlöblichen Amtes wird es ankommen, ob ich mit
96dem Landesherrlichen Schutz begnadet werde oder nicht. Ich wage daher
97auf hochderoselben Menschenfreundlichkeit vertrauend, die gehorsamst
98demütigste Bitte: Hochderoselben wollen geruhen, auf das von meiner
99Braut unterm 19.d.M. bei einem hohen Polizey und Städte-Departement
100untertänigst überreichte Gesuch einen wohlmöglich guten Bericht
101huldvollst abzustatten.*
102
103*Ich
104ersterbe in tiefstem Respekt*
105
106*Euer
107Wohlgeboren untertänigster Diener*
108
109## Nathan Schay“
110
111Daraufhin
112ordnet die Provinzialregierung mit Schreiben vom 10. Juli 1806 an,
113daß das Gesuch erneut zu überprüfen sei. Es soll genau dargestellt
114werden, was gegen die Gewährung des Schutzes vorzubringen sei. Der
115Rössinger Amtsvogt beantwortet das Schreiben am 1. August 1806
116wohlwollend. Aber offensichtlich hat sich der ganze Vorgang
117verzögert, vielleicht durch die politischen Veränderungen. Denn am
11816. Oktober 1806 hatten die Preußen in der Schlacht bei Jena und
119Auerstedt eine vernichtende Niederlage erlitten und die Franzosen
120waren wieder die Herren im Lande. Mit Schreiben vom 18. Dezember
121desselben Jahres befürwortet der Vogt erneut, Nathan Schay mit dem
122Schutz zu begnadigen, nachdem er umfassende Erkundigungen über das
123Vermögen, die Lebensumstände und die Familie des Bewerbers aus
124Sarstedt eingezogen hat.
125
126„*Da ich wegen des bisherigen
127Lebenswandels und guter Aufführung die vorzüglichsten Zeugnisse
128erhalten habe, ist gegen eine Schutzbrieferteilung nichts
129einzuwenden.“*
130
131Diese
132erfolgte, wenn auch mit einiger Verzögerung, so daß die Heirat mit
133mit Rachel Simson stattfinden und das Paar sich in Rössing
134niederlassen konnte.
135
136Quelle:
137NHSA Hannover, Sign. Hann 74, Cal
138Nr. 425
139
140---
141
142*Aus der Reihe von Helga Fredebold, ursprünglich veröffentlicht am 2012-04-26 auf [fredebold.blogspot.com](https://fredebold.blogspot.com/2012/04/200-jahre-judische-geschichte-in_3389.html).*